Wirtschaft

Pegel, Kaub, Fahrverbot: Was Niedrigwasser jetzt lahmlegt

Warum ganz Deutschland auf Kaub schaut – und ab welchem Pegel der Rhein zur Falle für die Schifffahrt wird.

11.08.2026, 05:00 Uhr

Niedrige Wasserstände am Rhein sorgen derzeit fast täglich für neue Meldungen. Pegel fallen, Schiffe können weniger Fracht aufnehmen, und besonders oft ist vom Pegelstand in Kaub die Rede. Doch was bedeuten diese Werte genau, warum ist Kaub so entscheidend und wann wird Niedrigwasser für die Schifffahrt kritisch? Die wichtigsten Fragen im Überblick.

Ab wann spricht man von Niedrigwasser?

Von Niedrigwasser ist die Rede, wenn der Wasserstand eines Flusses deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt liegt. Hält dieser Zustand über längere Zeit an, spricht man von einer Niedrigwasserphase. Nach Angaben der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes sind schwankende Pegel im Jahresverlauf grundsätzlich normal. Sie werden unter anderem von Niederschlägen, Temperaturen sowie Schnee- und Gletscherschmelze beeinflusst.

Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass Flüsse vor allem dann stark an Wasser verlieren, wenn nach längerer Trockenheit die Grundwasservorräte zurückgehen und zusätzlich kaum Wasser aus Seen nachfließt. Auch menschliche Eingriffe spielen dabei eine Rolle, etwa Wasserentnahmen, Speicheranlagen oder Talsperren.

Nach Einschätzung von Fachleuten entwickelt sich die Niedrigwassersituation am Rhein in diesem Jahr ungewöhnlich früh. Normalerweise gelten eher Spätsommer und Herbst als typische Zeit dafür. In den vergangenen Tagen wurden an mehreren Rheinpegeln historische Tiefstände registriert.

Was sagt ein Pegelwert über die tatsächliche Wassertiefe aus?

Ein Pegel ist eine fest eingerichtete Messstelle an einem Fluss. Der dort gemessene Wert zeigt an, wie hoch das Wasser im Verhältnis zu einem festgelegten Referenzpunkt steht, dem sogenannten Pegelnullpunkt. Daraus lässt sich aber nicht unmittelbar die gesamte Tiefe des Flusses ablesen.

Niedrigwasser im Rhein
Schiffe fahren im Rhein in der vorgesehenen Fahrrinne – solange sie noch tief genug ist. Quelle: Christoph Reichwein/dpa

Wenn der Pegel in Kaub zum Beispiel 16 Zentimeter anzeigt, bedeutet das lediglich, dass der Wasserstand 16 Zentimeter über diesem Nullpunkt liegt. Für die Schifffahrt ist jedoch vor allem die Tiefe der Fahrrinne wichtig. Diese bezeichnet den Bereich des Flusses, der für den Schiffsverkehr vorgesehen ist und eine bestimmte Breite und Tiefe aufweisen soll. Je nach Rheinabschnitt unterscheiden sich diese Werte. In Kaub ergibt sich bei einem Pegelstand von 16 Zentimetern rechnerisch eine Fahrrinnentiefe von 129 Zentimetern.

Warum ist der Rhein als Wasserstraße so bedeutend?

Der Rhein gilt als wichtigste Binnenwasserstraße Europas. Er verbindet Industriezentren in der Schweiz, in Deutschland und weiteren Ländern mit großen Nordseehäfen wie Rotterdam. Zwar wird in Deutschland nur ein vergleichsweise kleiner Teil der gesamten Gütermenge über Flüsse transportiert, für bestimmte Waren sind Wasserwege aber unverzichtbar. Dazu zählen unter anderem Erz, Öl, Chemikalien und Kohle.

Bleibt das Niedrigwasser über längere Zeit bestehen, wird der Transport schwieriger und kostspieliger. Unternehmen könnten gezwungen sein, ihre Produktion zu drosseln. Laut einer Studie der DZ Bank wird es umso schwerer, Produktionsausfälle später wieder aufzuholen, je länger die Einschränkungen andauern.

Darüber hinaus hat das Niedrigwasser weitere Folgen: Alte Munition kann freigelegt werden, der Betrieb von Ausflugsschiffen und Rheinfähren wird erschwert, und aus Sicht von Naturschützern ist die Entwicklung ein Warnsignal für ganze Flussökosysteme. Ein Grund dafür ist, dass mit steigenden Wassertemperaturen der Sauerstoffgehalt sinken kann.

Warum steht besonders der Pegel in Kaub im Fokus?

Kaub liegt am Mittelrhein zwischen St. Goar und Budenheim bei Mainz. Nach Einschätzung des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt ist dieser Abschnitt ein Engpass für den Schiffsverkehr auf dem Rhein. Die Fahrrinne ist dort weniger günstig ausgebaut als in den Bereichen ober- und unterhalb. Da Schiffe diesen Streckenabschnitt weder umgehen noch überspringen können, müssen sie sich an den dortigen Verhältnissen orientieren. Auch die Industrie- und Handelskammern in Rheinhessen und der Pfalz sehen in Kaub einen Flaschenhals, der die Transportkapazität auf dem Rhein begrenzt.

Zugleich zeigt sich die Niedrigwassersituation dort besonders deutlich. Vor der aktuellen Phase lag der bisherige Rekordtiefstand in Kaub bei 25 Zentimetern, gemessen am 22. Oktober 2018. Dieser Wert wurde inzwischen unterschritten: Der Pegel fiel bereits auf 16 Zentimeter. Nach Prognosen der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung könnte er in den kommenden Tagen sogar erstmals nur noch einstellig sein.

Mit Blick auf diese Entwicklung warnte der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt, dass gewerbliche Transporte in der Region bei solch niedrigen Wasserständen nicht mehr möglich seien. Das gelte ebenso für Tagesausflugsschiffe und Kreuzfahrten.

Auch das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rhein geht davon aus, dass dieser Punkt für viele Schiffstypen bereits erreicht ist. Zahlreiche Schiffe könnten den Mittelrhein bei den derzeitigen Wasserständen schon jetzt nicht mehr befahren. Fallen die Pegel weiter, dürfte der Schiffsverkehr dort früher oder später vollständig zum Stillstand kommen.

Wann wird die Schifffahrt untersagt?

Ein behördliches Fahrverbot allein wegen Niedrigwassers gibt es nicht. Nach Angaben der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung liegt die Verantwortung für eine sichere Beladung und Fahrt beim Schiffsführer. Wie viel Ladung ein Schiff aufnehmen kann, hängt unter anderem vom aktuellen Wasserstand und von der verfügbaren Tiefe der Fahrrinne ab.

Anders ist die Lage bei Hochwasser: Wird die sogenannte Hochwassermarke II erreicht oder überschritten, wird die Schifffahrt auf dem betroffenen Streckenabschnitt eingestellt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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