Wirtschaft

Entscheiden Frauen über Afghanistans Zukunft?

Unterdrückt von den Taliban – und trotzdem erfolgreicher als viele Männer: Warum Afghanistans Unternehmerinnen Hoffnung machen.

11.08.2026, 03:00 Uhr

Rukia Resai löst vorsichtig rot schimmernde Seifenstücke aus einer Silikonform und stapelt sie ordentlich aufeinander. In der kleinen Werkstatt im Westen Afghanistans liegt der Duft von Kräutern, Safran und Kurkuma in der Luft. Die Produktion läuft ununterbrochen.

Fünf Jahre nach der erneuten Machtübernahme der Taliban steckt Afghanistan weiter in einer schweren humanitären Krise. Im August 2021 hatten die Islamisten das Land und kurz darauf Kabul in rasantem Tempo eingenommen. Seither haben sich Not, Armut und Unsicherheit verschärft. Dennoch setzen viele Frauen im Land weiterhin Zeichen von Mut und Eigeninitiative.

Vor vier Jahren gründete die heute 21-jährige Resai in Herat ihre kleine Seifenmanufaktur. Ein Studium blieb ihr unter der Taliban-Herrschaft verwehrt, die Schule musste sie hastig beenden, zudem verlor ihr Vater seine Arbeit. Inzwischen beschäftigt das Familienunternehmen regelmäßig acht Menschen, bei vielen Bestellungen auch mehr. Resai sagt, die Arbeit habe nicht nur ihr selbst, sondern auch ihren Schwestern neue Perspektiven gegeben. Das habe der ganzen Familie geholfen und sich sogar positiv auf ihre psychische Verfassung ausgewirkt.

Millionen Menschen leiden unter Hunger

Seit der Rückkehr der Taliban hat sich die humanitäre Lage im Land immer weiter verschlechtert. Nach dem Zusammenbruch der vorherigen Regierung geriet zunächst die Wirtschaft in den freien Fall. Hinzu kamen die weitgehende Isolation vom internationalen Finanzsystem und ausbleibende Hilfsgelder.

Seifenfabrik in Afghanistan
Rukia Resai war ein weiterer Bildungsweg versperrt. Jetzt ist sie Unternehmerin. Quelle: Fardina Akbari/dpa

Nach Einschätzung von Hilfsorganisationen könnten in den Wintermonaten fast 40 Prozent der Bevölkerung von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen sein. Rund 3,7 Millionen Kleinkinder gelten als schwer mangelernährt. Internationale Helfer betonen immer wieder, dass ihre Programme angesichts des Ausmaßes der Not nur begrenzt Wirkung entfalten können.

Doch nicht nur fehlende Mittel verschärfen die Krise. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks sind in den vergangenen fünf Jahren fast 3,9 Millionen Menschen aus den Nachbarstaaten Iran und Pakistan nach Afghanistan zurückgekehrt — teils freiwillig, teils unter Druck. Die Weltbank verweist zwar darauf, dass die afghanische Wirtschaft zuletzt wieder leicht gewachsen sei. Durch die starke Zuwanderung seien die Menschen im Durchschnitt aber deutlich ärmer geworden.

Zusätzlich belastet der Streit mit Pakistan die Wirtschaft. Wegen wechselseitiger Angriffe wurden Grenzübergänge für den Handel geschlossen. Afghanische Produkte wie Melonen oder Nüsse können dadurch nicht mehr problemlos ausgeführt werden, zugleich sind Importe über pakistanische Häfen blockiert.

Frauen kämpfen gegen massive Einschränkungen

Besonders schwer wiegen im Alltag die Regeln, die die Taliban Frauen auferlegen. In vielen Bereichen dürfen sie nicht mehr in Büros arbeiten, sie sollen sich nur in Begleitung männlicher Angehöriger bewegen und sich vollständig verhüllen. Dazu kommen regional unterschiedliche Auslegung und willkürliche Durchsetzung der Vorschriften.

Wie drastisch das ist, zeigt das Beispiel von Ghoncheh Karimi. Die 39-Jährige arbeitet als Imkerin und verkleidet sich seit der Machtübernahme der Taliban täglich als Mann, um mit ihrem Motorrad rund 15 Kilometer zu ihren Bienenstöcken bei Herat zu fahren. Einmal wurde sie wegen dieser Verkleidung von Taliban festgenommen. Bei der Befragung habe man sie gefragt, ob sie keine Angst vor der neuen Regierung habe. Karimi habe geantwortet, sie ziehe Männerkleidung an, fahre zur Arbeit und verdiene ehrliches Geld, statt ihren Körper verkaufen zu müssen, um ihre Familie zu ernähren. Danach sei sie wieder freigelassen worden.

Mit der Imkerei begann Karimi vor 18 Jahren. Heute betreibt sie 120 Bienenstöcke und bildet sowohl Frauen als auch Männer in diesem Handwerk aus. Nach eigenen Angaben kann sie mit den Einnahmen nicht nur den Lebensunterhalt ihrer Familie sichern, sondern zuletzt auch die Augenoperation ihres Sohnes bezahlen. Sie sei stolz darauf, mit dem Verkauf von Honig dazu beitragen zu können, dass ihre Kinder ihre Ziele erreichen.

Der stellvertretende afghanische Wirtschaftsminister Latif Nasari erklärte der Deutschen Presse-Agentur, sein Ministerium unterstütze von Frauen geführte Betriebe im Rahmen islamischer Vorgaben. Frauen arbeiteten demnach in kleinen und mittleren Unternehmen sowie, wenn nötig, auch etwa an Flughäfen, in Banken oder im Sicherheitsbereich. Afghanistan strebe nachhaltiges Wachstum an, an dem Frauen unter Beachtung nationaler Werte mitwirkten. Fachleute berichten jedoch, dass Frauen in regulären Beschäftigungsverhältnissen nur noch selten offizielle Arbeitserlaubnisse erhalten.

Weltbank sieht großes Potenzial bei Unternehmerinnen

Nach Einschätzung der Weltbank wird das derzeit schwache Wachstum vor allem vom Privatsektor getragen. Dabei entwickelten sich Unternehmen, die von Frauen geführt werden, oft erfolgreicher als vergleichbare Firmen unter männlicher Leitung. Sie steigerten ihren Umsatz stärker und stellten schneller neue Mitarbeiter ein. Ohne die vielen Beschränkungen für Frauen, so die Analyse, könnte die afghanische Wirtschaft deutlich dynamischer sein.

Doch nicht nur Verbote bremsen Unternehmerinnen aus, sondern auch fehlendes Kapital. Resai würde ihre Seifenproduktion gern ausbauen. Über soziale Medien verkauft sie ihre Produkte bereits erfolgreich. Im vergangenen Jahr stand sogar ein größerer Exportauftrag nach Tadschikistan in Aussicht. Doch ihre Kapazitäten reichten dafür nicht aus. Noch immer wird in einer nur zwölf Quadratmeter großen Küche produziert.

Resai sagt, die Einschränkungen für Frauen hätten sich in diesem Jahr nochmals verschärft. Trotzdem hält sie an ihrem Grundsatz fest: Menschen sollten nicht darauf warten, dass jemand kommt, um sie zu retten. Hilfe werde oft nicht kommen — deshalb müsse man selbst versuchen, seinen Weg zu finden.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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