Serious Games auf der Gamescom: Bildungstitel sollen als Spiele überzeugen
Ein geplanter Brandanschlag auf ein Kaufhaus, eine neu gebildete Sonderkommission und die Jagd auf Mitglieder einer linksextremistischen Terrorzelle: Mit diesem Szenario beginnt „Soko 1977“, ein Rollenspiel im Setting der 1970er Jahre. Der Titel erinnert an den Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) und wurde auf der Gamescom als Beispiel für den wachsenden Bereich der Serious Games präsentiert.
Gemeint sind Spiele mit pädagogischem Mehrwert, die nicht nur unterhalten, sondern auch demokratisches Verständnis und weitere Kompetenzen fördern sollen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier informierte sich bei seinem Gamescom-Besuch ebenfalls über solche Projekte. Dabei äußerte er den Wunsch, dass nicht nur Serious Games, sondern auch andere Spiele Raum bieten sollten, um Werte wie Fürsorge, Ehrenamt und gesellschaftliches Engagement zu stärken.
Die Entwicklung von „Soko 1977“ kostete rund 400.000 Euro und wurde von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) finanziert. Nach Einschätzung von Felix Zimmermann von der bpb eignen sich Games besonders gut, um Gespräche über gesellschaftliche und historische Themen anzustoßen. Spielerinnen und Spieler könnten sich aus verschiedenen Perspektiven mit deutscher Vergangenheit und dem Thema Terrorismus befassen. Ziel sei es, Menschen zu erreichen, die ohnehin in ihrer Freizeit spielen: Das Spiel solle unterhalten und zugleich fundiert über ein Thema informieren, das in Games bislang praktisch nicht vorkam.
„Wer ist Bilal?“: Gefahren des Islamismus
Entwickelt wurde „Soko 1977“ vom Berliner Studio Paintbucket Games. Geschäftsführer Jörg Friedrich beobachtet nach eigenen Angaben ein wachsendes öffentliches Interesse an Serious Games. Spiele würden zunehmend als Medium wahrgenommen, mit dem sich auch politische Inhalte vermitteln lassen.
Schon im vergangenen Jahr stellte Paintbucket auf der Gamescom „Wer ist Bilal?“ vor. Das Spiel thematisiert die Gefahren des Islamismus und wurde mit Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen finanziert.
NRW-Medienminister Nathanael Liminski (CDU) betont, Jugendliche müssten dort angesprochen werden, wo sie sich informieren und orientieren. Wer sie für Desinformation und Extremismus sensibilisieren wolle, müsse deshalb auch auf innovative Formate wie Serious Games setzen.
Der pädagogische Mehrwert soll möglichst nicht auffallen
Das seit Februar verfügbare Spiel „Wer ist Bilal?“ wurde laut NRW-Medienministerium rund 50.000-mal in App-Stores heruntergeladen. Auf der begleitenden Website verzeichnete das Angebot zudem mehr als eine Million Aufrufe. Das Ministerium zeigt sich mit dieser Reichweite zufrieden, auch wenn sie im Vergleich zu großen kommerziellen Produktionen eher klein ausfällt.
Offen bleibt allerdings, ob solche Titel tatsächlich jene Zielgruppen erreichen, bei denen Demokratieförderung oder Extremismusprävention besonders wichtig wären. Kritiker bezweifeln, dass Serious Games ausgerechnet Menschen erreichen, die bei diesen Themen besonderen Aufholbedarf haben.
Zimmermann von der bpb hält deshalb für entscheidend, dass solche Spiele nicht wie klassische Lernspiele wirken. Gerade Menschen, die politischer Bildung misstrauisch gegenüberstehen, ließen sich sonst kaum gewinnen. Auf Gaming-Plattformen sei ein zu didaktischer Eindruck ein absolutes No-Go. Auch Friedrich betont, ein Spiel müsse zunächst als Spiel überzeugen: Nutzer sollten einsteigen, weil sie Setting oder Gameplay spannend finden; die pädagogische Ebene erschließe sich eher nebenbei.
So soll „Soko 1977“ regulär über Steam veröffentlicht werden. Wer möchte, kann sich beim Spielen per Klick vertiefend mit historischen Hintergründen beschäftigen. Ebenso sei es möglich, den Titel einfach durchzuspielen, ohne tiefer in das Thema einzusteigen.
„Grenzgänger“ behandelt Flucht aus der DDR
Bei einer Gamescom-Eröffnungsfeier am Mittwoch wurde ein weiteres Serious Game vorgestellt: „Grenzgänger“. Anwesend waren dabei unter anderem Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) und NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU). Das Spiel beschäftigt sich mit der Flucht aus der DDR in die Bundesrepublik in den 1980er Jahren.
In dem Point-and-Click-Adventure erleben Spielerinnen und Spieler die Konflikte mit dem SED-Staat, die riskante Flucht sowie die Ankunft im westdeutschen Notaufnahmelager Gießen zu Beginn der 1980er Jahre. Laut Martin Thiele-Schwez, Geschäftsführer von Playing History, geht es nicht nur um die schwierige Lebensrealität in der DDR, sondern auch um das oft komplizierte Ankommen in der neuen Heimat Bundesrepublik. Das Thema solle bewusst in Grautönen erzählt werden, nicht als einfache Schwarz-Weiß-Geschichte.
Thiele-Schwez hofft, dass „Grenzgänger“ zum Nachdenken anregt und das Verständnis für Flucht und Vertreibung stärkt. Im besten Fall könne ein solches Spiel auch das demokratische Grundverständnis festigen. Es biete einen historischen Rahmen und zugleich einen Diskursraum, um sich mit schwierigen Themen auseinanderzusetzen. Auch für den Schulunterricht hält er das Format für geeignet, weil Schülerinnen und Schüler dadurch leichter in das Thema einsteigen und anschließend gemeinsam darüber sprechen könnten. Aus seiner Sicht sind Spiele ein besonders starkes Medium, um Wissen zu vermitteln und Kompetenzen zu fördern.
Finanziert wurde „Grenzgänger“ von der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte sowie dem hessischen Digitalministerium. Playing History hat zudem weitere Projekte für Bildungseinrichtungen umgesetzt, unter anderem für die Bildungsstätte Anne Frank und das Deutsche Historische Museum. Das Berliner Unternehmen beschäftigt 13 Mitarbeitende und rechnet in diesem Jahr mit einem Umsatz von rund 1,3 Millionen Euro.
Thiele-Schwez bewertet die Perspektiven für Serious Games in Deutschland positiv. Kulturinstitutionen würden sich dem Medium zunehmend öffnen und Spiele nicht mehr nur als reine Unterhaltung betrachten, sondern als Möglichkeit, ernsthafte Inhalte nachhaltig zu vermitteln. Zugleich kritisiert er, dass entsprechende Anfragen häufig zu niedrig finanziert seien. Für ein wirklich gutes Serious Game brauche es in der Regel mindestens ein sechsstelliges Budget.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber