Die verheerende Sturzflut im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet hat eine Spur massiver Zerstörung hinterlassen. Mehr als 1.300 Menschen gelten weiterhin als vermisst, darunter zahlreiche Ausländer. Allein auf nepalesischer Seite kamen nach aktuellem Stand mindestens 389 Menschen ums Leben.
Wo sonst Pilger und Trekking-Touristen durch die Täler des Himalayas ziehen, suchen Rettungskräfte nun unermüdlich in gewaltigen Schlammmassen nach Überlebenden. Auch auf chinesischer Seite ist das Ausmaß der Katastrophe enorm: In Tibet werden nach Angaben staatlicher Medien weiterhin mehr als 550 Menschen vermisst, darunter rund 260 Ausländer.
Angesichts der Verwüstungen wird befürchtet, dass die Zahl der Opfer weiter steigen könnte. In Nepal wurden viele Tote nach Angaben der Polizei kilometerweit flussabwärts bis an die Grenze zu Indien getrieben. Ein Polizeisprecher sagte, häufig seien nur noch Leichenteile geborgen worden.
Was passiert ist
Am Mittwoch hatte die Sturzflut innerhalb von Sekunden Brücken weggerissen, Straßen verschüttet und Häuser beschädigt. Videos aus der Himalaya-Region zeigen eine gewaltige braune Wand aus Wasser, Geröll und Schlamm, die auf Siedlungen zuraste, während Menschen panisch Schutz suchten.
Besonders betroffen war das Gebiet entlang des Bhotekoshi, eines Quellflusses des Trishuli. Gewaltige Schlamm- und Geröllmassen behindern dort bis heute die Rettungsarbeiten. Auf chinesischer Seite sind Straßen für schweres Gerät teils unpassierbar, zudem brachen in Teilen der Region Kommunikationsverbindungen zusammen.
Zahlreiche Reisende weiter vermisst
Besonders unklar bleibt das Schicksal vieler Reisender in der Himalaya-Region. Nach Angaben der nepalesischen Tourismusbehörde werden acht deutsche Staatsangehörige vermisst. Eine zunächst vermisste Person aus der Schweiz konnte inzwischen gerettet werden.
Besonders viele Vermisste kommen aus Indien. Das indische Außenministerium sprach von mindestens 288 Staatsangehörigen, zu denen derzeit kein Kontakt besteht. Viele von ihnen waren als Pilger auf dem Weg zum heiligen Berg Kailash und zum Manasarovar-See in Tibet. Die Region gilt zugleich als bedeutendes Trekking- und Pilgergebiet.
Hunderte Überlebende ausgeflogen
Die Rettungskräfte suchen in Nepal und Tibet weiter unter schwierigsten Bedingungen nach Überlebenden und Vermissten. Viele abgeschnittene Orte sind weiterhin nur schwer zu erreichen. Tausende Einsatzkräfte sind im Einsatz.
Die nepalesische Armee hat nach eigenen Angaben bereits Hunderte Menschen aus dem Katastrophengebiet ausgeflogen, darunter Dutzende Ausländer. Nach Angaben von Nepals Premierminister Balen Shah wurden mehr als 13.000 Kräfte aus Armee und Polizei für die Rettungsmaßnahmen mobilisiert. 573 Menschen seien am Donnerstag mit 69 Hilfsflügen in Sicherheit gebracht worden, teilte Shah bei Facebook mit.
Gefahr weiterer Fluten noch nicht gebannt
Die Gefahr scheint noch nicht vorüber zu sein. Chinesische Behörden warnen vor möglichen weiteren Fluten. Nach einem Bericht des chinesischen Staatsfernsehens hat sich auf nepalesischer Seite an einer Flussmündung ein Stausee gebildet. Dadurch bestehe das Risiko eines Dammbruchs.
Demnach haben sich in dem neu entstandenen See bereits rund zwei Millionen Kubikmeter Wasser gesammelt; weitere drei Millionen Kubikmeter könnten hinzukommen. Der See sei zudem bereits übergelaufen.
Internationale Hilfe angelaufen
Mehrere Staaten und internationale Organisationen sagten Unterstützung zu. Indien brachte nach eigenen Angaben bislang 47,5 Tonnen Hilfsgüter nach Nepal, darunter Medikamente, Zelte, Decken, Solarlampen und Lebensmittel. Zudem werde weitere Hilfe geprüft, darunter der mögliche Einsatz von Behelfsbrücken für die Rettungsarbeiten.
Auch aus China wurde Unterstützung angekündigt: Die chinesische Zentralbank will günstige Kredite von umgerechnet mehr als 630 Millionen Euro bereitstellen. Das Geld soll landwirtschaftlichen und kleinen Betrieben in Tibet beim Wiederaufbau helfen.
Die Internationale Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung unterstützt die ersten Nothilfemaßnahmen mit umgerechnet rund einer Million Euro. Die USA kündigten Hilfen in Form von Notunterkünften, Trinkwasser und weiteren Gütern an. Das US-Außenministerium bezifferte die Katastrophenhilfe auf 500.000 US-Dollar.
Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte, Deutschland sei bereit, Nepal zu unterstützen. UN-Generalsekretär António Guterres stellte Hilfe durch UN-Teams in Aussicht. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte europäische Unterstützung an; der Erdbeobachtungsdienst Copernicus wurde zur Kartierung der betroffenen Gebiete aktiviert.
Ursache weiter unklar
Was die Flutwelle genau ausgelöst hat, ist weiterhin nicht abschließend geklärt. Erste Analysen deuten auf einen Gletscherabbruch oder eine Gletscherlawine hin. Nach Angaben der nepalesischen Katastrophenschutzbehörde könnte ein Abbruch von Eis und Felsen zunächst einen Zufluss des Bhotekoshi blockiert haben.
Dadurch könnte sich vorübergehend ein See gebildet haben. Als die natürliche Barriere nachgab, schossen vermutlich enorme Mengen Wasser, Eis und Geröll flussabwärts.
Papst, Dalai Lama, König Charles und Messner äußern Mitgefühl
Papst Leo XIV. zeigte sich tief betrübt über die vielen Todesopfer und die Verwüstungen. Er sprach den Hinterbliebenen sein herzliches Mitgefühl aus und erklärte, auch für die Einsatzkräfte beten zu wollen.
Auch der Dalai Lama äußerte sich bestürzt über die Katastrophe. Er bete für die Toten und sprach den Angehörigen und Betroffenen sein Mitgefühl aus. Zugleich warnte er, wiederholte Katastrophen in der Region könnten auf tieferliegende Ursachen wie den Klimawandel oder andere Faktoren hindeuten. Es müssten geeignete Maßnahmen ergriffen werden, damit sich solche Unglücke nicht wiederholten.
Der britische König Charles III. schrieb auf der Plattform X, er und Königin Camilla seien erschüttert. Viele Menschen in Großbritannien hätten enge persönliche Verbindungen in diese Region. Das Vereinigte Königreich stehe bereit, Menschen in Not zu helfen, betonte Charles.
Bergsteiger-Legende Reinhold Messner schrieb auf Instagram, das Leid in Nepal zu sehen, sei herzzerreißend. Nepal habe so viele Menschen mit Herzlichkeit, Freundlichkeit und einem herzlichen „Namaste“ empfangen. Umso schmerzlicher sei es, dort nun ein solches Leid zu erleben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber