Nagelsmann kann gegen Ecuador ohne Druck planen
Zum ersten Mal in einem Turnierspiel steht Julian Nagelsmann vor einer komfortablen Ausgangslage. Zwar ist der Ausfall von Abwehrspieler Nico Schlotterbeck schmerzhaft und könnte in der K.-o.-Phase noch schwer wiegen. Für das letzte Gruppenspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Ecuador am Donnerstag (22.00 Uhr/ARD und MagentaTV) im Finalstadion von East Rutherford hat das aber zunächst keine direkten Folgen: Der Gruppensieg in Gruppe E steht bereits fest.
Damit kann der Bundestrainer bei seiner Aufstellung frei entscheiden. Ob Deutschland gewinnt, remis spielt oder verliert, ändert nichts mehr an Rang eins. Nun stellt sich die Frage, wie stark Nagelsmann rotiert: komplette Umstellung oder nur behutsame Wechsel? Soll die Stammelf im Rhythmus bleiben oder bekommen Reservisten mehr Spielzeit?
Belastung steuern vor dem ersten K.-o.-Spiel
Nagelsmann hatte bereits angekündigt, die personelle Planung gemeinsam mit seinem Trainerteam und Rudi Völler genau abzuwägen. Denn trotz des Mottos „Schritt für Schritt“ muss das Sechzehntelfinale vier Tage später mitbedacht werden. Spätestens am Montag in Boston geht es wieder um alles.
Ein WM-Turnier kostet viel Kraft, körperlich wie mental. Nach dem intensiven Spiel gegen die Elfenbeinküste sprach Nadiem Amiri davon, wie hoch der Druck in solchen Partien sei. Im NFL-Stadion der New York Giants und New York Jets dürfte dieser Druck diesmal geringer ausfallen.
Trotzdem will die DFB-Auswahl ihren Schwung mitnehmen. Sportdirektor Rudi Völler betonte bei MagentaTV, dass für die ganz großen Ziele noch ein paar Prozent mehr nötig seien.

Rekordserie in Reichweite
Ein weiterer Sieg hätte nicht nur sportlichen Wert, sondern auch historische Bedeutung. Zwölf Erfolge nacheinander gelangen der Nationalmannschaft in mehr als 100 Jahren erst einmal: von Mai 1979 bis Juni 1980 unter Jupp Derwall. Nagelsmann könnte diese Marke nun einstellen.
Außenstürmer Jamie Leweling lobte den Plan des Bundestrainers nach dem Start der kurzen Vorbereitung auf Ecuador. Die entscheidenden Inhalte wurden wie üblich erst dann einstudiert, als keine externen Beobachter mehr auf dem Trainingsgelände der Wake Forest University zugelassen waren.
Ecuador unter Zugzwang
Ecuador, in der südamerikanischen WM-Qualifikation immerhin Zweiter hinter Weltmeister Argentinien, steht mit nur einem Punkt und ohne eigenen Treffer stark unter Druck. „La Tri“ braucht zwingend einen Sieg, Trainer Sebastian Beccacece steht wegen der bislang enttäuschenden Auftritte massiv in der Kritik.
Dabei verfügt Ecuador durchaus über namhafte Spieler. Dazu gehören der frühere Leverkusener Piero Hincapié vom FC Arsenal, Ex-Frankfurter Willian Pacho von Champions-League-Sieger Paris Saint-Germain und Moisés Caicedo vom Club-Weltmeister FC Chelsea. Leweling warnte deshalb davor, den Gegner zu unterschätzen: Die Einzelspieler seien bekannt, in Europa auf höchstem Niveau unterwegs und trotz der aktuellen Probleme jederzeit gefährlich.
Startelf-Chance für Undav?
Im Fokus auf deutscher Seite steht vor allem Deniz Undav. Mit drei Toren mischt der Stuttgarter im Kreis der treffsichersten Spieler des Turniers mit — neben Lionel Messi (5), Kylian Mbappé (4), Erling Haaland (4), Harry Kane (2) und Cristiano Ronaldo (2). Bemerkenswert ist dabei, dass Undav bislang nur 58 Minuten Einsatzzeit bekam.
Daher stellt sich die Frage, ob Nagelsmann seinen Joker diesmal von Beginn an bringt. Vieles spricht dafür, Kai Havertz oder auch Jamal Musiala eine Pause zu gönnen. Allerdings machte der Bundestrainer deutlich, dass er nicht die komplette Mannschaft austauschen will. Sein Argument: Auch für die kommenden Aufgaben müsse das Team im Rhythmus bleiben.
Wechsel als Chance für die zweite Reihe
Nach Schlotterbecks Verletzung dürfte Antonio Rüdiger ins Abwehrzentrum rücken. Darüber hinaus könnte es sinnvoll sein, Leistungsträgern wie Nathaniel Brown oder dem nach längerer Verletzung zurückgekehrten Felix Nmecha eine Pause zu geben.
Bislang hat Nagelsmann 17 seiner 23 Feldspieler eingesetzt. Gegen Ecuador bietet sich nun die Gelegenheit, auch bislang unberücksichtigte Akteure ins Turnier zu bringen. Angelo Stiller wäre ein Kandidat, ebenso Nick Woltemade, der mit vier Treffern in den letzten drei WM-Qualifikationsspielen entscheidend zur Endrunden-Teilnahme beigetragen hatte, bislang aber noch ohne Einsatzminute ist.
Auch Leon Goretzka könnte von einem Startelfeinsatz profitieren, nachdem er bisher nur zu Kurzeinsätzen kam. Genau darum geht es in dieser Partie: Ersatzspieler sollen Spielpraxis und Selbstvertrauen sammeln, damit sie in den kommenden Alles-oder-nichts-Duellen wichtige Impulse liefern können. Nagelsmann selbst hatte betont, dass jeder im Kader seine Bedeutung nicht nur hören, sondern auch spüren solle.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber