Der viel beachtete Aufstieg des aus Deutschland stammenden jungen Hedgefonds-Managers Leopold Aschenbrenner im Silicon Valley ist vorerst gestoppt. Der Einbruch bei Halbleiterwerten traf seinen Fonds Situational Awareness so stark, dass er Medienberichten zufolge einen Großteil der Beteiligungen an börsennotierten Unternehmen mit Abschlag an den Hedgefonds Citadel von Milliardär Ken Griffin verkaufen musste.
Weder Citadel noch Situational Awareness wollten sich dazu auf Anfrage äußern. Aschenbrenner bestätigte jedoch in einem in der Nacht zum Freitag veröffentlichten Brief an seine Investoren, dass „ein Teil“ der börsennotierten Positionen als Paket veräußert worden sei. Für die Entwicklung übernehme er die volle Verantwortung, schrieb er. Zugleich betonte er, dass der Fonds weder geschlossen noch abgewickelt werde. Auch eigenes Vermögen sei weiterhin investiert, und er wolle zeigen, dass ihn diese Erfahrung zu einem besseren Anleger gemacht habe.
Vom KI-Vordenker zum Börsenliebling
Aschenbrenner, der Mitte 20 ist und zeitweise beim ChatGPT-Entwickler OpenAI arbeitete, wurde vor rund zwei Jahren einem breiteren Publikum bekannt. Damals veröffentlichte er den Essay „Situational Awareness“, in dem er die These aufstellte, dass Künstliche Intelligenz die Welt tiefgreifend verändern werde, während viele die Tragweite noch unterschätzten. Kurz darauf gründete er einen Hedgefonds mit demselben Namen und warb damit, gezielt auf die Zukunft der KI zu setzen.
Zunächst lief diese Strategie außergewöhnlich erfolgreich. Nach öffentlich bekannten Angaben investierte der Fonds entlang der gesamten KI-Wertschöpfungskette – von Infrastruktur über Chips bis hin zur Energieversorgung für Rechenzentren. Getragen vom Boom rund um Künstliche Intelligenz wuchs das Portfolio laut Wall Street Journal und CNBC von einigen hundert Millionen Dollar auf zeitweise 45 Milliarden Dollar. Andere Marktteilnehmer ahmten den Ansatz nach, Aschenbrenner wurde in den Medien als „Wunderkind“, „Orakel“ und „KI-Nostradamus“ gefeiert.

Starker Gegenwind im Juli
Im Juli gerieten vor allem Halbleiteraktien deutlich unter Druck – ausgerechnet ein Bereich, in dem Situational Awareness stark engagiert war. Problematisch war dabei nicht nur der Kursrückgang selbst. CNBC zufolge setzte der Fonds in großem Umfang auf Fremdkapital und arbeitete mit einem Hebel, bei dem etwa das Vierfache des Eigenkapitals durch geliehene Mittel ergänzt wurde. Dadurch verlangten Banken zusätzliche Sicherheiten, sodass der Fonds kurzfristig Kapital aufbringen musste.
Hinzu kam laut Medienberichten eine weitere Belastung: Situational Awareness hatte offenbar über Leerverkäufe auf fallende Kurse bei Software-Unternehmen gesetzt, deren Geschäftsmodelle aus Sicht des Fonds durch KI unter Druck geraten könnten. Bei solchen Geschäften werden geliehene Aktien verkauft, um sie später idealerweise günstiger zurückzukaufen. Doch gerade diese Softwarewerte erholten sich im Juli nach längerer Schwächephase deutlich. Damit drohten dem Fonds auch auf dieser Seite Verluste – und die Lage spitzte sich von zwei Seiten gleichzeitig zu.
Anthropic-Beteiligung bleibt im Fonds
Nach den Berichten hielt der Fonds trotz anfänglicher Überlegungen an seiner Beteiligung am KI-Unternehmen Anthropic fest. Dieser Anteil soll demnach zwischen 3,5 und 5 Milliarden Dollar wert sein. Citadel konnte von der angespannten Situation profitieren und das übernommene Portfolio laut Wall Street Journal mit einem Abschlag von mehr als zehn Prozent auf den damaligen Marktwert erwerben.
Die übrigen Anlagen des Fonds sollen weiterhin einen Wert von mehr als zehn Milliarden Dollar haben. Aschenbrenner hob in seinem Investorenbrief hervor, dass Situational Awareness seit Jahresbeginn trotz der jüngsten Turbulenzen noch immer rund 80 Prozent im Plus liege.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber