Wirtschaft

Kanadas Zollhammer: So setzt es die USA unter Druck

Kanadas Zoll-Schachzug zielt auf Republikaner vor den Midterms – trifft Ottawa Trump jetzt an seiner empfindlichsten Stelle?

26.08.2026, 12:04 Uhr

Kanada will die USA mit seinen Vergeltungszöllen nicht nur wirtschaftlich, sondern auch mit Blick auf die anstehenden Zwischenwahlen unter Druck setzen. Industrieministerin Mélanie Joly sagte, Ottawa richte seinen Fokus gezielt auf Waren, die einzelne US-Bundesstaaten besonders träfen. Man gehe dabei bewusst strategisch vor, um politischen Druck aufzubauen.

Welche Staaten konkret gemeint sind, ließ Joly offen. Nach Berichten US-amerikanischer Medien könnte etwa der Bundesstaat Maine im Nordosten betroffen sein, etwa durch neue Aufschläge auf Fisch und Meeresfrüchte. Dort kandidiert die republikanische Senatorin Susan Collins bei den Wahlen im November erneut. Sie hatte sich mehrfach gegen weitreichende Zölle auf kanadische Produkte ausgesprochen und vor Gegenmaßnahmen aus Ottawa gewarnt. Erst am Samstag erklärte sie, die Regierung müsse die Folgen solcher Abgaben für Unternehmen, Gemeinden und Familien in Maine stärker beachten.

Enge Mehrheitsverhältnisse im Kongress

Bei den sogenannten Midterms am 3. November werden rund ein Drittel der Sitze im Senat sowie das gesamte Repräsentantenhaus neu vergeben. Da die Republikaner in beiden Kammern nur über knappe Mehrheiten verfügen, könnten schon wenige Sitze den Ausschlag geben. Verlieren sie ihre Mehrheit in einer oder sogar beiden Kammern, dürfte es für Präsident Donald Trump deutlich schwieriger werden, seine politische Agenda durchzusetzen.

Handelskonflikt spitzt sich weiter zu

Seit dem Scheitern der Handelsgespräche Ende vergangener Woche ist der Streit deutlich eskaliert. Die USA führten am Wochenende Zölle von 50 Prozent auf kanadische Produkte im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar ein. Betroffen sind unter anderem Hockeyschläger, Möbel, Honig und Wein.

Kanadas Premierminister Mark Carney reagierte darauf mit der Ankündigung von Gegenzöllen von bis zu 50 Prozent auf US-Importe in vergleichbarer Größenordnung. Nach Angaben der kanadischen Regierung sollen sich die Gegenmaßnahmen vor allem auf Produkte aus den Bereichen Stahl und Aluminium, Haushaltsgeräte, landwirtschaftliche Ausrüstung, Zellstoff und Papier sowie Elektronik erstrecken.

Handelsminister Dominic LeBlanc sagte, Ottawa habe zwar weiterhin ein Abkommen bevorzugt, das beiden Ländern nütze. Kanada werde aber nicht untätig auf einen Anruf aus Washington warten.

Die Spannungen schwelen schon länger. Seit Beginn seiner zweiten Amtszeit überzieht Trump den nördlichen Nachbarn immer wieder mit Vorwürfen und Provokationen – vom Vorwurf, Kanada tue zu wenig gegen den Schmuggel von Fentanyl in die USA, bis hin zur wiederholten Drohung, das Land zum 51. US-Bundesstaat zu machen. US-Vizepräsident JD Vance bezeichnete Kanada zuletzt sogar als "State" und sprach anschließend von einem "freudschen Versprecher".

Scharfe Töne aus Kanada

In Kanada wächst der politische Widerstand gegen Trumps Kurs. Besonders deutlich äußerte sich Doug Ford, Regierungschef der wirtschaftsstärksten Provinz Ontario. Er beschimpfte Trump als "Diktator", "Verlierer" und "König der Bankrotte". Ford drohte zudem mit Einschränkungen bei Stromlieferungen aus Kanada in die US-Bundesstaaten New York, Michigan und Minnesota sowie beim Zugang zu kritischen Rohstoffen.

Auto-, Stahl- und Aluminiumbranche im Fokus

Carney wirft den USA vor, gezielt kanadische Schlüsselindustrien wie die Automobil-, Stahl- und Aluminiumindustrie treffen oder sogar "zerstören" zu wollen. Zusätzliche Brisanz erhielt der Konflikt durch Trumps Drohung, die Importabgaben für Autos, große und kleine Lastwagen, Autoteile und Stahl ab dem 1. Januar 2027 auf 50 Prozent anzuheben.

Wie stark beide Länder wirtschaftlich verflochten sind, zeigt besonders der Automobilsektor: 85 Prozent aller aus Kanada exportierten Autos gingen 2024 in die Vereinigten Staaten. Trump begründet seine Zollpolitik unter anderem damit, Kanada nutze die USA seit Jahren aus. Laut US-Zensus ist Kanada derzeit der zweitgrößte Handelspartner der Vereinigten Staaten.

Millionen Jobs hängen am Handel beider Länder

Besonders eng sind Kanada und die USA im Energiesektor miteinander verbunden. Kanada ist der mit Abstand wichtigste ausländische Lieferant von Rohöl für die Vereinigten Staaten. Auch Erdgas und Strom fließen in großem Umfang über die gemeinsame Grenze. In beiden Ländern hängen Millionen Arbeitsplätze vom gegenseitigen Handel ab.

Gemeinsam mit den Gegenzöllen kündigte Ottawa Hilfen für betroffene Branchen in Höhe von 7,5 Milliarden kanadischen Dollar an.

Ottawa rechnet mit einem langen Konflikt

In Kanada wächst zugleich die Erwartung, dass der Streit nicht rasch beigelegt wird. Der Premierminister der Provinz Manitoba, Wab Kinew, sagte, mit einem "schlechten Menschen" lasse sich kein gutes Geschäft machen. Kanada müsse sich darauf einstellen, sich noch zwei Jahre lang mit Trump auseinanderzusetzen; danach werde hoffentlich wieder mehr Vernunft in die USA zurückkehren.

Auch aus Washington gibt es bislang keine Signale für eine Entspannung. Nach Regierungsangaben gibt es vorerst keinen neuen Termin für Verhandlungen. Trump legte stattdessen weiter nach und brachte sogar ins Spiel, den Lake Ontario in "Lake America" umzubenennen. Auf seiner Plattform Truth Social schrieb er zudem, er rechne künftig nicht mehr mit nennenswerten Geschäften mit Ontario.

Für Carney ist die Krise damit auch ein Test seiner politischen Linie: Der frühere Zentralbankchef wirbt seit Langem dafür, dass sogenannte Mittelmächte enger zusammenarbeiten und dem wirtschaftlichen Druck großer Staaten mit neuen Allianzen begegnen. Ob Kanada mit seinem harten Kurs einen breiteren Effekt auslösen kann, ist allerdings offen. Experten sind uneinig, ob Gegenzölle der richtige Weg im Umgang mit den USA sind.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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