Zwei Oscar-Preisträger treffen aufeinander: Russell Crowe erhielt die Auszeichnung 2001 für seine eindringliche Darstellung des Maximus in Gladiator, Rami Malek 2019 für seine Verkörperung von Freddie Mercury in Bohemian Rhapsody. Beide Schauspieler stehen für intensive, vielschichtige Rollen – und genau das bringen sie auch in Nürnberg mit.
Crowe spielt Hermann Göring, einen der Hauptangeklagten in den Nürnberger Prozessen 1945/46. Malek übernimmt die Rolle des amerikanischen Psychiaters Douglas M. Kelley, der die Aufgabe hat, die NS-Verbrecher psychologisch zu begutachten.
Basierend auf einem Buch über die Suche nach dem Bösen
Vorlage für den Film ist Jack El-Hais Sachbuch The Nazi and the Psychiatrist aus dem Jahr 2013, das in Deutschland unter dem Titel Der Nazi und der Psychiater erschien. Darin wird Kelleys Versuch geschildert, im Gespräch mit Göring und anderen Angeklagten dem Wesen des Bösen auf den Grund zu gehen. Am Ende zeigt sich jedoch: Ein klar greifbares, eindeutiges „Böses an sich“ lässt sich nicht einfach festmachen.
Diese Spannung zwischen Abstoßung und Faszination prägt auch die Verfilmung. Gerade darin liegt aber zugleich ihre Schwäche. Denn die enorme Präsenz von Crowe und Malek zieht die Aufmerksamkeit stark auf das Duell der Figuren – und weg von den Verbrechen des Nationalsozialismus. Eine tiefere Auseinandersetzung mit dem historischen Grauen bleibt dadurch begrenzt.
Starkes Schauspiel, aber problematische Wirkung
Der Film ist präzise inszeniert und setzt oft auf die Mechanismen eines Psychothrillers. Das macht ihn spannend, rückt jedoch die Millionen Opfer der NS-Herrschaft in den Hintergrund. Nur in einem zentralen Moment, wenn Archivaufnahmen aus befreiten Konzentrationslagern mit Bergen von Leichen zu sehen sind, wird das Ausmaß des industriellen Massenmords mit voller Wucht sichtbar.
Dank Rami Maleks intensiver Ausstrahlung beobachtet das Publikum Göring lange mit demselben angespannten Interesse wie Kelley. Russell Crowe wiederum gestaltet die Figur differenziert und bewusst gegen das heldenhafte Image, das viele noch aus Gladiator mit ihm verbinden. Dennoch bleibt genau das ein Problem: Der Star bringt zu viel Aura und Prominenz mit, um als skrupelloser NS-Verbrecher völlig glaubhaft zu wirken.
So engagiert Crowe auch spielt – als perfider Massenmörder überzeugt er nicht vollständig. Sein Ruhm, sein Charisma und der unvermeidliche Glamour, der ihn umgibt, stehen der Darstellung eines widerwärtigen Menschenschinders im Weg. Hier zeigt sich, wie sehr frühere ikonische Rollen an einem Schauspieler haften bleiben können.
Filme über die NS-Zeit bleiben präsent
Nürnberg reiht sich in eine Serie neuerer Filme ein, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigen. Besonders herausragend war zuletzt The Zone of Interest von 2023 mit Christian Friedel als Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß und Sandra Hüller als dessen Ehefrau. Dieser Film fand durch künstlerische Verdichtung und Distanz eine eindringliche Form, um die Frage zu stellen, wie Menschen zu solcher Grausamkeit fähig sind. Nürnberg gelingt das nur teilweise.
Im letzten Drittel entwickelt sich der Film zu einem kraftvollen Gerichtsdrama. Das erinnert an den Hollywood-Klassiker Urteil von Nürnberg von 1961, der ebenfalls mit prominenter Besetzung aufwartete – darunter Marlene Dietrich, Maximilian Schell, Montgomery Clift und Judy Garland.
Der entscheidende Unterschied: Damals überstrahlte der Starruhm nicht die historische Dimension des Geschehens. Der Klassiker hält die Opfer des NS-Terrors klar im Blick und verlangt dem Publikum eine Haltung ab. Nürnberg erreicht diese Eindringlichkeit nicht in gleichem Maß.
Ein Regisseur, der Wirkung erzeugen kann
Für James Vanderbilt, heute 50 Jahre alt, ist Nürnberg erst der zweite abendfüllende Spielfilm, bei dem er selbst Regie führte. Zuvor hatte er sich vor allem als Drehbuchautor erfolgreicher Mainstream-Produktionen wie The Amazing Spider-Man, The Amazing Spider-Man 2 und Murder Mystery einen Namen gemacht. Er weiß also sehr genau, wie man Spannung und Effekt erzeugt.
Gerade das könnte dem Film helfen, auch Menschen zu erreichen, die sich bislang wenig mit den Verbrechen des Nationalsozialismus beschäftigt haben. Der Einsatz populärer Stars wie Crowe und Malek ist dafür nachvollziehbar. Dennoch hätte dem Werk etwas weniger Thriller-Mechanik und dafür mehr politischer und historischer Tiefgang gutgetan. So wäre nicht nur ein spannender, sondern auch ein nachhaltigerer Film entstanden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion