Der große „Wusiala“-Moment lässt bei dieser WM weiter auf sich warten. Schon bei der Heim-EM 2024 hatten Jamal Musiala und Florian Wirtz mit frühen Treffern und starkem Zusammenspiel begeistert. Das Duo galt als neue Offensivhoffnung des deutschen Teams. Zwei Jahre später ist davon bislang nur wenig zu sehen: Auch nach dem dritten WM-Spiel und der sportlich bedeutungslosen 1:2-Niederlage gegen Ecuador fehlt der erhoffte Glanz.
Die Niederlage hat die Stimmung im deutschen Lager spürbar verändert. Als Julian Nagelsmann kurz vor Mitternacht ins Teamquartier in Winston-Salem zurückkehrte, war das Warten auf den Gegner in der ersten K.-o.-Runde nicht mehr das Hauptthema. Stattdessen rückte der Zustand der eigenen Mannschaft in den Mittelpunkt. Der Rückschlag im Finalstadion vor den Toren New Yorks war tabellarisch folgenlos, hat aber Fragen, Baustellen und neue Zweifel ausgelöst.
Vor dem Spiel am Montag um 22.30 Uhr in Foxborough machte Nagelsmann deutlich, dass Niederlagen auch dann schmerzen, wenn sie keine Auswirkungen auf den Gruppensieg haben. Wichtig sei jetzt, die richtigen Lehren zu ziehen, das Spiel rechtzeitig abzuhaken und den Fokus auf das Alles-oder-nichts-Duell zu richten. Klar sei aber auch: Dafür müsse Deutschland „ein paar Dinge besser machen“.
Mögliche Gegner und neue Zweifel
Als mögliche Gegner kommen nach der Gruppenphase noch Schottland, Schweden oder Paraguay infrage, wobei Paraguay als wahrscheinlichste Option gilt. Keiner aus diesem Trio gehört zur absoluten Weltspitze. Doch nach dem eher erzwungenen 2:1 gegen die Elfenbeinküste und der ersten Niederlage nach zuvor elf Siegen seit September 2025 ist ein Weiterkommen längst nicht mehr selbstverständlich.
Der Gruppensieg war trotz der Pleite nie in Gefahr. Kapitän Joshua Kimmich sprach deshalb zwar von einem glücklichen Umstand, warnte aber zugleich klar davor, sich einen weiteren Ausrutscher zu erlauben. Denn in der K.-o.-Phase würde die nächste Niederlage direkt das Aus bedeuten.
Auch die Diskussion um Einsatz und Entschlossenheit nahm nach dem Ecuador-Spiel Fahrt auf. Deniz Undav meinte, Ecuador habe griffiger gewirkt und den Sieg womöglich mehr gewollt. Kimmich störte ebenfalls der Eindruck, dass der Gegner mehr gewinnen wollte. Nagelsmann wies den Vorwurf mangelnden Willens dagegen scharf zurück und verteidigte seine Mannschaft energisch.
Wirtz fehlt der Impuls, Musiala noch der Rhythmus
Trotz der Kritik an den beiden kreativen Offensivspielern hält Nagelsmann an ihnen fest. Er stellte sich demonstrativ vor Florian Wirtz und Jamal Musiala und glaubt weiterhin daran, dass das Duo in der K.-o.-Phase noch den Durchbruch schaffen kann.
Über Wirtz sagte der Bundestrainer, dass ihm derzeit vor allem das Tor oder die spielöffnende Aktion fehle – jene „Dosenöffner-Aktion“, die eine Partie kippen kann. Nagelsmann ist überzeugt, dass dieser Moment noch kommen wird.
Bei Musiala sieht er die Lage etwas anders. Nach seiner langen Verletzungspause gehe es vor allem darum, wieder in den Rhythmus zu finden. Der Trainer betonte, dass Musiala außergewöhnliche Fähigkeiten habe, diese aber gemeinsam mit ihm wieder voll herausgearbeitet werden müssten. Entscheidend sei, dass der Offensivspieler an sich glaube und auf dem Platz weniger nachdenke.
Weitere Baustellen: Neuer, Mittelfeld, Raum – und offene Personalfragen
Neben dem stockenden Offensivspiel treiben Nagelsmann noch weitere Probleme um. Auch Manuel Neuer geriet nach dem zweiten Gegentor in den Fokus. Der Bundestrainer verteidigte seinen Torwart jedoch erneut und sprach von einer für Neuer „extrem undankbaren Situation“. Einen klaren Torwartfehler wollte weder der Trainer noch Neuer selbst erkennen. Fest steht immerhin: Neuers Wade hält, körperliche Beschwerden gibt es aktuell nicht.
Dennoch bleiben Fragen. Im Umfeld des Teams wird diskutiert, ob Neuer bereits wieder die frühere Ausstrahlung und Sicherheit ausstrahlt. Dazu kommen Unsicherheiten im zentralen defensiven Mittelfeld, wo Aleksandar Pavlović zuletzt nicht überzeugte.
Einen Wechsel von Kimmich ins Zentrum plant Nagelsmann aber weiterhin nicht. Er will an Felix Nmecha und Pavlović festhalten und lehnt Aktionismus ab. Kimmich selbst verwies erneut darauf, dass allein der Trainer entscheide, auf welcher Position er der Mannschaft am meisten helfen könne. Seine Auswechslung gegen Ecuador war nach Angaben aus dem Team zudem abgesprochen.
Auch auf der linken Seite bleibt David Raum ein Thema. Nach seinem schwachen Auftritt gegen Ecuador könnte Nathaniel Brown nach seinen muskulären Problemen im ersten K.-o.-Spiel wieder eine Alternative sein – womöglich sogar als Startelfkandidat.
Eine weitere offene Frage betrifft Nick Woltemade, der im Turnier bislang noch ohne Einsatzminute ist. Gerade nach dem schwachen Auftritt gegen Ecuador rücken auch solche Personalentscheidungen stärker in den Blick.
Kein freier Tag, dafür Aufbauarbeit unter Zeitdruck
Als direkte Reaktion auf die Niederlage strich Nagelsmann den ursprünglich geplanten freien Tag. Vor der Weiterreise am Sonntag Richtung Boston wird trainiert, weil bis zum nächsten Spiel nur wenig Zeit bleibt. Für den Bundestrainer geht es nun darum, in kurzer Zeit Stabilität, Spannung und Selbstvertrauen zurückzubringen.
Immerhin zwei positive Nachrichten
Ganz ohne Hoffnung geht die DFB-Elf aber nicht in die K.-o.-Phase. Leroy Sané erzielte gegen Ecuador schon nach 109 Sekunden sein erstes Turniertor überhaupt und arbeitete zudem auch gegen den Ball engagiert mit. Das war einer der wenigen deutschen Lichtblicke.
Zudem wird Nathaniel Brown für das erste K.-o.-Spiel fit zurückerwartet. Das könnte Nagelsmann auf der linken Seite mehr Optionen geben und die zuletzt wackelige Balance verbessern.
So bleibt die Ausgangslage klar: Deutschland ist weiter im Turnier, braucht nun aber eine deutliche Leistungssteigerung. Oder, wie Nagelsmann es formulierte: „Es ist ein neues Spiel am Montag.“
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber