Bayern

OEZ-Gedenken: Diese Tat trifft ganz Deutschland

Tränen am OEZ-Mahnmal: Angehörige erheben schwere Vorwürfe und fordern endlich Antworten. Steinmeier gibt ein Versprechen.

22.07.2026, 19:34 Uhr

München gedenkt der neun OEZ-Opfer – Hinterbliebene erneuern Kritik an Ermittlungen

Mit Liedern, Blumen, Kränzen und sehr persönlichen Worten hat München zehn Jahre nach dem rassistischen Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) an die neun Getöteten erinnert. Die Gedenkfeier war von tiefer Trauer geprägt, zugleich aber auch von scharfer Kritik vieler Angehöriger am Umgang der Behörden mit der Tat. Zahlreiche Politiker verbanden das Gedenken mit klaren Appellen gegen Rassismus und Menschenhass. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war angereist und traf sich mit Hinterbliebenen.

Am Mahnmal am früheren Tatort erinnerte die Mutter eines getöteten 14-Jährigen unter Tränen an ihren Sohn und sagte: „Ich liebe dich bis zu meinem letzten Atemzug.“ Immer wieder wurden die Namen der Opfer verlesen: Guiliano, Armela, Can, Dijamant, Hüseyin, Roberto, Sabine, Selçuk und Sevda. Viele Redner nannten sie Engel und setzten damit ein Zeichen gegen das Vergessen. Zahlreiche Menschen trugen zudem T-Shirts mit den Namen der Getöteten und der Aufschrift „München OEZ erinnern“.

Eine Minute, in der München stillstand

Um 17.51 Uhr stand das öffentliche Leben in München für eine Minute still. Busse und Bahnen hielten an, viele Menschen unterbrachen ihren Alltag und schwiegen. Genau zu dieser Uhrzeit hatte der 18 Jahre alte Täter am 22. Juli 2016 die ersten Schüsse abgegeben. Seine Opfer waren Menschen, die in sein rassistisches Feindbild passten. Acht junge Menschen verloren ihr Leben, dazu eine Frau, die ihren Ehemann und ihre Söhne zurückließ. Mehrere weitere Menschen wurden verletzt. Der Täter tötete sich anschließend selbst.

Im gesamten Freistaat war aus Anlass des Jahrestags Trauerbeflaggung angeordnet worden. Unter den Gästen der Gedenkveranstaltung waren auch Ministerpräsident Markus Söder und Innenminister Joachim Herrmann.

Dass es sich um eine rechtsmotivierte Tat handelte, zeigte sich für viele schon am Datum: Am 22. Juli 2011 hatte der Rechtsterrorist Anders Behring Breivik in Norwegen 77 Menschen ermordet. Dennoch dauerte es bis Oktober 2019, ehe die Münchner Ermittler den Anschlag am OEZ offiziell als rechtsextremistisch einordneten. Auch beim Oktoberfestattentat von 1980 wurde der rechte Hintergrund erst vier Jahrzehnte später offiziell bestätigt. Ähnlich lange war auch bei den NSU-Morden der wahre Hintergrund nicht benannt worden.

Steinmeier: Die Tat betrifft das ganze Land

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nutzte das Gedenken für einen deutlichen Appell. Deutschland sei von Einwanderung geprägt, sagte er. Nicht nur einzelne Menschen hätten eine Zuwanderungsgeschichte, sondern das ganze Land. „Deutschland ist ein Land mit Migrationshintergrund. Das macht uns aus“, erklärte Steinmeier.

Der Anschlag am OEZ betreffe nicht nur die Opfer, deren Familien und Freunde, nicht nur München und Bayern, sondern das ganze Land. Die rassistische Tat gehe alle Menschen in Deutschland an, betonte der Bundespräsident. Zugleich versprach er, dass die Getöteten nicht vergessen würden.

Aigner verweist auf Muster rechter Gewalt

Landtagspräsidentin Ilse Aigner erinnerte an weitere rechtsextreme Taten in Deutschland und darüber hinaus, darunter das Oktoberfestattentat, die Morde des NSU sowie die Anschläge von Hanau und Halle. Auch den Messerangriff in Schongau erwähnte sie, bei dem ein 16-Jähriger zwei Mädchen schwer verletzte. Zwar werde oft von Einzeltätern gesprochen, sagte Aigner, doch die Muster von Verachtung und Hass seien nicht zu übersehen. Den Angehörigen versprach sie: „Wir sind bei Ihnen. Wir hören Sie. Wir sehen Sie.“

Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause sagte, der Tag des Anschlags habe die Stadt „ins Mark getroffen“. Die Tat gehöre zu den schwersten rechtsextremen Terrorakten in der Geschichte der Bundesrepublik. Zugleich stellte er erneut die Frage, warum sich die Gesellschaft noch immer so schwer damit tue, rechtsextremen Terror klar als solchen zu benennen.

Scharfe Vorwürfe an Behörden und Politik

Genau dieser Punkt bewegt viele Hinterbliebene bis heute besonders. Sie fordern einen Untersuchungsausschuss. Dabei geht es auch um die Frage, ob der Anschlag womöglich hätte verhindert werden können, wenn Warnsignale aus dem Umfeld des Täters ernster genommen worden wären. Zudem müsse geklärt werden, ob es Unterstützer, Hintermänner oder Netzwerke gab, hieß es von der Initiative „München erinnern“, die das Gedenken mit organisiert hatte.

Besonders eindringlich äußerte sich Yasemin Kılıç, deren 15-jähriger Sohn Selçuk bei dem Anschlag getötet wurde. „Ich stehe heute vor Ihnen als Mutter und als Anklägerin“, sagte sie. Mit Blick auf rechte Gewalt in Deutschland sprach sie von einer blutigen Spur strukturellen Rassismus. An den Bundespräsidenten gerichtet erklärte sie, staatstragende Worte und feierliche Gesten vor Kameras reichten nicht aus. Ein Staat, der seine Bürger nicht schütze, Taten nicht klar benenne und Aufklärung behindere, beschädige sein eigenes Fundament.

„Wir mussten für alles kämpfen“

Auch die Großmutter des getöteten Guiliano, Gisela Kollmann, fand deutliche Worte. Unter Applaus hielt sie den anwesenden Politikern vor, die Familien viel zu lange allein gelassen zu haben. „Wir hätten eure Unterstützung schon früher gebraucht“, sagte sie. „Wir mussten für alles kämpfen und hatten keinen Beistand. Wo wart ihr damals?“

Sibel Leyla, die Mutter des getöteten Can, sprach ebenfalls über ihren anhaltenden Schmerz, der sie jeden Tag begleite. Zugleich fragte sie, wie viele Menschen noch sterben müssten, bevor die Politik Verantwortung übernehme.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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