Trainer-Ikone Ottmar Hitzfeld hat offen über seine psychische Krise im Jahr 2004 gesprochen. Im Gespräch mit dem „Kicker“ schilderte der 77-Jährige, dass er damals unter Schlafstörungen und Depressionen gelitten habe. An manchen Morgen habe er am liebsten im Bett bleiben wollen, statt aufzustehen. Er habe sich in einer Welt gefühlt, die für ihn wie ein Dschungel gewesen sei – und trotz seiner Erschöpfung habe er nach außen Stärke zeigen müssen. Als Trainer habe er sich Schwäche nicht anmerken lassen können.
Hitzfeld lehnte DFB-Job wegen Erschöpfung ab
Nach seinen Worten war das auch ein Grund, warum er das Angebot ablehnte, als Nachfolger von Rudi Völler die deutsche Nationalmannschaft zu übernehmen. Die Anfrage sei in einer Phase gekommen, in der er völlig ausgelaugt gewesen sei. Er habe damals nicht mehr über seine volle Kraft verfügt. In dieser Zeit habe er sich sogar gesagt, nie wieder als Trainer arbeiten zu wollen.
Hilfe fand Hitzfeld bei Professor Florian Holsboer, dem damaligen Leiter des Max-Planck-Instituts in München. Mit ihm habe er mehrere intensive Gespräche geführt, in denen vieles zur Sprache gekommen sei. Diese Unterstützung habe ihm sehr geholfen. Dafür sei er Holsboer bis heute dankbar. Hitzfeld beschrieb diese Zeit als einen schweren Einschnitt in seinem Leben, in dem er verzweifelt und am Ende gewesen sei.
Familie als wichtiger Rückhalt
Hitzfeld erklärte, dass im Trainerberuf stets das nächste Spiel im Mittelpunkt stehe. Genau darin liege aber auch die enorme Belastung. Die Zukunft eines Trainers beginne praktisch immer mit der nächsten Partie. Gerade in schwierigen Phasen habe er kaum Appetit gehabt und deutlich an Gewicht verloren. Schon der Blick in eine Speisekarte habe ihm zu schaffen gemacht, weil ihn nichts angesprochen habe und er dennoch habe essen müssen.
Auch Schlafprobleme hätten ihn lange begleitet. Besonders seine Familie sei in dieser Zeit für ihn eine große Stütze gewesen. Seine Frau habe gesehen, wie sehr er litt, und ihm viel Kraft gegeben.
Kompanys Zusammenbruch lässt Hitzfeld nicht los
Auch der Kollaps von Bayern-Trainer Vincent Kompany vor gut einer Woche hat Hitzfeld beschäftigt. Er habe sofort vermutet, dass Druck und Belastung eine Rolle gespielt haben könnten, auch ohne die genaue medizinische Diagnose zu kennen.
Nach eigener Aussage habe er auch im Amateur- und Unterhausfußball Trainer erlebt, die beinahe zusammengebrochen seien, weil sie emotional so stark involviert gewesen seien. Dennoch sieht Hitzfeld Unterschiede: Beim FC Bayern sei der Druck noch einmal deutlich größer. Wer in München Trainer sei, müsse praktisch immer gewinnen. Neben der Meisterschaft würden auch Erfolge im DFB-Pokal erwartet, und in der Champions League solle mindestens das Viertelfinale erreicht werden.
Kompany ist inzwischen wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden. Als medizinische Ursache seines Zusammenbruchs wurde eine Hirnhautreizung festgestellt. Bayerns Sportvorstand Max Eberl wies allerdings die Vermutung zurück, dass der Vorfall auch mit übermäßigem Druck zusammengehangen habe.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber