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Sandra Hüller als Bachmann? So nah wie nie

Sandra Hüller als rauchende Bachmann im Bademantel – und plötzlich fallen im Film schockierende Urteile über die Ikone.

24.06.2026, 11:09 Uhr

Film über Ingeborg Bachmann: Eine Autorin ihrer Zeit weit voraus

Vor 100 Jahren wurde Ingeborg Bachmann geboren. Als sie später zu einer der bekanntesten deutschsprachigen Schriftstellerinnen wurde, war die Literaturwelt noch fast vollständig von Männern geprägt. Entsprechend sah sie sich mit Urteilen und Zuschreibungen konfrontiert, die heute befremdlich wirken.

Der Dokumentarfilm „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ von Regina Schilling greift genau das auf. Sandra Hüller nähert sich darin der österreichischen Autorin an. Schilling entwirft das Bild eines Tages aus Bachmanns späten Jahren in Rom: zurückgezogen, einsam sowie von Alkohol und Medikamenten abhängig.

Gedanken über Liebe, Geschlecht und Identität

Im Mittelpunkt stehen Bachmanns Überlegungen zu Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen, zu Liebe und zur Frage der Identität. Erstaunlich wirkt, wie präzise sie schon Jahrzehnte vor heutigen Debatten Verhaltensweisen beschrieb, die man heute etwa als „Mansplaining“ bezeichnen würde.

Der Film setzt dabei nicht auf klassische Erklärung, sondern auf eine offene, assoziative Form. Zu sehen sind improvisierte Szenen mit Sandra Hüller, Archivaufnahmen und Originaltöne von Bachmann. Hüller spielt die Autorin nicht als gewöhnliche Filmfigur, sondern tastet sich an sie heran, denkt über ihre Texte nach und macht den Annäherungsprozess selbst sichtbar.

So bewegt sie sich durch eine Wohnung in Rom, trägt Perücke und Kleidung, die an Bachmann erinnern sollen, häufig einen babyblauen Bademantel. Fast immer raucht sie. Dazu erklingen aus dem Off Texte von Bachmann oder Aussagen über sie.

Kinostart - "Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal ich war"
Der Film stellt die Texte Bachmanns in den Fokus. Quelle: Elliott Kreyenberg/Weltkino/dpa

Abwertende Urteile aus dem Literaturbetrieb

Der Film zeigt auch, wie über Bachmann gesprochen wurde. Ein gemeinsamer Bekannter schrieb etwa an Paul Celan, Bachmann sei „sehr unfraulich“ und lebe nur nach ihrer eigenen Verwirrung.

Eingeblendet wird zudem ein Ausschnitt mit Marcel Reich-Ranicki, der erklärt, es gebe neben Bachmann kaum Autorinnen, und hinzufügt, Frauen seien offenbar eher für andere Aufgaben im Leben bestimmt. Der Herausgeber und Lyriker Hermann Hakel attestierte ihr einen „krankhaften“ und „herrschsüchtigen Ehrgeiz“. Andere bezeichneten sie als peinlich, exhibitionistisch oder schwierig.

Auffällig ist dabei der Kontrast zu männlichen Kollegen und Partnern. Über Max Frisch, der ebenfalls ehrgeizig war und die Beziehung zu Bachmann später deutlich in Literatur verwandelte, wurde öffentlich nicht in vergleichbarer Weise gesprochen.

Heute haben sich die Verhältnisse im Literaturbetrieb verändert, ebenso der Blick auf Autorinnen. Bachmanns Rang allerdings stand und steht fest: Sie gilt weiterhin als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen überhaupt.

Sandra Hüllers persönliche Verbindung zu Bachmann

Hüller sagt im Gespräch, Bachmann begleite sie schon seit ihrer Jugend. Sie bewundere an ihr besonders die Genauigkeit des Beobachtens und Zuhörens sowie ihre Fähigkeit, innere und gesellschaftliche Vorgänge sprachlich präzise zu erfassen.

Nach dem Holocaust suchte Bachmann nach einer Sprache, die das Unsagbare sichtbar machen konnte. Ihr Vater war bereits 1932 der NSDAP beigetreten. In ihrem Roman „Malina“, mit dem auch der Film eröffnet und schließt, beschäftigt sie sich mit politischer und persönlicher Gewalt. Lange bevor Österreich sich breiter damit auseinandersetzte, schrieb sie dort über das Fortleben faschistischer Strukturen nach 1945.

Am Ende kreist „Malina“ auch um die Frage, ob weibliches Erzählen in einer von patriarchaler Gewalt geprägten Welt überhaupt möglich ist. Im Film ist eine Aussage Bachmanns zu hören, die diesen inneren Konflikt deutlich macht: Sie sei keine Frau, nicht ganz eine Frau, vielmehr ein Irrtum.

Offene Fragen zur Identität

Regisseurin Schilling verweist darauf, dass solche Texte nach Bachmanns Gebärmutterentfernung entstanden. Ob ihr Identitätskonflikt mit dieser Operation zu tun hatte, mit ihrer starken Intellektualität, die damals eher männlich gelesen wurde, oder mit einem grundsätzlicheren Fremdheitsgefühl gegenüber dem eigenen Körper, lasse sich nicht eindeutig beantworten.

Hüller sieht darin vor allem Bachmanns Fähigkeit, unterschiedliche Anteile im Menschen wahrzunehmen und auszusprechen. Was viele empfänden, habe Bachmann radikal in Sprache gefasst.

Zugleich stellt sich die Frage, ob ihr Leben in einer anderen Zeit anders verlaufen wäre. Hüller meint, heute gäbe es vermutlich andere Wege und Begriffe, mit inneren Konflikten umzugehen. Dennoch habe gerade das Ringen mit dem damals Unbenennbaren ihr Werk entscheidend geprägt.

Nicht auf Liebesgeschichten reduziert

Schilling war wichtig, Bachmann nicht bloß als Leidtragende ihrer Beziehungen zu zeigen. Zu oft werde die Schriftstellerin über Männergeschichten definiert, nicht zuletzt seit der Veröffentlichung des viel beachteten Briefwechsels mit Max Frisch.

Der Film rückt deshalb vor allem das Werk selbst in den Vordergrund. Ein Beispiel ist das Gedicht „Eine Art Verlust“, in dem Bachmann das Ende einer Liebe über gemeinsame Dinge und Routinen beschreibt: geteilte Jahreszeiten, Bücher, Musik, Schlüssel, Teeschalen, Bett und Worte.

Ingeborg Bachmann starb mit 47 Jahren an den Folgen schwerer Brandverletzungen nach einem von ihr selbst verursachten Unfall. Das Gedicht endet mit einem Satz, der weit über eine Trennung hinausweist: Nicht der geliebte Mensch sei verloren gegangen, sondern die ganze Welt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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