Joshua Kimmich kann die erneut aufgeflammte Debatte um Manuel Neuer sportlich weiterhin nicht nachvollziehen. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft machte im Teamquartier in Herzogenaurach deutlich, dass bei einer Weltmeisterschaft die besten Spieler im Kader stehen müssten. Für ihn ist Neuer nach wie vor eine klare Verstärkung.
„Rein sportlich darf es die Diskussion nicht geben“, sagte Kimmich. Neuer sei „der beste Torhüter aller Zeiten“ und immer noch einer der besten Keeper der Welt. Deshalb werde die Diskussion aus seiner Sicht zu negativ geführt.
Großer Andrang um Neuer in Herzogenaurach
Wie groß die Begeisterung um das Comeback des 40-Jährigen ist, zeigte sich parallel zu Kimmichs Pressekonferenz nur wenige hundert Meter entfernt. Vor einem Adidas-Store in Herzogenaurach warteten rund 1.000 Fans teils seit dem frühen Morgen auf ein Autogramm oder ein Selfie mit Neuer.
Der Rekordtorhüter schrieb fast eine Stunde lang Autogramme auf Trikots, Bälle und Karten, posierte für Fotos und nahm sich Zeit für Gespräche. Sogar einen goldenen WM-Pokal signierte er, den ihm ein Fan hinhielt – ausgerechnet auf dem Teil mit Südamerika, wo Neuer 2014 mit Deutschland Weltmeister geworden war. Der große Zuspruch unterstreicht, wie sehr sein DFB-Comeback die Fans elektrisiert.
Neuer fehlt gegen Finnland weiter
Offen ist allerdings weiterhin, wann Neuer nach seiner Rückkehr auch wieder im DFB-Tor stehen wird. Beim Testspiel am Sonntagabend (20.45 Uhr/ZDF) in Mainz gegen Finnland wird er noch nicht zum Einsatz kommen. Wegen seiner noch nicht vollständig auskurierten Wadenprobleme absolviert er weiterhin individuelles Aufbautraining. Im DFB-Pokal-Finale mit Bayern hatte ihn dieselbe Verhärtung bereits ausgebremst.
Bundestrainer Julian Nagelsmann will vor dem WM-Auftakt am 14. Juni in Houston gegen Curaçao kein Risiko eingehen. „Wir sind sehr froh, dass Manu uns hilft und noch mal für Deutschland spielt“, sagte Nagelsmann. Ein Einsatz gegen Finnland mache aber „keinen Sinn“.
Damit steht erneut Oliver Baumann im Tor, obwohl der Hoffenheimer nach Neuers Rückkehr wieder auf die Nummer zwei zurückgerückt ist.
Kimmich zeigt Verständnis für Baumann
Kimmich äußerte Verständnis für Baumanns Enttäuschung über die veränderte Hierarchie. Es sei nur normal, dass der Torwart darüber nicht glücklich sei. Zugleich betonte der Kapitän, Baumann habe die volle Rückendeckung der Mannschaft und weiterhin großes Vertrauen.
In die Torwartentscheidung selbst war Kimmich nach eigenen Angaben nicht eingebunden. Nagelsmann habe ihn als Kapitän dazu nicht befragt.
Rückhalt auch von den Mitspielern
Auch aus der Mannschaft bekommt Neuer viel Zuspruch. Maximilian Beier sagte, der Torwart mache das Team stärker. Innenverteidiger Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck äußerten sich ebenfalls sehr positiv über die Rückkehr des langjährigen Nationalkeepers.
Tah verwies darauf, wie groß der Respekt vieler Angreifer vor Neuer sei. Schlotterbeck betonte, mit einem Torwart wie Neuer stiegen Deutschlands Chancen bei dem XXL-Turnier in Amerika spürbar.
Vorbereitung mit Geheimtraining und Familientag
Am dritten Tag der Turniervorbereitung setzte Nagelsmann neben einem Geheimtraining auch auf einen Familiennachmittag mit Partnerinnen und Kindern der Nationalspieler. Trotz der erst spät kommunizierten Kehrtwende auf der Torwartposition gibt es innerhalb des Teams keine öffentlich erkennbaren Spannungen.
Kimmich bremst Titeldebatte
Als einen der ganz großen WM-Favoriten sieht Kimmich die deutsche Auswahl derzeit dennoch nicht. Nach den enttäuschenden Turnieren 2018 und 2022 will er bewusst in Etappen denken. Natürlich sei der Titel ein Traum und ein Ziel, sagte er. Vor dem Start helfe es aber nicht, bereits über Finale und Pokal zu sprechen. Entscheidend sei, wie die Mannschaft auftreten und Fußball spielen wolle.
Musiala vor Comeback, Karl vor Debüt
Vor dem Start ins Turnier bestreitet Deutschland noch zwei Tests: zunächst gegen Finnland und am 6. Juni in Chicago gegen die USA. In Mainz könnte Jamal Musiala nach langer Länderspielpause sein Comeback geben. Zudem ist ein Startelf-Debüt von Bayern-Talent Lennart Karl möglich.
Nagelsmann kündigte an, gegen Finnland weitgehend eine Mannschaft aufzustellen, die auch zum Turnierbeginn auflaufen könnte. Nicht dabei ist dagegen Kai Havertz, der am Samstagabend mit dem FC Arsenal im Champions-League-Finale gegen Paris Saint-Germain spielt. Kimmich hofft, dass der Angreifer den Titel mit zur Nationalmannschaft bringt.
Deutschland startet am 14. Juni in Houston gegen Curaçao in die WM. Weitere Gruppengegner sind die Elfenbeinküste am 20. Juni in Toronto und Ecuador am 25. Juni in East Rutherford.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion