Die Toten Hosen kündigen letztes Studioalbum an – Campino spricht über Abschied, Alter und Zukunft
Die Toten Hosen veröffentlichen Ende Mai ein neues Studioalbum mit dem Titel „Trink aus, wir müssen gehen!“. Nach Angaben der Band soll es das letzte reguläre Album ihrer Karriere sein. Die kommende Tour ist bereits komplett ausverkauft. Doch bedeutet das nach mehr als vier Jahrzehnten tatsächlich das Ende? Frontmann Campino hat dazu in Düsseldorf Stellung genommen.
Warum das neue Album so lange auf sich warten ließ
Seit „Laune der Natur“ sind neun Jahre vergangen – so viel Zeit wie noch nie zwischen zwei Hosen-Alben. Campino betont jedoch, dass die Band in dieser Phase keineswegs untätig gewesen sei. Geplant war unter anderem eine Unplugged-Tour, die wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden konnte. Außerdem schrieb er in dieser Zeit sein Buch „Hope Street“, und die Band nahm mit „Learning English Lesson 3: Mersey Beat!“ noch ein Coveralbum auf.
Gerade diese lange Entstehungszeit habe aber auch zu einer Erkenntnis geführt: Wenn ein weiteres Album wieder ähnlich lange brauchen würde, wären die Bandmitglieder längst in einem ganz anderen Lebensabschnitt angekommen. Deshalb sei in der Gruppe das Gefühl gereift, dass nun der richtige Zeitpunkt für das letzte Studioalbum gekommen sei. Einzelne neue Songs in Zukunft schließt Campino zwar nicht völlig aus – ein weiteres komplettes Album dagegen schon.
Kein sofortiges Band-Aus – aber ein absehbarer Abschied von der großen Bühne
Eine Auflösung der Band stehe derzeit nicht im Raum. Campino sagt, die Toten Hosen seien mehr als nur ein Musikprojekt und würden auch als Freundeskreis bestehen bleiben. Einen festen Termin für das allerletzte Konzert gebe es noch nicht. Dennoch sei klar, dass die Band nicht auf unbestimmte Zeit in der Öffentlichkeit weitermachen wolle.
Für Campino gehört es seit jeher zum Selbstverständnis der Hosen, den richtigen Moment für den Abschied selbst zu bestimmen. Lieber etwas zu früh gehen als zu spät – dieser Gedanke begleite die Gruppe schon seit den 1980er Jahren. Auch wenn dabei Wehmut mitschwinge, überwiege das Gefühl, dass diese Entscheidung richtig sei.
Ganz ohne unterschiedliche Meinungen sei so ein Prozess natürlich nicht verlaufen. Laut Campino ist eine solche Frage selten völlig einstimmig. Manche hätten vielleicht früher aufgehört, andere lieber später. Am Ende sei die Entscheidung aber gemeinsam gereift und nicht über Nacht gefallen.
Der Proberaum bleibt ein besonderer Ort
Dass die Band nach mehr als 40 Jahren einfach keine Lust mehr auf den Alltag im Proberaum habe, weist Campino zurück. Im Gegenteil: Der Raum sei für die Gruppe fast ein Zuhause. Früher seien Proben oft auch kleine Partys gewesen, erzählt er. Heute gehe es konzentrierter zu, doch die Wertschätzung sei geblieben.
An der Tür hängt nach seinen Worten ein handgeschriebenes Schild mit der Botschaft: „Du musst heute nicht proben, du darfst heute proben!“ Es solle daran erinnern, was für ein Privileg es sei, Teil dieser Band zu sein.
Auch die Zeile aus einem neuen Song, in der von einem vergessenen Päckchen Kokain im Proberaum die Rede ist, kommentiert Campino mit Ironie: Wenn man tief genug suche, finde man womöglich noch Relikte aus wilden Zeiten – genießbar wäre davon aber wohl längst nichts mehr.
Der Mietvertrag für den Proberaum sei übrigens noch nicht gekündigt. Auch organisatorisch werde das Umfeld der Band nicht einfach abrupt beendet. Die eigene Plattenfirma arbeite schließlich auch mit anderen Künstlern weiter, und niemand müsse um seinen Arbeitsplatz fürchten.
Abschied ohne Euphorie
Campino macht deutlich, dass die Entscheidung für das letzte Album nicht leichtfertig gefallen sei. Nach bald 45 Jahren Bandgeschichte könne man den Hosen wohl abnehmen, dass sie es ernst meinten. Begeisterung löse dieser Schritt in der Band nicht aus – vielmehr die Überzeugung, dass er richtig sei.
Der Sänger verweist auch auf das Alter der Mitglieder. Alle seien inzwischen über 60, er selbst werde im kommenden Sommer 65. Für ihn beginne damit ein letzter großer Lebensabschnitt, den man nicht verdrängen solle.
Hinzu komme, dass das intensive Leben mit der Band seinen Preis gehabt habe. Freundschaften und privates Umfeld seien oft zu kurz gekommen. Nun wachse der Wunsch, Prioritäten neu zu setzen.
Unterstützung von Marteria und Koljah
Beim Schreiben des Albums bekam Campino erneut Hilfe von Marteria, der an mehreren Songs beteiligt war. Campino schätzt es nach eigenen Worten sehr, beim Texten einen Partner zu haben, mit dem man Ideen austauschen und Entwürfe gemeinsam schärfen kann. Auch mit Koljah von der Antilopen Gang arbeitete er an einigen Liedern – ebenfalls eine Erfahrung, die er positiv hervorhebt.
Aus Hunderten Ideen wurde ein letztes Album
Für das neue Werk sammelte die Band nach Campinos Angaben rund 200 bis 300 Songideen. Etwa 50 davon wurden intensiver verfolgt, später konzentrierte man sich auf rund 20 Stücke. Am Ende blieben 15 Songs für das Album übrig.
Besonders wichtig für ihn seien unter anderem „Was ist mit uns los“, „Schlechte Nachbarn“, „Lass mal nicht machen“, „Trink aus“, „Düsseldorf“ und „Glück“.
Klare Haltung gegen Rechts
Mehrere neue Lieder spiegeln die Sorge über den politischen Rechtsruck in der Gesellschaft wider. Campino sagt, er lese Kommentare über sich im Internet bewusst nicht, wisse aber natürlich, dass es Anfeindungen gebe. Trotzdem sei für ihn entscheidend, auszusprechen, was er für notwendig halte – unabhängig davon, ob Applaus komme oder nicht.
Er sieht es als Aufgabe, sich als Bürger einzumischen, statt wegzusehen. Diese Haltung habe die Band immer vertreten.
Auch die Shitstorms in sozialen Netzwerken schätzt Campino als teils künstlich verstärkt ein. Kleine, gut organisierte Gruppen könnten online schnell den Eindruck erwecken, es handle sich um eine riesige Empörungswelle. Gerade auf unbedarfte Leser wirke das stark und könne das Bild der öffentlichen Stimmung verzerren. Mit der Realität im Alltag habe das oft wenig zu tun.
Tour-Vorbereitung mit täglichem Training
Obwohl die neue Tour längst ausverkauft ist, steckt die Band mitten in den Vorbereitungen. Campino beschreibt einen geregelten Ablauf: Jeder kümmere sich morgens um sein eigenes Training, angepasst an die jeweilige Rolle in der Band. Danach gehe es für mehrere Stunden in den Proberaum.
Dort arbeiten die Hosen derzeit täglich ihr Repertoire durch und proben mögliche Songs für die Konzerte. Vor allem die neuen Stücke müssten erst fest in das Liveset eingebaut werden.
Rückblick auf 44 Jahre Bandgeschichte
Auf die Frage nach dem schönsten Moment der Bandkarriere will Campino keinen einzelnen Augenblick herausheben. Dafür habe es zu viele großartige, aber auch schwierige Erlebnisse gegeben. Für ihn sei das Entscheidende immer gewesen, mit den anderen gemeinsam die Welt kennenzulernen und Menschen zu begegnen.
Konzerte seien dabei fast Mittel zum Zweck gewesen. Als Band unterwegs zu sein, sei eben etwas ganz anderes, als ein Land nur als Tourist zu besuchen. Die Musik habe Türen geöffnet und Begegnungen ermöglicht, die sonst nicht zustande gekommen wären.
Und wie sieht der Ruhestand aus?
Ob bei allen Bandmitgliedern finanziell für den Ruhestand ausgesorgt ist, will Campino nicht beurteilen. Er sage selbst, dass er noch nicht an einem Punkt sei, an dem er komplett mit Arbeit aufhören wolle. Er könne sich gut vorstellen, auch künftig aktiv zu bleiben – vielleicht nicht mehr in derselben Form und womöglich auch mit weniger Einkommen, aber ohne Angst vor Langeweile.
Ein klassisches Rentnerleben passt für ihn ohnehin nicht so recht: Schließlich hätten sich die Hosen ihr Leben lang erfolgreich um einen gewöhnlichen Beruf herumgedrückt, wie er es scherzhaft formuliert. Denkbar seien weitere Bücher oder andere Projekte.
Überraschung: Bonusalbum mit 25 Duetten
Zusätzlich zum Studioalbum erscheint mit „Alles muss raus“ ein Bonusalbum, auf dem die Band 25 neu eingesungene Duette versammelt. Zu den Gästen gehören unter anderem Vicky Leandros, Wolf Biermann, Bettina Wegner, Marian Gold und viele weitere.
Campino erzählt, dass fast alle Beiträge direkt vor Ort aufgenommen wurden. Entweder fuhr die Band zu den Künstlerinnen und Künstlern, oder diese kamen zu den Hosen. Wolf Biermann etwa besuchte die Band im zum Studio umgebauten Proberaum, andere Sessions entstanden zuvor auf einem umgebauten Bauernhof im Münsterland.
Begegnungen mit großen Namen
Einige Treffen waren für Campino besonders eindrücklich. Bettina Wegner habe er noch einmal ganz neu wahrgenommen, nachdem er eine Dokumentation über sie gesehen hatte. Die spätere Begegnung in Berlin beschreibt er als außergewöhnlich.
Auch Marian Gold von Alphaville hinterließ Eindruck: Dessen Stimme habe im Studio eine enorme Wirkung entfaltet. Für Campino war das ein Moment, der ihn tief beeindruckt habe.
Die Auswahl der Gäste entstand laut ihm aus reiner Lust am Ausprobieren. Entscheidend sei gewesen, mit wem die Band unbedingt noch einmal arbeiten wollte oder mit wem eine Zusammenarbeit bislang nie zustande gekommen war. So kamen etwa auch Justin Sullivan von New Model Army oder Hannes Wader ins Spiel, den Campino seit langem sehr schätzt.
Dass Marian Gold bei „Forever Young“ dabei sein sollte, sei nahezu selbstverständlich gewesen, weil die Band den Song schon zuvor gelegentlich live als augenzwinkernde Nummer gespielt hatte.
Kuriose Geschichten aus den Aufnahmesessions
Für besonders skurrile Momente sorgten auch die Aufnahmetermine selbst. So berichtet Campino, dass Richard Jobson von den Skids unmittelbar vor einem Studiotreffen in London am Eingang von einem Messer-Räuber bedrängt worden sei. Jobson habe den Angreifer jedoch schroff in die Flucht geschickt und anschließend völlig entspannt seinen Song eingesungen.
Mit großer Hochachtung spricht Campino außerdem über Wolf Biermann, der trotz seines hohen Alters noch immer ungemein wach, schlagfertig und geistreich sei. Die Begegnung mit ihm sei ein reines Vergnügen gewesen. Für Campino bleibt Biermann eine historische Figur der deutsch-deutschen Kulturgeschichte – unbequem, klar und unabhängig.
Ein Abschied mit offenem Ausgang
Auch wenn das neue Album als letzte Studioplatte angekündigt ist, bleiben manche Dinge offen. Ein finales Konzert ist noch nicht endgültig festgelegt, und Campino schließt nicht aus, dass es vielleicht doch noch einzelne Projekte oder besondere Live-Formate geben könnte. Klar scheint aber: Die Toten Hosen bereiten sich bewusst auf den Abschied von einem Kapitel vor, das fast ein halbes Jahrhundert gedauert hat.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion