Es sind ungewohnte Szenen von den einst tief zerstrittenen Oasis-Brüdern: Liam und Noel Gallagher lachen miteinander, umarmen sich und gehen Hand in Hand. Bei den Filmfestspielen in Venedig wurde die Geschichte ihrer Entfremdung und Wiederannäherung nicht nur im Kino erzählt, sondern auch direkt vor Ort sichtbar.
Oasis feiern in Venedig ihre Rückkehr
Die Band präsentierte dort die Dokumentation „Oasis: Don’t Look Back in Anger“, die ihre spektakuläre Reunion-Tour begleitet. Besonders bemerkenswert: Die Musiker geben darin nach mehr als zwei Jahrzehnten erstmals wieder gemeinsam ein Interview vor der Kamera und lassen erkennen, wie es zur Versöhnung kam.
Die Gallaghers machen ihr eigenes Ding
Ganz ihrem Ruf entsprechend hielten sich Liam und Noel bei ihrem Debüt auf dem Festival kaum an Konventionen. Die geplante Pressekonferenz am Nachmittag ließen sie sausen. Auch zur Premiere erschienen sie nicht wie üblich geschniegelt im Auto am roten Teppich.
Stattdessen tauchte Liam plötzlich direkt am Eingang des Festivalpalasts auf, schlenderte locker auf die wartenden Fans zu und verteilte Fistbumps sowie Autogramme. Kurz darauf machte Noel es genauso. Über den Lido hallte dazu passenderweise „Wonderwall“.
Wie die Annäherung zustande kam
Der Film schildert, wie sich die Brüder nach 15 Jahren ohne Kontakt wieder angenähert haben – offenbar ohne große Aussprache. Zumindest legt das die Doku nahe. Drehbuchautor Steven Knight sagte dazu, bei den Gallaghers handle es sich eben um britische Arbeiterklassemänner: keine großen Gefühlsausbrüche, keine Tränen, keine überschwänglichen Gesten.

Im Film räumt Liam ein, dass sein schwieriges Verhalten vielleicht auch damit zu tun hatte, dass er seinen Bruder vermisst habe. Noel formuliert es nüchterner: Alles sei vergeben worden, ohne dass man viel darüber gesprochen habe. Was sie früher am jeweils anderen gestört habe, spiele heute keine Rolle mehr. Liam bringt es auf einen einfachen Nenner: Die Musik habe sie wieder zusammengeführt.
Im Mittelpunkt stehen auch die Fans
Die Dokumentation der Regisseure Dylan Southern und Will Lovelace konzentriert sich jedoch nicht nur auf die Brüder selbst, sondern stark auf die Bedeutung der Band für ihr Publikum. Zu sehen sind Konzertmitschnitte aus Cardiff, São Paulo und Manchester – mit weinenden, singenden und sich umarmenden Fans.
Viele erzählen, welche Rolle Oasis-Songs in ihrem Leben gespielt haben. „Don’t Look Back in Anger“ half manchen bei der Verarbeitung ihrer Vergangenheit, „Acquiesce“ erinnert andere an enge Freundschaften und prägende Momente.
Hinter den Kulissen bleibt es eher nüchtern
Wer intime Einblicke in die Banddynamik erwartet, dürfte nur teilweise auf seine Kosten kommen. Zwar gibt es einige spannende Szenen backstage, doch große emotionale Momente zwischen den Brüdern bleiben rar.
So zeigt der Film Noel, wie er bei der ersten Probe auf Liam wartet. Als dieser endlich erscheint, beginnt die Band praktisch ohne Begrüßung zu spielen. Miteinander zu reden fällt ihnen noch schwer, musikalisch funktioniert das Zusammenspiel dagegen sofort.
Auch die Söhne der beiden sind zu sehen, wie sie sich hinter der Bühne annähern. Vor dem ersten Konzert in Cardiff wirkt Noel angespannt, während er auf Liam wartet, der erst kurz vor dem Auftritt auftaucht. Dann greifen sich die Brüder an den Händen, gehen gemeinsam hinaus und starten mit „Hello“. Die Nervosität ist ihnen anzusehen, doch der Jubel im Stadion übertönt beinahe alles.
Noel sagt später, auf diese gewaltige Welle der Begeisterung sei er überhaupt nicht vorbereitet gewesen. Liam formuliert es gewohnt eigenwillig: Singen fühle sich für ihn an, als würde er Dämonen freilassen. Gleichzeitig betont er, dass sie keine Superhelden seien.
Der Bruch von 2009
Die Doku erinnert auch an den berühmten Zerwürfnis-Moment, der 2009 in Paris zum Ende der Band führte. Nach Noels früheren Schilderungen war ein lang schwelender Streit hinter der Bühne eskaliert. Liam soll damals eine Pflaume nach Noel geworfen und dessen Gitarre zerstört haben. Noch am selben Abend verkündete Noel das Aus von Oasis.
Warum der Kontakt danach so viele Jahre komplett abriss, beantwortet auch der Film nicht wirklich. Noel beschreibt Liam zu Beginn lediglich als extrem unberechenbar – als jemanden, der im Zweifel sogar mit seinen eigenen Fußnägeln Streit angefangen hätte.
Versöhnung mit Abstand und ohne Pathos
Im Verlauf der Tour wirken die Umarmungen der Brüder zwar zunehmend herzlicher, doch offen sentimental werden sie in der Dokumentation nie. Diese emotionale Ebene übernehmen vor allem die Fans.
Einer vergleicht das Comeback sogar mit einer Wiedergeburt Jesu. Ein anderer sagt, die Trennung der Brüder habe sich für ihn angefühlt, als hätte er ein Kind verloren.
Eine Geschichte über Familie, Vergebung und Vermächtnis
Drehbuchautor Steven Knight sieht in der Entwicklung auf Tour eine echte Annäherung. Die Beziehung der Brüder wachse wieder, ihre Kinder fänden zueinander, und allmählich entstehe erneut so etwas wie Familie. Genau darauf habe man mit dem Film gehofft: eine Geschichte über Versöhnung und Erlösung.
Mitunter spielt die Doku bewusst mit beinahe religiösen Bildern. Besonders deutlich wird das, wenn ein Pfarrer eingeblendet wird, der Oasis in eine Predigt über Vergebung einbaut. Wer je auf einem großen Konzert einer geliebten Band war, kennt dieses fast spirituelle Gefühl – und genau damit arbeitet der Film.
Noel macht darin auch klar, dass die Band ihre eigene Erzählung neu ausrichten möchte: weg von den immer gleichen Geschichten über Exzesse und Konflikte, hin zum musikalischen Erbe. Dieses ist ohnehin längst fest verankert. In Venedig liefen am Wochenende auffallend viele Menschen mit typischen Oasis-Fischerhüten herum, manche in Bandshirts. Auf einem stand sogar: „Heirate mich, Noel.“
„Oasis: Don’t Look Back in Anger“ startet am 9. September in den deutschen Kinos.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber