Eine wachsende Zahl von Menschen, die Angehörige pflegen, könnte den deutschen Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren deutlich belasten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Auswertung der Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit dem Forschungsinstitut Prognos. Demnach könnten bis 2045 rund 229.000 Arbeitsplätze beziehungsweise Vollzeitäquivalente verloren gehen.
Bleiben die Bedingungen für pflegende Angehörige unverändert, dürfte der demografische Wandel dem Arbeitsmarkt zunehmend Arbeitskraft entziehen. Mit einer älter werdenden Gesellschaft steigt auch die Zahl der Pflegebedürftigen. Das kann nach Einschätzung der Stiftung nicht nur die beruflichen Chancen der Betroffenen einschränken, sondern auch das wirtschaftliche Wachstum bremsen.
Pflege zu Hause wird vor allem von Frauen übernommen
In Deutschland sind derzeit etwa sechs Millionen Menschen pflegebedürftig. Rund drei Viertel von ihnen werden laut den Angaben zu Hause von Angehörigen versorgt. Aktuell übernehmen etwa 4,6 Millionen Menschen diese Aufgabe – das entspricht 8,7 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter.
In den kommenden knapp zwei Jahrzehnten dürfte diese Zahl deutlich steigen. Für das Jahr 2045 rechnen die Fachleute damit, dass 13,3 Prozent der Menschen im Erwerbsalter Angehörige pflegen werden. Besonders häufig übernehmen Frauen diese Aufgabe.
Viele Pflegende reduzieren deshalb ihre Arbeitszeit oder steigen zeitweise ganz aus dem Beruf aus. Nach den jüngsten verfügbaren Daten aus dem Jahr 2023 lag der Frauenanteil unter den pflegenden Angehörigen bei 63 Prozent. Nach Angaben der Bertelsmann-Expertin Michaela Hermann dürfte ihr Anteil an den Ausfällen am Arbeitsmarkt weiter zunehmen, weil Frauen besonders oft Pflege in größerem Umfang leisten – also mindestens zehn Stunden pro Woche.
Für 2045 geht die Modellrechnung davon aus, dass etwa 580.000 Frauen wegen ihrer Pflegeverantwortung entweder weniger arbeiten oder gar nicht mehr erwerbstätig sein werden. Das entspräche einem rechnerischen Verlust von rund 173.000 Vollzeitstellen – und damit dem größten Teil der insgesamt prognostizierten 229.000 Stellen.
Politik und Unternehmen sollen gegensteuern
Aus Sicht der Bertelsmann Stiftung darf der steigende Pflegebedarf nicht zu Rückschritten bei der Gleichstellung führen. Deshalb sei die Politik gefordert, bessere Rahmenbedingungen zu schaffen. Zugleich müssten auch Unternehmen mehr tun, um Beschäftigte mit Pflegeaufgaben zu entlasten. Genannt werden unter anderem flexiblere Arbeitszeiten, Homeoffice-Angebote und Unterstützung beim Wiedereinstieg nach einer beruflichen Pause.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber