Baden-Württemberg

Dieses Spiel entlarvt den S21-Fußgänger-Tunnel

Stuttgarts Endlos-Tunnel wird zum Videospiel: Warum ein Entwickler daraus Frust macht – und das Happy End weiter auf sich warten lässt.

27.08.2026, 04:00 Uhr

Videospiel macht Stuttgarts langen Bahnhofstunnel zum Erlebnis

Über den provisorischen Fußgängertunnel zwischen der Stuttgarter Innenstadt und den Bahnsteigen des Hauptbahnhofs ist bereits viel gespottet worden. Manche nennen ihn sogar einen „Fernwanderweg“ – als wäre er das inoffizielle längste Bauwerk von Stuttgart 21.

Nun soll genau dieser Weg Stoff für ein Computerspiel liefern. Im Mittelpunkt stehen Zeitdruck, Frust und Verzweiflung. Schon die Demo macht klar: Der Marsch durch den Tunnel ist alles andere als vergnüglich – inklusive täuschend echter Lautsprecherdurchsagen.

Stets dem Ziel hinterher

Willi Schorrig, der Entwickler von „S21 – The Game“, sagt, das Spiel solle zugleich unterhalten und nerven. Den rund 350 Meter langen Tunnel kennt der 32-Jährige aus dem Alltag: Seit Jahren legt er die Strecke mehrfach pro Woche zurück. Dabei sei ihm der Gedanke gekommen, dass sich dieses Gefühl perfekt spielerisch umsetzen lasse. Man habe ständig das Ziel vor Augen, laufe immer weiter – und komme gefühlt doch nie an.

Für Schorrig spiegelt das auch das Großprojekt Stuttgart 21 wider: Erst werde eine Fertigstellung bald in Aussicht gestellt, dann verschiebe sich alles wieder um Jahre. Immer wieder werde man vertröstet.

Beton statt Bahnsteig

Im echten Leben braucht man im Durchschnitt bis zu zehn Minuten, um von den Gleisen durch den Tunnel zu gelangen. Im Spiel lautet die Aufgabe, innerhalb von 20 Minuten Gleis 9 zu erreichen. Das klingt zunächst machbar, doch auf dem Weg durch den schummrig beleuchteten und verlassen wirkenden Gang tauchen immer wieder Hindernisse auf.

Stuttgarter Bahnhofs-Tunnel
Das Videospiel orientiert sich am Verbindungstunnel zwischen den Stuttgarter Gleisen und der City. (Archivbild) Quelle: Bernd Weißbrod/dpa

Schorrig beschreibt die Dynamik so: Anfangs wolle man unbedingt noch den Zug erwischen, später gehe es nur noch darum, überhaupt aus dem Tunnel herauszukommen. Entwickelt wird der Walking Simulator von seinem Studio Hanging Gardens Interactive.

Der Weg scheint im Spiel endlos zu sein. Passend dazu ertönt aus den Lautsprechern sinngemäß, dass der Weg zwar unendlich wirke, dies aber nicht der Fall sei. Auf einem Smartphone im Spiel ist zudem die Abfahrtszeit des Zuges zu sehen – während die verbleibende Zeit unaufhaltsam sinkt.

Die Demo endet so, wie es Kritiker des Bahnprojekts wohl erwarten würden: Vor dem Spieler steht plötzlich eine Betonwand, der Rückweg ist die einzige Option. Aus dem Lautsprecher kommt eine resignierte Ansage, dass dies niemals enden werde, gefolgt von einer höflichen Entschuldigung im typischen Bahnton. Auf der Website des Spiels heißt es mit Ironie, jede Ähnlichkeit mit realen Bauvorhaben oder verspäteten Projekten sei selbstverständlich rein zufällig.

Vorstellung auf der Gamescom

Anfangs zeigte Schorrig seine Idee nur einem kleinen Kreis. Zu Beginn habe der Tunnel im Spiel praktisch nur daraus bestanden, immer weiterzugehen. Trotzdem hätten die ersten Testerinnen und Tester laut gestöhnt – seien aber dennoch weitergelaufen, in der Hoffnung, dass noch etwas komme.

Genau dieses Gefühl wolle das Spiel einfangen: Vielleicht passiert ja gleich doch noch etwas. Vielleicht ist es ja wirklich bald geschafft.

Dass „S21 – The Game“ so viel Aufmerksamkeit bekommt, habe sein Team selbst überrascht. In diesen Tagen will Schorrig das Projekt auf der Gamescom in Köln präsentieren, der weltweit größten Messe für Computer- und Videospiele. Ziel sei es, Partner zu finden, um eine vollständige Version auf den Markt zu bringen. Derzeit ist lediglich eine Demo auf der Plattform Steam verfügbar.

Bahn verteidigt den Umweg

Die Deutsche Bahn äußert sich nicht direkt zum Spiel, verteidigt aber die derzeitige Tunnellösung. Ein Sprecher erklärt, aus Sicherheitsgründen sei ein direkter Weg durch die Baustelle im Bonatzbau momentan nicht möglich.

Zugleich müsse die barrierefreie Verbindung zwischen den Bahnsteigen und dem Bahnhofsvorplatz erhalten bleiben. Wegen des Höhenverlaufs der Strecke komme ein direkter Zugang für Menschen mit Behinderung nicht infrage. Durch den notwendigen Bogen sei die Verbindung daher auf rund 350 Meter angewachsen.

Nach Angaben der Bahn soll das Provisorium jedoch nicht dauerhaft bleiben: Ab Ende 2027 soll wieder eine direkte und damit kürzere Verbindung zwischen Innenstadt und dem bisherigen Kopfbahnhof zur Verfügung stehen – durch den Bonatzbau und über das Dach des künftigen Hauptbahnhofs.

Vollversion mit längerer Geschichte geplant

Schorrig und sein Team arbeiten inzwischen weiter an dem Projekt. Auch Anregungen aus der Community sollen in die Entwicklung einfließen. Nach seinen Worten gibt es sehr viele Rückmeldungen und Vorschläge, welche Elemente zusätzlich eingebaut werden könnten.

Für die fertige Version ist eine mehrstündige Handlung vorgesehen. Bei einem Punkt ist sich der Entwickler schon jetzt sicher: Mit dem Spiel werde man auf jeden Fall vor Stuttgart 21 fertig.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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