Wirtschaft

Zukunft oder Krise? VW-Chef Blume unter Druck in Emden

Alarm bei VW in Emden: Blume stellt sich der Belegschaft – steht das einstige E-Auto-Vorzeigewerk plötzlich auf der Kippe?

26.08.2026, 11:21 Uhr

Blume in Emden und Zwickau unter Druck – Managementabbau, Proteste und weiter offene Zukunftsfragen bei VW

VW-Konzernchef Oliver Blume hat nach dem Auftakt der außerordentlichen Betriebsversammlungen in Wolfsburg auch den Fragen der Beschäftigten in Emden und Zwickau gestellt. Beide Standorte stehen seit Wochen besonders im Fokus, weil sie neben Hannover und dem Audi-Werk in Neckarsulm zu den Fabriken zählen, für die es aus Konzernsicht noch keine „wettbewerbsfähige Belegung“ für die 2030er-Jahre gibt.

Einschnitte im Management angekündigt

In Emden kündigte Blume angesichts des verschärften Sparkurses spürbare Einschnitte im Management an. Dort werde besonders genau hingeschaut, ein Viertel der Stellen solle wegfallen. Alle Bereiche müssten ihren Beitrag leisten, sagte der VW-Chef. Das sei ein Kraftakt, der nur gemeinsam gelingen könne.

Beim möglichen Stellenabbau im Konzern geht es im nächsten Schritt vor allem um Kosten außerhalb der direkten Fahrzeugproduktion. Gemeint sind insbesondere zentrale Konzernfunktionen sowie Bereiche wie Entwicklung und Vertrieb. Bereits im Frühjahr hatte Blume angekündigt, an einem neuen „Zielbild 2030“ zu arbeiten und den Sparkurs weiter zu verschärfen.

Die häufig genannte Zahl von 50.000 gefährdeten Stellen hatte Blume zuletzt nicht als feste Zielmarke bezeichnet, sondern als rechnerische Größe aus den Kosten. Trotzdem wächst im Konzern die Sorge, dass im Zuge des Sparprogramms noch deutlich mehr Jobs zur Disposition stehen könnten.

Emden steht weiter unter Druck

Blume machte in Emden erneut deutlich, wie schwierig die Wettbewerbslage des Werks in Ostfriesland ist. Volkswagen vergleiche seine Fabriken mit den leistungsfähigsten Standorten Europas, um die Wettbewerbsfähigkeit dauerhaft zu sichern. Die Arbeitskosten in Emden lägen mehr als doppelt so hoch wie an vergleichbaren europäischen Standorten, auch bei den Fabrikkosten seien andere Werke klar günstiger.

Zugleich versuchte Blume, den Beschäftigten den Hintergrund der Debatte zu erklären. Die Welt, auf deren Grundlage viele Entscheidungen der vergangenen Jahre getroffen worden seien, gebe es so nicht mehr, sagte er. Deshalb müsse die Lage immer wieder neu bewertet werden. Zwar seien in Emden die Kosten bereits gesenkt worden, im Vergleich blieben sie aber hoch. Das sei kein Vorwurf an die Belegschaft, sondern die Realität, an der sich der Standort messen lassen müsse.

Für Emden gibt es nach Konzernangaben bislang keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er-Jahre. Blume betonte erneut, dass es bislang keine Entscheidung zu möglichen Werkschließungen gebe. Zugleich stellte er klar, dass Volkswagen auch dann in der Verantwortung stehe, wenn trotz aller Anstrengungen keine Belegung gefunden werde. Dann gehe es um industrielle Perspektiven und Beschäftigung – gemeinsam mit Partnern, Investoren und neuen industriellen Lösungen.

Emden: E-Auto-Standort trotz Milliardeninvestition in der Debatte

Dass ausgerechnet Emden als gefährdet gilt, sorgt in der Region weiter für Unverständnis. Ende 2024 war dort bereits der letzte Wagen mit Verbrennungsmotor vom Band gelaufen. Nach hohen Investitionen produziert Volkswagen in Ostfriesland inzwischen ausschließlich Elektroautos, darunter den ID.7.

Rund 7.700 Menschen arbeiten in dem Werk. Es gilt als wichtigster industrieller Arbeitgeber in Ostfriesland.

Bereits im Juli hatten Betriebsrat und Gewerkschaft in Emden gegen Berichte über verschärfte Sparmaßnahmen im Konzern protestiert. Viele Beschäftigte reagierten empört, weil der Standort die Transformation zur Elektromobilität bereits vollzogen hat.

Demonstration in Zwickau vor Blumes Besuch

Nach dem Termin in Emden reiste Blume weiter nach Zwickau. Vor dem Werkstor demonstrierten dort VW-Beschäftigte gemeinsam mit Mitarbeitern von Zulieferern für eine Zukunft des Standorts. Auf Plakaten standen Slogans wie „Mama, hast du in 5 Jahren noch Arbeit?“ und „Vereint für unsere Zukunft kämpfen“.

Der Zwickauer Betriebsratschef Mario Albert hatte bereits darauf verwiesen, dass der Standort seine Sparziele erfüllt. Nun zeigte sich aber auch nach Blumes Auftritt, dass viele Fragen offenblieben. Der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Zwickau, Thomas Knabel, sagte, die entscheidenden Fragen seien nicht beantwortet worden. Mike Rösler, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats von Volkswagen Sachsen, sprach von einer gemischten Stimmung: Es habe nicht die Antworten gegeben, die sich viele erhofft hätten – allerdings auch keine Hiobsbotschaften.

Zwickau verliert weiter Jobs – Blume lobt den Standort, warnt aber weiter

Die Fahrzeugfabrik in Zwickau gilt bei Volkswagen als Pionier der Elektromobilität. Seit 2020 werden dort ausschließlich E-Autos gebaut. Weil inzwischen auch andere Werke in die Elektrofertigung eingestiegen sind, ist die Auslastung in Zwickau jedoch gesunken.

Das hatte bereits Folgen für die Belegschaft: Statt in drei Schichten wird nur noch in zwei produziert. Nach rund 11.000 Beschäftigten in Spitzenzeiten arbeiten aktuell noch etwa 8.000 Menschen im Werk. Mehr als 1.000 weitere Jobs sollen in den kommenden Jahren planmäßig wegfallen. Zudem soll 2027 eine der beiden Fertigungslinien stillgelegt werden.

Nach Unternehmensangaben lobte Blume in Zwickau die Anstrengungen der Beschäftigten, die Kosten am Standort zu senken. Sie hätten Abläufe verbessert, Kosten reduziert und den vereinbarten Personalumbau planmäßig vorangetrieben. Sachsen sei im Konzern ein Beispiel dafür, wie Veränderung gelingen könne, sagte der VW-Chef sinngemäß.

Gleichzeitig machte er deutlich, dass der Konzern aus seiner Sicht noch nicht am Ziel sei. Es gehe darum, die Wettbewerbsfähigkeit dauerhaft zu sichern. Auch in Zwickau lägen die Arbeitskosten demnach bei mehr als dem Doppelten vergleichbarer europäischer Standorte, bei den Fabrikkosten seien andere Werke ebenfalls günstiger.

Viele Zulieferer hängen am Werk

Wie stark die Region von der Autoproduktion abhängt, machten auch Beschäftigte von Zulieferern deutlich. Marcel Kuczyk, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender von Schnellecke Logistics in Glauchau, kam mit mehreren Kollegen an das Werkstor in Zwickau, um sich für den Erhalt des Standorts einzusetzen. Nach seinen Angaben arbeiten allein dort rund 600 Menschen, deren Beschäftigung vollständig am Zwickauer VW-Werk hängt.

Weitere Standorte in Sachsen im Blick

Mit dem Motorenwerk in Chemnitz und der Gläsernen Manufaktur in Dresden hat Volkswagen zwei weitere Standorte in Sachsen. Dort werden an diesem Donnerstag Vorstandsmitglieder von VW erwartet. In Dresden werden bereits keine Autos mehr produziert.

Schon vor den Betriebsversammlungen hatte es am Montag ein Spitzentreffen in der sächsischen Staatskanzlei gegeben. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) sprachen dort mit Blume und VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch.

Panter stellte sich anschließend demonstrativ hinter die sächsischen Werke. Die Standorte in Sachsen seien eine Perle im VW-Konzern, sagte er. Eine solche Perle dürfe man nicht wegwerfen. Zudem verwies er darauf, dass Volkswagen zugesichert habe, dass für alle Standorte im Wettbewerb dieselben Bedingungen gelten. Deshalb gehe er davon aus, dass es auch künftig Fahrzeugproduktion in Zwickau geben werde.

VW-Betriebsrat bleibt auf Konfrontationskurs

Zusätzlichen Druck bekommt Blume aus dem Konzernbetriebsrat. Das Gremium hatte sich über die aus seiner Sicht zu vagen Informationen des Konzernchefs zu den Zukunftsplänen entrüstet gezeigt und außerordentliche Betriebsversammlungen an insgesamt neun Standorten einberufen.

Betriebsratschefin Daniela Cavallo kritisierte bereits beim Auftakt in Wolfsburg den Umgang des Konzernchefs mit der Belegschaft scharf. Mit einem CEO, der seinen Leuten nicht sage, was Sache sei, lasse sich nicht arbeiten, sagte sie. Das Vertrauen insbesondere in Blume sei beschädigt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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