Fußball

WM-Trinkpausen: Geht es um Erholung oder knallharte Werbung?

Die neuen WM-Pausen sollen helfen – doch auf dem Platz passiert viel mehr. Warum sie Fans, Trainer und Kritiker spalten.

26.06.2026, 07:54 Uhr

Erholungspausen selbst bei nur 20 Grad, Unmut auf den Tribünen, aber auch Zustimmung von Trainern: Die bei dieser WM eingeführten Trinkpausen werden kontrovers diskutiert. Sind sie wirklich nötig? Wofür nutzen die Teams die Unterbrechungen? Und könnten sie bald auch in Bundesliga oder Champions League zum Standard werden? Ein Überblick.

Warum gibt es diese Pausen?

Hintergrund der Regel ist in erster Linie der Gesundheitsschutz der Spieler. Bei hohen Temperaturen an manchen Spielorten sollen die Profis Gelegenheit bekommen, Flüssigkeit aufzunehmen und sich etwas abzukühlen. So soll Dehydrierung verhindert werden. Grundsätzlich ist der Nutzen davon kaum umstritten. Kritik gibt es aber daran, dass die Pausen bei diesem Turnier in jedem Spiel vorgesehen sind – unabhängig davon, ob es 35 oder nur 20 Grad hat.

Wofür werden die Unterbrechungen tatsächlich genutzt?

Es bleibt nicht nur beim Trinken. Für viele Trainer sind die kurzen Stopps eine gute Gelegenheit, Einfluss zu nehmen: Sie sprechen ihren Spielern Mut zu, beruhigen sie oder geben taktische Hinweise. Bundestrainer Julian Nagelsmann nutzte eine solche Pause im ersten deutschen WM-Spiel gegen Curaçao nach dem zwischenzeitlichen 1:1, um sein Team neu zu ordnen.

Auch US-Coach Mauricio Pochettino setzte die Unterbrechung gezielt ein und zeigte seiner Mannschaft auf einem Tablet, was sie verändern sollte. Bei Brasilien fiel zudem Neymar auf: Obwohl der Star zu Beginn des Turniers verletzt war, saß er auf der Bank, gab Ratschläge und motivierte seine Mitspieler.

Marcelo Bielsa
Marcelo Bielsa hält gar nichts von der Neuerung. (Archivbild) Quelle: Matilde Campodonico/AP/dpa

In mehreren Partien war bereits zu sehen, dass sich der Spielverlauf nach einer Pause merklich ändern kann. Der Spielfluss wird unterbrochen. Für eine Mannschaft, die gerade dominant ist, kann das nachteilig sein. Ein Team in Schwierigkeiten kann dagegen davon profitieren. Klar ist: Solche Pausen beeinflussen das Spiel.

Wie bewerten die Trainer die zusätzliche Eingriffsmöglichkeit?

Viele Coaches stehen den Pausen positiv gegenüber oder sehen zumindest kein Problem darin. Algeriens Nationaltrainer Vladimir Petkovic verglich sie mit einer kleinen Auszeit und betonte, dass Anweisungen dadurch leichter zu vermitteln seien. Auch Österreichs Teamchef Ralf Rangnick und Belgiens Trainer Rudi Garcia äußerten sich zustimmend.

Deutlich kritischer ist dagegen Uruguays Coach Marcelo Bielsa. Er lehnt die Neuerung klar ab. Aus seiner Sicht verändert sie den Charakter des Fußballs. Wenn statt zweier Halbzeiten praktisch vier Abschnitte gespielt würden, gehe ein Stück des traditionellen Fußballverständnisses verloren. Für Bielsa bringen die Pausen dem Spiel wenig und nehmen ihm zugleich viel.

Jürgen Klopp ergänzte das Thema mit Humor. Der frühere Trainer des FC Liverpool und von Borussia Dortmund meinte scherzhaft, in seinem Alter sei so eine Unterbrechung auch praktisch, um kurz zur Toilette zu gehen.

Was lässt sich in so kurzer Zeit überhaupt besprechen?

Nagelsmann hält den tatsächlichen Einfluss trotz der zusätzlichen Gelegenheit für begrenzt. In drei Minuten lasse sich keine umfassende taktische Analyse durchführen, erklärte er. Realistisch blieben nur wenige Sekunden, um überhaupt einzugreifen. Für eine komplette Umstellung reiche das nicht.

Ähnlich sieht es André Henning, der Bundestrainer der deutschen Hockey-Männer. In seiner Sportart gibt es bereits seit Jahren kurze Pausen zwischen den Vierteln. Er verweist darauf, dass Spieler in solchen Momenten körperlich erschöpft und emotional stark angespannt seien. Selbst in längeren Unterbrechungen könnten sie meist nur zwei oder drei zentrale Punkte aufnehmen.

Deshalb, so Henning, gehe es häufig eher um kurze Erinnerungen, bekannte Bilder oder einzelne taktische Hinweise als um komplizierte neue Anweisungen.

Welche Kritik gibt es abseits des Sportlichen?

Besonders umstritten ist, dass die Pausen auch dann stattfinden, wenn es gar nicht besonders heiß ist. Ein häufiger Vorwurf lautet deshalb: Es gehe vor allem um zusätzliche Vermarktungsmöglichkeiten. Denn wenn das Spiel unterbrochen wird, entsteht Platz für Werbung.

Der britische Sender ITV rechnet nach eigenen Angaben mit der wirtschaftlich erfolgreichsten Fußballübertragung seiner Geschichte. Die Werbeerlöse liegen demnach rund 30 Prozent über denen der EM 2024. In den USA werden in den Unterbrechungen Werbeblöcke ausgestrahlt, die von Unternehmen präsentiert werden. Auch in Deutschland nutzen ARD, ZDF und Magenta TV die Pausen im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben für Werbung.

Die FIFA betont allerdings, selbst nicht zusätzlich davon zu profitieren. Präsident Gianni Infantino erklärte zuletzt, der Weltverband erhalte durch diese von Sendern genutzten Werbeunterbrechungen keine Mehreinnahmen, weil die entsprechenden Verträge bereits vor Einführung der Regel abgeschlossen worden seien.

Wird es Trinkpausen künftig auch in Bundesliga, Champions League oder bei einer EM geben?

Nach aktuellem Stand nicht als festen Standard. Die Deutsche Fußball Liga erklärte, über Trinkpausen werde weiterhin abhängig von der jeweiligen Wetterlage entschieden. Auch die UEFA plant nach eigenen Angaben keine allgemeine Regeländerung für ihre Wettbewerbe. Das betrifft sowohl die Champions League als auch die EM 2028.

In der Bundesliga sind Trinkpausen bei großer Hitze schon länger möglich, wenn der Schiedsrichter sie anordnet.

Wie die FIFA bei der nächsten Weltmeisterschaft in vier Jahren verfährt, ist noch offen. Der Weltverband will die Erfahrungen aus diesem Turnier auswerten und dann entscheiden, wie künftig mit der Neuerung umgegangen wird. Infantino sieht die Maßnahme jedenfalls positiv und ist überzeugt, dass sie die Qualität der Spiele verbessert. Seiner Einschätzung nach wurde in einem Turnier dieser Art selten über 90 Minuten mit einer so hohen Intensität gespielt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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