Wirtschaft

Niedrigwasser: Warum die Wirtschaft leidet

Deutschlands Flüsse trocknen aus: Rekord-Tiefstände bedrohen Schifffahrt und Wirtschaft – wie dramatisch wird es noch?

01.08.2026, 05:30 Uhr

Niedrigwasser spitzt sich zu: Rhein erreicht neue Tiefststände, Wirtschaft warnt vor Folgen

Deutschlands große Flüsse leiden weiter unter ausgeprägtem Niedrigwasser. Besonders betroffen sind Rhein, Elbe und Donau, aber auch viele andere Wasserläufe. Am Samstag wurden mancherorts neue Tiefststände gemessen. Eine schnelle Entspannung ist wegen anhaltender Hitze und Trockenheit nicht in Sicht – und die Folgen sind bereits in Wirtschaft und Alltag spürbar.

Wie ist die aktuelle Lage?

Nach Daten der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) herrscht an vielen Pegeln in Deutschland derzeit Niedrigwasser. Kurze Regenschauer sorgen zwar stellenweise für kleine Anstiege, insgesamt dominiert aber weiter der Abwärtstrend. Dem Informationssystem Niwis zufolge lagen zuletzt rund 44 Prozent der Messstellen am Rhein im Bereich extrem niedriger Wasserstände. Bei der Elbe waren es 16 Prozent, an der Donau etwa 78 Prozent.

In Köln wurde am Samstagmittag mit 67 Zentimetern der niedrigste Pegel seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen. Damit lag der Wert sogar zwei Zentimeter unter dem markanten Niedrigwasser vom Oktober 2018. In Duisburg-Ruhrort und Düsseldorf wurden die damaligen Tiefststände erneut erreicht. Vertreter der Binnenschifffahrt sprechen von einem sehr niedrigen Niveau, das in den vergangenen Tagen weiter gefallen sei.

Solche Niedrigwasserphasen sind grundsätzlich nicht ungewöhnlich, treten normalerweise aber eher im Spätsommer oder Herbst auf. Wenig Niederschlag und hohe Temperaturen lassen die Pegel sinken. Langfristig verschärft der Klimawandel die Problematik, weil durch stärkere Verdunstung intensive Niedrigwasserlagen häufiger werden können.

Was bedeutet das für die Güterschifffahrt?

Ein generelles Fahrverbot gibt es bei Niedrigwasser nicht. Anders als bei Hochwasser entscheiden Schiffsführer selbst, ob eine Fahrt wirtschaftlich und sicher noch sinnvoll ist. Gefahren wird so lange, wie es technisch möglich bleibt.

Das zentrale Problem: Wegen der geringen Wassertiefe können Schiffe deutlich weniger Ladung aufnehmen. Um dieselbe Menge zu transportieren, werden daher mehr Fahrten oder zusätzliche Schiffe benötigt. Fachleute aus der Wasserstraßenverwaltung weisen darauf hin, dass Transporte mit weiter sinkenden Pegeln zunehmend unwirtschaftlich werden.

Die Reederei HGK Shipping, die mit mehr als 300 Schiffen vor allem auf dem Rhein und seinen Nebenflüssen unterwegs ist, hält zeitweise Einschränkungen auf einzelnen Rheinabschnitten für möglich, falls der August ähnlich warm und trocken bleibt.

Welche Folgen hat das für die Wirtschaft?

Ökonomen warnen vor erheblichen Belastungen. Der Rhein gilt als zentrale Verkehrsader für den Gütertransport in Deutschland. Wenn Schiffe weniger laden können, steigen die Transportkosten. Gleichzeitig wächst der Druck auf Straße und Schiene, die jedoch nur begrenzt zusätzliche Mengen aufnehmen können. Dadurch drohen Engpässe in Lieferketten.

Besonders betroffen sind Branchen mit hohem Bedarf an Rohstoffen und Vorprodukten, etwa Chemie, Stahl und Mineralöl. In diesen Bereichen lässt sich ein Ausfall oder eine starke Einschränkung des Transports über den Rhein kurzfristig kaum ersetzen.

Verbände der Recycling- und Rohstoffwirtschaft warnen zudem vor Risiken für die Versorgung der Stahlindustrie. Teilweise könnten Binnenschiffe nur noch ein Drittel bis die Hälfte der sonst üblichen Ladung transportieren. Auf einzelnen Strecken hätten sich die Frachtraten bereits verdrei- bis vervierfacht. Hinzu kommen zusätzliche Kosten durch Verzögerungen und geänderte Logistikpläne.

Was kann das für Verbraucher bedeuten?

Für Verbraucher könnten sich die Folgen in Form höherer Preise bemerkbar machen, etwa bei Baustoffen oder Energieprodukten. Auch bei Kraftstoffen sind Auswirkungen denkbar: Sinken die Wasserstände des Rheins an wichtigen Stellen weiter, könnten Versorgungsengpässe entstehen. Vor allem im Süden Deutschlands wären dann steigende Spritpreise möglich, sollte die Niedrigwasserlage länger anhalten.

Auch der Tourismussektor ist betroffen. Kreuzfahrtanbieter müssen Routen anpassen oder Reisen absagen. Phoenix Reisen bietet Umbuchungen für Fahrten auf Donau, Mosel und Rhein an. Nicko Cruises und A-Rosa haben bereits mehrere Donau-Reisen gestrichen. Das trifft nicht nur die Reedereien selbst, sondern auch Hotels, Gastronomie und den Einzelhandel entlang der Flüsse.

Wie hoch ist der wirtschaftliche Gesamtschaden?

Nach Einschätzung des Kiel Instituts für Weltwirtschaft könnte das Niedrigwasser das Bruttoinlandsprodukt im Zeitraum von Juli bis September um 0,1 bis 0,2 Prozent dämpfen. Der daraus entstehende Verlust an Wertschöpfung im dritten Quartal liege grob zwischen 1 und 2 Milliarden Euro.

Andere Fachleute mahnen jedoch zur Zurückhaltung: Eine belastbare Schadenssumme lasse sich erst seriös nennen, wenn klarer ist, wie lange die Einschränkungen tatsächlich andauern.

Wie wird auf die Situation reagiert?

Unternehmen versuchen, sich anzupassen. So setzen einige Reedereien Schiffe ein, die auch bei geringeren Wasserständen noch fahren können. Außerdem wird an manchen Stellen über eine Vertiefung von Fahrrinnen nachgedacht, etwa auf Rheinabschnitten zwischen St. Goar und Mainz.

Aus der Logistikbranche kommen zugleich Forderungen nach mehr Investitionen in die Wasserstraßen. Gleichzeitig müsse auch die Infrastruktur von Straße und Schiene gestärkt werden, da Ausweichmöglichkeiten wegen begrenzter Kapazitäten nur eingeschränkt vorhanden seien.

Wie sind die Aussichten?

Kurzfristig sieht es nicht nach Entspannung aus. Die BfG rechnet in den kommenden Tagen an den großen Flüssen überwiegend mit weiter sinkenden Pegeln. Die Niedrigwasserlage dürfte demnach anhalten, sich regional ausweiten und sich ohne größere Niederschläge weiter verschärfen.

Eine spürbare Besserung ist nach Einschätzung von Fachleuten erst dann zu erwarten, wenn im gesamten Einzugsgebiet großflächig und über längere Zeit Regen fällt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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