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War diese Mittelalter-Ikone eine queere Conchita?

Bärtige Heilige, queere Ikone – und selbst Jesus galt einst als männlich, weiblich oder androgyn. Was steckt dahinter?

26.06.2026, 07:47 Uhr

Mittelalterliche Wilgefortis wird im Kölner Museum als queere Symbolfigur neu entdeckt

Auf den ersten Blick wirkt die Holzskulptur wie die Darstellung eines gekrönten Herrschers oder eines christlichen Heiligen: Bart, Krone und Kreuz scheinen ein eindeutiges Bild zu zeichnen. Doch bei näherer Betrachtung fallen die zarten Hände und die weibliche Brust ins Auge – Merkmale, die nicht ohne Weiteres zum Vollbart passen.

Ein Schild im Museum Schnütgen in Köln erklärt die ungewöhnliche Figur: Die um 1480 aus Eichenholz gefertigte Skulptur zeigt die Heilige Wilgefortis, auch Kümmernis genannt. Die geheimnisvolle Gestalt aus dem Mittelalter wird heute zunehmend als inoffizielle Schutzpatronin der LGBTQ-Community wahrgenommen.

Nach Angaben des Museums ist das Interesse an Wilgefortis zuletzt deutlich gestiegen. Sprecherin Kim Mildebrath sagt, die Figur vereine unterschiedliche geschlechtliche Zuschreibungen in sich und passe deshalb besonders gut in die Zeit des Pride Month. In Köln, wo am 5. Juli erneut eine der größten CSD-Paraden Europas mit mehr als einer Million Menschen erwartet wird, bekommt die mittelalterliche Gestalt damit neue Aktualität.

Manche fühlen sich bei Wilgefortis an Conchita Wurst erinnert, die bärtige Kunstfigur des österreichischen Sängers Tom Neuwirth, die durch den Eurovision Song Contest bekannt wurde. Auch deshalb sprechen einige von einem regelrechten Comeback der Heiligen.

Eine Legende über Widerstand gegen Zwang

Der Überlieferung nach war Wilgefortis die Tochter eines nichtchristlichen Königs in Portugal. Ihr Vater wollte sie gegen ihren Willen mit einem heidnischen Prinzen verheiraten. In ihrer Not soll sie Christus um Hilfe gebeten haben. Daraufhin, so erzählt es die Legende, wuchs ihr ein Bart.

Heilige Wilgefortis
Der Heiligen Wilgefortis wuchs durch göttliches Eingreifen ein Vollbart, wodurch sie einer Zwangsverheiratung entging. Allerdings wurde sie daraufhin von ihrem wütenden Vater gekreuzigt. Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa

Damit entzog sie sich dem damals erwarteten weiblichen Erscheinungsbild. Aus Sicht von Mildebrath wurde der Bart in der Erzählung zu einem Mittel der Selbstbehauptung und des Widerstands gegen ein fremdbestimmtes Leben. Der Legende zufolge ließ ihr Vater sie daraufhin kreuzigen.

Der Gedenktag von Wilgefortis ist der 20. Juli. Ihr Name wird oft aus den lateinischen Begriffen „virgo“ und „fortis“ hergeleitet, also etwa „starke Jungfrau“. Der deutsche Name Kümmernis verweist darauf, dass sie symbolisch das Leid vieler Frauen trägt, besonders Erfahrungen von Gewalt und Missbrauch.

Schon im Spätmittelalter ein Thema?

Mildebrath geht davon aus, dass sich viele Frauen in früheren Jahrhunderten mit der Figur identifizieren konnten. Dass Wilgefortis zugleich weibliche und männliche Merkmale zeigt, dürfte aus ihrer Sicht viel zu ihrer Wirkung beigetragen haben. Die große Zahl an Darstellungen spreche dafür, dass solche Fragen von Geschlecht und Identität nicht nur ein modernes Thema seien. Debatten, die heute oft als hochaktuell gelten, hätten demnach bereits im Spätmittelalter eine Rolle gespielt.

Auch der katholische Priester Bernd Mönkebüscher aus Hamm sieht in den zahlreichen Bildern der Wilgefortis einen Hinweis darauf, dass geschlechtliche Uneindeutigkeit Menschen schon lange beschäftigt. Mönkebüscher hatte sich 2019 als homosexuell geoutet und war später Mitinitiator der Reforminitiative „#OutInChurch – Für eine Kirche ohne Angst“.

Er verweist auf das biblische Bilderverbot und leitet daraus ab, dass Gott nicht einfach als männlich festgelegt werden könne. Für ihn zeigen die Darstellungen der Wilgefortis, dass abweichende Geschlechterbilder keine bloße Modeerscheinung der Gegenwart sind. Zugleich sei bemerkenswert, dass der Bart in der Legende dazu diente, einen männlichen Verehrer abzuschrecken, die Figur mit Bart aber gerade deshalb über Jahrhunderte hinweg offenbar auch eine besondere Faszination ausübte.

Zweifel an ihrer Eignung als queere Identifikationsfigur

Der Erlanger Kirchenhistoriker Anselm Schubert betrachtet Wilgefortis ebenfalls als spannende Gestalt, äußert aber Vorbehalte gegenüber ihrer Rolle als Symbolfigur der queeren Community. Er nennt vor allem drei Einwände.

Erstens habe Wilgefortis historisch nie existiert, sondern sei eine reine Legendenfigur. Zweitens sei sie in der katholischen Kirche keine offiziell anerkannte Heilige. Drittens sei sie aus seiner Sicht weder queer noch trans, sondern in erster Linie eine junge Frau, die sich einer Zwangsheirat entziehen wollte. Der Bart sei in diesem Zusammenhang nicht Ausdruck einer Transidentität, sondern bewusstes Mittel der Abschreckung und „Verunstaltung“, um für Männer unattraktiv zu erscheinen.

Gleichzeitig betont Schubert, dass Figuren aus Kunst und Legende immer wieder neu gelesen werden. Ihre Bedeutung verändere sich mit dem jeweiligen gesellschaftlichen Blick. Das gelte selbst für Christus, der in den vergangenen 2000 Jahren nicht nur männlich, sondern in bestimmten Traditionen auch weiblich oder androgyn verstanden worden sei. Mit dieser Entwicklung beschäftigt sich Schubert in seinem Buch „Christus (m/w/d): Eine Geschlechtergeschichte“.

Wandelnde Vorstellungen von Geschlecht in der Religionsgeschichte

Schubert zufolge herrschte in der Antike lange die Vorstellung von der Überlegenheit des Mannes vor. Einige frühe christliche Denker seien deshalb sogar davon ausgegangen, dass Frauen bei der Auferstehung zu Männern würden. Zugespitzt formuliert, sagt Schubert: „Der Himmel ist voller Männer.“

Im Mittelalter habe sich das Bild teilweise gewandelt. Christus sei damals mitunter auch mit weiblichen Eigenschaften verbunden worden – nicht, weil man ihn für eine Frau hielt, sondern weil Tugenden wie Liebe und Barmherzigkeit als weiblich galten. Vor allem im Umfeld von Frauenorden seien solche Deutungen verbreitet gewesen.

Im 16. Jahrhundert sei dann besonders in radikalprotestantischen Strömungen die Vorstellung eines androgynen Christus bedeutsam geworden. Demnach vereine Christus männliche und weibliche Aspekte in sich – das väterlich Männliche und die weiblich gedachte Heilige Weisheit. Wenn der Mensch nach Gottes Bild geschaffen sei, dann sei auch er ursprünglich androgyn gewesen. Erst der Sündenfall habe zur Trennung in Adam und Eva geführt.

Nach dieser Sicht würden Männer und Frauen nach dem Tod wieder mit dem jeweils fehlenden Geschlecht vereint und im Himmel erneut eine androgyne Ganzheit erreichen. Schubert verweist darauf, dass es bis heute Gemeinschaften wie die Shaker in den USA gibt, die Christus sowohl in männlicher als auch in weiblicher Gestalt verstehen.

Vor diesem Hintergrund bekommt die aktuelle Deutung von Wilgefortis eine zusätzliche Pointe: Wenn es um religiöse Bilder jenseits fester Geschlechtergrenzen geht, steht ihr als Symbolfigur ausgerechnet Christus selbst als starke Konkurrenz gegenüber.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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