Die verheerende Sturzflut im Grenzgebiet zwischen Nepal und China hat eine Spur massiver Zerstörung hinterlassen. In beiden Ländern zusammen werden inzwischen mehr als 1.300 Menschen vermisst. Allein in Nepal stieg die Zahl nach Angaben des dortigen Katastrophenschutzes auf 826, darunter fast 580 Touristen. Zugleich erhöhte sich dort die Zahl der Todesopfer auf 165. Auf chinesischer Seite galten zuvor bereits mehr als 550 Menschen als vermisst, darunter 260 Ausländer. In Tibet wurden bislang drei Todesfälle bestätigt.
Angesichts des Ausmaßes der Verwüstungen wird befürchtet, dass die Opferzahlen weiter steigen. In Nepal wurden viele Tote etliche Kilometer flussabwärts an der Grenze zu Indien entdeckt. Ein Polizeisprecher sagte der dpa, einige Opfer seien von den Fluten extrem weit mitgerissen worden; teilweise seien nur noch Leichenteile gefunden worden.
Hunderte Touristen nicht erreichbar
Besonders unklar bleibt das Schicksal zahlreicher Reisender in der Himalaya-Region. Der Chef der nepalesischen Touristenpolizei, Bishow Raj Adhikari, bestätigte der dpa, dass Hunderte Touristen weiter nicht erreichbar seien. Nach Angaben von Trekkingagenturen befinden sich darunter auch acht deutsche Staatsangehörige. Die Mehrheit der Vermissten seien Inder, zudem gebe es viele Betroffene aus den USA und Großbritannien.
Auch mindestens 34 Australier gelten nach Angaben der Regierung in Canberra als vermisst. Premierminister Anthony Albanese erklärte, man versuche das Wohlergehen bekannter australischer Staatsbürger in der Region zu bestätigen. Zugleich verwies er darauf, dass die Informationslage schwer zu klären sei, weil Nepal als Entwicklungsland bei einer solchen Katastrophe nicht über dieselben Mittel verfüge wie Australien. Auf X sprach Albanese den Menschen in den Überschwemmungsgebieten in Nepal und im chinesischen Tibet sein Mitgefühl aus und rief Australier vor Ort auf, den Anweisungen der Behörden zu folgen.
Nach früheren Angaben von Trekkingagenturen befanden sich unter den Vermissten auch Mitglieder einer Reisegruppe mit Australiern, Kanadiern, US-Bürgern, Briten, Singapurern, einem Russen sowie nepalesischen Begleitern. Nach Angaben von Nepals Tourismusorganisation befinden sich unter den Vermissten außerdem US-Amerikaner, Inder und Briten. Die betroffene Region ist ein beliebtes Wandergebiet und zugleich ein wichtiges Ziel für buddhistische und hinduistische Pilger, die über Nepal zum heiligen Berg Kailash in Tibet reisen.
Erschütternde Bilder aus dem Katastrophengebiet
Fotos und Videos aus dem Himalaya zeigen ein Bild schwerster Verwüstung. Gewaltige Schlamm- und Gesteinsmassen hatten am Mittwoch entlang des Flusses Bhotekoshi bis nach Zentralnepal hinein eine Schneise der Zerstörung gezogen. Brücken wurden weggerissen, Staudämme beschädigt und Häuser innerhalb weniger Sekunden in den Schlammmassen begraben. Der Moment der Flut wirkte in Aufnahmen wie aus einem Katastrophenfilm.
Das betroffene Gebiet gilt als schwer zugänglich. Dicke Schlammmassen am dramatisch überspülten Grenzübergang Gyirong behindern die Rettungsarbeiten massiv. Nach chinesischen Angaben sind Straßen für schweres Gerät und große Fahrzeuge unpassierbar geworden, zudem brachen Kommunikationsnetze teilweise zusammen.
Weitere Rettungskräfte im Einsatz
Die Rettungskräfte suchen in Nepal und China weiter mit Hochdruck nach Verschütteten und Vermissten. Nach Behördenangaben sind in Nepal inzwischen mehr als 7.400 Retter im Einsatz. Fast 240 Menschen konnten dort bislang lebend mit Helikoptern geborgen werden.
In China erreichten nach Angaben des Staatsfernsehens weitere 111 professionelle Feuerwehrretter den Flughafen in Tingri im Südwesten Tibets, um von dort in das Katastrophengebiet weiterzureisen.
Hilfe aus dem Ausland zugesagt
Mehrere Staaten und internationale Organisationen sagten Unterstützung zu. Die USA kündigten Hilfen in Form von Notunterkünften, Trinkwasser und weiteren Gütern an. Das US-Außenministerium bezifferte die Katastrophenhilfe auf insgesamt 500.000 US-Dollar (rund 430.000 Euro).
Auch aus Europa und von den Vereinten Nationen kamen Beileidsbekundungen und Unterstützungszusagen. Bundesaußenminister Johann Wadephul sprach den Betroffenen und Einsatzkräften sein Mitgefühl aus. Bundeskanzler Friedrich Merz signalisierte Nepal deutsche Hilfsbereitschaft. UN-Generalsekretär António Guterres stellte Unterstützung durch Teams der Vereinten Nationen in Aussicht. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte an, europäische Hilfe zu mobilisieren; der Erdbeobachtungsdienst Copernicus wurde zur Kartierung der betroffenen Gebiete aktiviert.
Ursache weiter unklar
Was die Sturzflut genau ausgelöst hat, ist weiterhin Gegenstand von Untersuchungen. Nach ersten Analysen von Satellitenbildern vermutet die nepalesische Katastrophenschutzbehörde, dass eine Gletscherlawine zunächst einen Zufluss des Bhotekoshi blockiert haben könnte, wie die Zeitung Kathmandu Post berichtete. Der Fluss entspringt im Hochland von Tibet. Demnach könnte sich vorübergehend ein See gebildet haben, der später über die Ufer trat. Anschließend habe sich eine gewaltige Welle aus Wasser, Eis und Geröll flussabwärts bewegt.
Zusätzliche Hinweise kommen aus den USA: Die Erdbebenwarte USGS registrierte am Morgen in der Grenzregion zunächst Erschütterungen der Stärke 5,2, die anfangs für ein Erdbeben gehalten wurden. Spätere Analysen deuteten jedoch darauf hin, dass die seismische Energie stattdessen durch einen Gletscherabbruch und einen Schuttstrom ausgelöst wurde.
Bereits vor einem Jahr hatte eine schwere Flut das Gebiet getroffen, Menschen getötet und eine Brücke zerstört. Nepalesischen Medien zufolge hatte sich damals im Juli 2025 am Oberlauf des Lhende-Flusses in Tibet ein Gletschersee plötzlich in den Bhotekoshi ergossen.
Das Auswärtige Amt hatte auf Anfrage am Vortag noch erklärt, keine Kenntnis von deutschen Staatsangehörigen unter den Betroffenen zu haben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber