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Elfriede Jelinek mit 80: Unsichtbar – und doch überall

Öffentlichkeit meidet sie, die Bühnen beherrscht sie: Warum Jelinek fasziniert, überfordert – und plötzlich auf Vampire setzt.

20.10.2026, 05:00 Uhr

Elfriede Jelinek wird 80 – präsent auf den Bühnen, fern der Öffentlichkeit

Auch zu ihrem 80. Geburtstag am Dienstag, dem 20. Oktober, meidet Elfriede Jelinek das Rampenlicht. Während die österreichische Literaturnobelpreisträgerin selbst zurückgezogen lebt, sind ihre vielschichtigen Texte auf deutschsprachigen Theaterbühnen weiterhin stark vertreten.

Neue Uraufführung in Düsseldorf

Schon am 22. Oktober feiert Jelineks neues Stück „Ein Übertritt“ am Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere. Der Text entstand im vergangenen Jahr anlässlich des 80. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs. Darin setzt sich die Autorin in düsterem Ton mit Krieg und Frieden, Humanität und Grausamkeit sowie mit Fragen deutscher Identität auseinander.

Auch darüber hinaus bleibt Jelinek im Theaterbetrieb äußerst präsent: Laut Rowohlt Theater Verlag stehen in der aktuellen Spielzeit mehr als ein Dutzend neue Inszenierungen ihrer Werke an. Die meisten entstehen in Deutschland und Österreich, weitere Produktionen sind unter anderem in Frankreich und Tschechien geplant. Übersetzt wurden ihre Texte bislang in 54 Sprachen.

Aktuelle Themen, radikale Form

Jelineks Schreiben greift immer wieder hochaktuelle und internationale Themen auf. So wurde im Sommer bei den Salzburger Festspielen „Unter Tieren“ uraufgeführt. Ausgehend vom Zusammenbruch der Signa-Gruppe und weiteren Wirtschaftsskandalen verknüpft der Text Finanzsystem, Gewalt und industrielle Tierhaltung.

Bereits zuvor hatte sich die Autorin in „Sonne / Luft / Asche“ mit dem Klimawandel beschäftigt. Zugleich ist der abschließende Teil der Trilogie auch eine persönliche Klage über den Tod ihres 2022 verstorbenen Ehemanns Gottfried Hüngsberg.

Typisch für Jelineks Theatertexte ist, dass sie oft ohne klassische Handlung und klar umrissene Figuren auskommen. Regisseur Jossi Wieler, der „Ein Übertritt“ inszeniert, beschreibt ihre Sprache als eine Art „Sprachmusik“. Sie lausche in Geschichte, Philosophie, Literatur und Musik hinein und schöpfe aus einem enormen Wissensfundus.

Vom Musikstudium zur Literatur

Zunächst deutete vieles auf eine musikalische Laufbahn hin. Jelinek wuchs in Wien auf und erhielt früh Unterricht an mehreren Instrumenten. Bereits mit 13 Jahren wurde sie am Konservatorium aufgenommen. Noch während ihres Orgelstudiums begann sie jedoch, sich dem Schreiben zuzuwenden.

Der literarische Durchbruch gelang ihr 1975 mit dem Roman „Die Liebhaberinnen“. Das feministische Buch machte die junge Autorin weithin bekannt. Große Aufmerksamkeit bekam später auch „Die Klavierspielerin“ von 1983, in dem Gewalt und Sexualität schonungslos dargestellt werden. Michael Haneke verfilmte den Stoff 2001 mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle. Ähnliche Themen griff Jelinek später auch in ihrem erfolgreichen Roman „Lust“ auf.

Nobelpreis ohne Reise nach Stockholm

International rückte Jelinek 2004 ins Zentrum der Aufmerksamkeit, als sie den Literaturnobelpreis erhielt. Die Schwedische Akademie würdigte damals den „musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen“ in ihren Romanen und Dramen, der gesellschaftliche Klischees in ihrer Absurdität und Macht sichtbar mache.

Zur Preisverleihung reiste sie allerdings nicht nach Stockholm. Grund dafür war eine Angststörung. Auch rund um ihren 80. Geburtstag sind laut Verlag weder Interviews noch öffentliche Auftritte vorgesehen.

Polarisierende Autorin

Mit ihren kompromisslosen Texten über Macht, Gewalt und Sexualität hat Jelinek immer wieder heftige Reaktionen ausgelöst. Ihre direkte, teils drastische Sprache stieß in Teilen der Öffentlichkeit und auch im Literaturbetrieb auf Ablehnung. Nach der Nobelpreis-Entscheidung legte sogar ein Jurymitglied aus Protest sein Amt nieder.

Zugleich positionierte sich Jelinek stets deutlich politisch. Sie setzte sich für die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ein und trat wiederholt gegen die FPÖ auf. Das brachte ihr scharfe Angriffe aus der rechten Partei ein. Bereits bei der Verleihung der Wiener Ehrenbürgerschaft war sie Ziel polemischer Aussagen. Zuletzt kritisierte die FPÖ den Ankauf von Teilen ihres literarischen Archivs durch die Stadt Wien für 600.000 Euro und sprach angesichts von Sparmaßnahmen von einer „Provokation“.

Anspruchsvolle Texte – und ein Ausflug ins Kino

Jelineks Literatur gilt als fordernd. Die Leiterin des Jelinek-Forschungszentrums in Wien, Pia Janke, betont, dass die Texte im Laufe der Jahre immer umfangreicher und komplexer geworden seien. Sie empfiehlt, sie laut und in kleineren Abschnitten zu lesen, um den Zugang zu erleichtern.

Wer sich vor einem Theaterabend mit Jelinek noch scheut, bekommt bald eine leichtere Gelegenheit zur Begegnung mit ihrem Werk: Ende Oktober kommt Ulrike Ottingers Vampir-Horrorkomödie „Die Blutgräfin“ in die Kinos. Jelinek war am Drehbuch beteiligt. Vor der Kamera stehen unter anderem Isabelle Huppert, Lars Eidinger und Tom Neuwirth, besser bekannt als Conchita Wurst.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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