DFB-Team kassiert gegen Ecuador Dämpfer vor der K.-o.-Runde
Die deutsche Nationalmannschaft hat ihre Generalprobe für das erste K.-o.-Spiel klar verpatzt. Trotz eines Blitzstarts mit dem Treffer von Leroy Sané nach nur 1:49 Minuten verlor die Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann im WM-Finalstadion von East Rutherford gegen Ecuador mit 1:2 (1:1). Nilson Angulo glich früh aus, Gonzalo Plata drehte die Partie in der Schlussphase zugunsten der Südamerikaner, die danach ihren ersten Turniersieg und das Weiterkommen ausgelassen feierten. Ecuadors Nationaltrainer Sebastian Beccacece war nach dem Abpfiff kaum zu bremsen.
Vor 80.663 Zuschauern zeigte Deutschland seine bislang schwächste Leistung bei diesem Turnier. Die Hoffnung auf eine Rückkehr nach New York zum Endspiel am 19. Juli bekam damit einen deutlichen Dämpfer. Vor allem nach der Pause wirkte die Defensive um Jonathan Tah anfällig. Auch Manuel Neuer sah beim entscheidenden zweiten Gegentor zögerlich aus. Nach vorne fehlten dem DFB-Team klare Aktionen, Präzision und Durchsetzungsvermögen.
Während Ecuador nach dem Abpfiff feierte, verließen die deutschen Spieler sichtlich frustriert den Rasen. Nagelsmann diskutierte zudem noch heftig mit Schiedsrichterin Tori Penso, die bei dieser WM zum zweiten Mal im Einsatz war. Auch Super-Joker Deniz Undav konnte dem deutschen Spiel nach seiner Einwechslung keinen entscheidenden Impuls mehr geben.
Nagelsmann sprach hinterher offen über die Probleme. Bei MagentaTV haderte er damit, dass seine Mannschaft nach der frühen Führung die Ordnung verlor: „Leider haben wir direkt nach dem Tor angefangen, Harakiri in der Positionierung zu machen, dann wurde es schwer.“ In der ARD ergänzte er, man habe den Gegner selbst zurück in die Partie geholt und nach dem guten Start „zu viel Freestyle“ gespielt.
Kapitän Joshua Kimmich sagte anschließend: „Wir sind gut ins Spiel gekommen, gehen früh in Führung. Wir haben dann wieder zu viele Ballverluste, laden dadurch den Gegner ein und machen ihn stark. In der zweiten Halbzeit war es eine verdiente Niederlage.“ Zugleich betonte er aber auch: „Trotzdem ist nichts passiert zum Glück.“ Klar war für ihn dennoch: „Wir dürfen uns keine weitere Niederlage erlauben. Wir dürfen nicht in jedem Spiel ein, zwei Gegentore bekommen. Wir müssen die Ballverlustquote minimieren. Dann können wir auch jeden schlagen.“
Im Sechzehntelfinale am kommenden Montag um 22.30 Uhr in Foxborough muss sich die DFB-Auswahl deshalb deutlich steigern – unabhängig davon, auf welchen Gruppendritten sie treffen wird. Undav versuchte nach dem Rückschlag zu beruhigen: „Wir dürfen das jetzt nicht so schlimm nehmen, dass wir ein Spiel verloren haben. Video angucken, daraus lernen und die Schlüsse ziehen.“
Undav weiter nur Joker
Deniz Undav, bislang treffsicherster deutscher Angreifer bei dieser WM, musste erneut zunächst auf der Bank Platz nehmen. Obwohl der Stuttgarter in den ersten beiden Partien bereits dreimal getroffen hatte, hielt Nagelsmann an seiner Einschätzung fest. In der ARD erklärte der Bundestrainer, Undav sei im Kader der klassische Finisher – und gerade deshalb als Einwechselspieler besonders wertvoll.
Allerdings war Nagelsmann zu zwei Änderungen gezwungen. Für den angeschlagenen Nathaniel Brown begann David Raum. Für den verletzten Nico Schlotterbeck rückte Antonio Rüdiger in die Innenverteidigung, nachdem für den Dortmunder wegen eines Bänderrisses am Knöchel das Turnier vorzeitig beendet ist. Zu Brown gab es zudem Medienberichte über einen feststehenden Wechsel zum FC Bayern.
Schlotterbeck war dennoch im Stadion und unterstützte die Mannschaft auf Krücken. Die Fans feierten ihn dafür, und auch Nagelsmann lobte den Innenverteidiger ausdrücklich. Es sei „ein super Zeichen“ gewesen, dass er beim Team geblieben sei – schließlich hätte er auch in den Urlaub fliegen können.
Leistungsabfall nach Traumstart
Bei Temperaturen um die 30 Grad tat sich die deutsche Mannschaft insgesamt schwer. Vor allem mit der robusten Spielweise Ecuadors hatten Musiala und Co. große Probleme, viele Angriffe blieben ungenau und stockend.
Dabei begann die Partie aus deutscher Sicht optimal. Schon nach 109 Sekunden traf Sané zu seinem ersten Tor bei einem großen Turnier. Dem Treffer war allerdings eine umstrittene Szene vorausgegangen: Aleksandar Pavlovic spielte den Ball mit sehr hohem Bein und traf dabei auch Pedro Vite am Kopf. Der VAR griff dennoch nicht ein, sodass der Treffer Bestand hatte. Es war das zweitschnellste Tor der deutschen WM-Geschichte – nur Ernst Lehner war 1934 gegen Österreich noch früher erfolgreich.
Ecuador übernimmt das Kommando
Nach dem frühen Rückstand übernahm Ecuador zunehmend die Kontrolle. Viel lief über Deutschlands linke Abwehrseite, auf der Raum große Probleme bekam. Den entscheidenden Fehler vor dem Ausgleich machte jedoch Nmecha, der im vorigen Spiel noch überzeugt hatte. Angulo nutzte die Situation in der 9. Minute eiskalt aus, Neuer war beim 1:1 chancenlos.
Der Treffer sorgte für enorme Stimmung im Stadion, in dem die ecuadorianischen Fans in ihren gelben Trikots klar in der Überzahl waren. Das hatte auch mit der besonders großen ecuadorianischen Community im Raum New York zu tun.
Deutschland brachte offensiv danach kaum noch etwas zustande. Ein Distanzschuss von Nmecha in der 14. Minute und ein abgeblockter Versuch von Musiala in der 35. Minute blieben die wenigen nennenswerten Aktionen vor der Pause.
Elfmeter zurückgenommen, Undav bringt kaum Impulse
Zur zweiten Halbzeit reagierte Nagelsmann und brachte Angelo Stiller für den schwachen und bereits verwarnten Pavlovic. Kurz nach Wiederbeginn schien Deutschland die Chance auf die erneute Führung zu bekommen, als Penso nach einem Foul an Kai Havertz zunächst auf Elfmeter entschied. Nach Überprüfung nahm sie den Strafstoß jedoch wieder zurück, weil Sané in der Entstehung selbst ein Foul begangen hatte.
Spielerisch blieb der deutsche Auftritt auch danach blass. Nach einer Stunde kam schließlich Undav für Havertz ins Spiel, nachdem die Fans lautstark seinen Einsatz gefordert hatten. Doch auch mit ihm fehlten zwingende Chancen. Lediglich Sané kam in der 76. Minute noch einmal gefährlich zum Abschluss.
Plata entscheidet die Partie
In der Schlussphase drängte stattdessen Ecuador deutlich entschlossener auf den Sieg. Nach einem Missverständnis zwischen Neuer und Tah verpasste Plata die Führung in der 72. Minute zunächst noch knapp. Kurz darauf blockte Stiller einen Abschluss von Kevin Rodriguez in höchster Not.
Die anschließende Ecke brachte dann jedoch die Entscheidung: Plata spitzelte den Ball in der 77. Minute vor Neuer ins Netz. Beim Gegentor wirkte der deutsche Kapitän im Tor zögerlich, doch auch Tah bekam seinen Gegenspieler nicht unter Kontrolle. So stand am Ende eine verdiente Niederlage für die DFB-Auswahl, die sich vor der K.-o.-Phase deutlich steigern muss.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber