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Eklat statt Party: So startet die Venedig-Biennale

Keine Jury, keine Gala, Preise erst im November: Die Kunstbiennale in Venedig startet im Chaos – noch vor der offiziellen Eröffnung.

09.05.2026, 05:00 Uhr

Die 61. Kunstbiennale in Venedig hat nach Tagen voller Kontroversen und Demonstrationen ohne feierlichen Auftakt begonnen. Statt einer Eröffnungszeremonie öffnete die international bedeutende Ausstellung für Gegenwartskunst am Samstag um 11 Uhr direkt für das Publikum ihre Tore. Die Schau läuft bis zum 22. November.

Auch bei den Auszeichnungen bleibt diesmal vieles anders: Die Goldenen Löwen werden nicht zum Start vergeben. Nachdem die Jury im Streit über den Umgang mit Russland und Israel geschlossen zurückgetreten war, sollen die Preise nun erst zum Abschluss im November verliehen werden – dann per Abstimmung durch das Publikum.

Kulturminister: „Putin hat gewonnen“

Italiens Kulturminister Alessandro Giuli wertet die Entwicklung als Erfolg für Moskau. Der Zeitung Corriere della Sera sagte er: „Bei der Biennale hat Putin gewonnen.“

In der italienischen Politik wird das allerdings nicht einheitlich gesehen. Vize-Regierungschef Matteo Salvini aus dem rechten Lager besuchte am Vorabend des Starts den russischen Pavillon, stellte sich demonstrativ an die Seite von Biennale-Leiter Pietrangelo Buttafuoco und warnte vor Zensur.

Buttafuoco selbst weist entsprechende Vorwürfe zurück. Die Biennale sei kein Gericht, sondern ein Ort des Austauschs. Er sprach von einem „Garten des Friedens“, an dem ausgestellt, diskutiert und einander zugehört werde.

Russischer Pavillon bleibt für Besucher geschlossen

Für Russland ist die Teilnahme die erste Präsenz seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine. In Moskau wird die Rückkehr auch als Signal verstanden, dass die kulturelle Isolation im Westen nachlasse. Am russischen Tag des Sieges am 9. Mai wurde der Auftritt besonders aufmerksam verfolgt. Rund 50 vom Staat ausgewählte Kulturschaffende – darunter Musiker, Dichter und Philosophen – waren an dem Musik- und Performanceprojekt „Der Baum ist im Himmel verwurzelt“ beteiligt.

Der russische Pavillon selbst, der dem russischen Staat gehört, bleibt für das breite Publikum jedoch geschlossen. Zu sehen ist die Installation nur von außen über einen großen Bildschirm. Die umstrittene Kuratorin Anastassija Karnejewa erklärte, dies sei von Anfang an so geplant gewesen. Sie gilt auch deshalb als besonders umstritten, weil sie die Tochter eines für den Staatskonzern Rostec tätigen Rüstungsmanagers im Rang eines Geheimdienstgenerals ist.

Ukraine und Aktivisten protestieren gegen Russlands Rückkehr

Kritiker sehen Russlands Kulturauftritt als Teil einer hybriden Kriegsführung des Kremls. Nadja Tolokonnikowa von der in Russland verbotenen Punkgruppe Pussy Riot erklärte, während Russland weiter Menschen töte, öffne die Biennale ausgerechnet Funktionären und Propagandisten von Kremlchef Wladimir Putin ihre Türen.

Gemeinsam mit ukrainischen Aktivistinnen von Femen hatte sie bereits vor dem offiziellen Start am russischen Pavillon protestiert. Auch am Eröffnungstag selbst gab es weitere Demonstrationen gegen Russlands Teilnahme. Auf Aufnahmen aus Venedig waren Aktivisten mit ukrainischen und europäischen Fahnen zu sehen, die „russische Mörder“ skandierten.

Auch die Ukraine verurteilt Russlands Rückkehr scharf. Aus Kiew heißt es, seit Beginn des Krieges seien Tausende Kulturdenkmäler und kulturelle Einrichtungen zerstört oder beschädigt worden. Zudem seien Zehntausende Kulturgüter verschleppt und 346 Künstlerinnen und Künstler im Verlauf der Invasion getötet worden.

Die Ukraine präsentiert in Venedig das Projekt „Sicherheitsgarantien“. Die Künstlerin Schanna Kadyrowa zeigt dabei eine Nachbildung ihrer Skulptur „Origami-Hirsch“ aus Papier. Das Original war 2024 aus der umkämpften Stadt Pokrowsk in der Region Donezk in Sicherheit gebracht worden.

Auch Israels Teilnahme sorgt weiter für Spannungen

Nicht nur Russland, auch Israel ist Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen. Die inzwischen zurückgetretene Jury wollte Israel gemeinsam mit Russland von der Preisvergabe ausschließen. Der rumänisch-israelische Bildhauer Belu-Simion Fainaru, der den israelischen Pavillon gestaltet, sagte der Welt, über den Rücktritt der Jury habe er sich gefreut.

Zugleich schilderte er, sich in Venedig „völlig isoliert“ zu fühlen. Mit keinem einzigen Künstler oder Kurator auf der Biennale gebe es für ihn Austausch, berichtete Fainaru.

Demonstrationen und Streiks am Vorabend

Am Freitagabend gingen in Venedig rund 2.000 Menschen gegen die Teilnahme Israels und gegen das Vorgehen des Landes im Gazastreifen auf die Straße. Dabei kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, die Demonstrierende mit Schutzschilden und Schlagstöcken zurückdrängte.

Zusätzlich blieben am Freitag nach Berichten italienischer Medien 20 nationale Pavillons geschlossen. Hintergrund war demnach ein Streik von Personal, das gegen Israels Teilnahme protestierte. Die Biennale war bereits in den Tagen vor der offiziellen Öffnung für Journalistinnen, Journalisten und Fachpublikum zugänglich.

Biennale auch von Todesfällen überschattet

Die Ausstellung steht nicht nur politisch unter Druck, sondern wird auch von Todesfällen überschattet. Im vergangenen Jahr starb die Kuratorin der Biennale, Koyo Kouoh, im Alter von 57 Jahren an Krebs.

Im Februar erlag zudem die Installationskünstlerin Henrike Naumann, die Deutschland vertreten sollte, mit nur 41 Jahren ebenfalls einer Krebserkrankung. Der deutsche Pavillon wurde dennoch nach den Ideen Naumanns und der deutsch-vietnamesischen Künstlerin Sung Tieu realisiert.

Kuratorin Kathleen Reinhardt erklärte, erstmals seien mit den beiden Künstlerinnen ostdeutsche und ostdeutsch-migrantische Stimmen in solcher Tiefe und Vehemenz im deutschen Pavillon vertreten. Tieu überdeckt das Gebäude von 1938 – also die vielfach kritisierte faschistische Architektur – mit dem Bild eines Berliner Plattenbaus, in dem sie in den 1990er Jahren als Kind lebte. Dafür verwendet sie mehr als drei Millionen Mosaiksteine.

Damit beginnt eine der wichtigsten Ausstellungen für Gegenwartskunst weltweit unter außergewöhnlich angespannten politischen und persönlichen Vorzeichen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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