Julian Nagelsmann und die deutsche Nationalmannschaft sind in Chicago in die heiße Phase der WM-Vorbereitung gestartet. Nach der Ankunft am Dienstagnachmittag Ortszeit begann für das DFB-Team direkt das Programm vor Ort. Noch am selben Tag zog es den Bundestrainer mit dem gesamten Kader an den Lake Michigan, um nach dem Flug in Bewegung zu kommen und erste Eindrücke in den USA zu sammeln.
Viel Zeit zur Eingewöhnung bleibt im engen Turnierplan nicht. Die unmittelbare Vorbereitung auf die WM läuft zunächst abgeschirmt von der Öffentlichkeit: Auf dem Trainingsgelände des MLS-Clubs Chicago Fire sind in den ersten beiden Tagen keine Zuschauer zugelassen. Am Mittwoch steht dort am späten Vormittag Ortszeit das erste Training in den USA an, aus deutscher Sicht um 18.00 Uhr.
Neuer und Urbig früh am Lake Michigan unterwegs
Am ersten WM-Tag in den USA zog es Manuel Neuer schon am Morgen erneut an den Lake Michigan. Der 40 Jahre alte Torhüter war gemeinsam mit Jonas Urbig unweit des Teamhotels unterwegs, begleitet von DFB-Arzt Jochen Hahne. Die beiden Bayern-Keeper setzten sich im Sonnenschein auf eine Mauer, beobachteten Beachvolleyball-Spieler an der beliebten Strandpromenade und wurden von Passanten auch um Selfies gebeten.
Für Neuer könnte der Aufenthalt in Chicago sportlich besonders wichtig werden. Nach seiner Wadenverhärtung steht beim Test gegen die USA am Samstag um 20.30 Uhr womöglich sein erstes Länderspiel seit fast zwei Jahren bevor. Nagelsmann hatte ihn für die WM zurück ins Aufgebot geholt, beim 4:0 gegen Finnland in Mainz aber noch geschont. Dort hütete Oliver Baumann das Tor.
Test gegen die USA als wichtiger Gradmesser
Im weiteren Fahrplan von Nagelsmann, der idealerweise bis ins Finale am 19. Juli führen soll, ist die Partie gegen Co-Gastgeber USA die Generalprobe. Im ausverkauften Soldier Field trifft Deutschland auf einen Gegner, der der Mannschaft vor allem die Atmosphäre und Intensität eines großen Turniers vermitteln soll.
Dem Bundestrainer geht es dabei weniger um die exakte Nachstellung kommender Gruppengegner wie Elfenbeinküste oder Ecuador, die beide stärker eingeschätzt werden als Auftaktgegner Curaçao. Vielmehr soll das Team das emotionale Umfeld aufsaugen und innerlich komplett im Wettbewerb ankommen.
Volles Haus im Soldier Field erwartet
Im Soldier Field, der Heimat der Chicago Bears aus der NFL, rechnet Nagelsmann mit besonderer Stimmung. Das Stadion mit mehr als 60.000 Plätzen ist ausverkauft. Der Bundestrainer erwartet ein hoch emotionales Spiel und große Begeisterung auf den Rängen. Aus Sicht des 38-Jährigen haben die USA seit der Heim-WM 1994 kein vergleichbar bedeutendes Fußballspiel mehr erlebt.
Rund um die Arena war am Ankunftstag des DFB-Teams davon zunächst noch wenig zu spüren. Auf großen Werbetafeln dominierten Hinweise auf andere Veranstaltungen – etwa ein Konzert von Ed Sheeran Ende Juni oder ein Testspiel des FC Liverpool gegen Leeds United im August.
Im deutschen Lager ist die Überzeugung dennoch groß, dass das Turnier enorme Strahlkraft entfalten wird. Sportdirektor Rudi Völler hatte bereits vor dem Abflug die besondere Bedeutung einer Weltmeisterschaft hervorgehoben. Für ihn ist es die fünfte Endrunde seit 1986 – nun erstmals als DFB-Sportdirektor. Ein Weltturnier sei für jeden Spieler etwas Besonderes, unabhängig von allen Erfolgen auf Vereinsebene.
Viele Personalfragen vor dem Turnierstart
Für Nagelsmann ist es die erste WM als Bundestrainer – und schon kurz nach der Ankunft stehen wichtige Personalentscheidungen im Fokus. Ist Neuer bereit für seine Rückkehr ins DFB-Tor? Wie stark kann Kai Havertz nach der Niederlage im Champions-League-Finale mit dem FC Arsenal belastet werden? Und bekommen junge Spieler wie Lennart Karl und Nathaniel Brown womöglich den Vorzug vor etablierten Kräften wie David Raum oder Leroy Sané?
Im deutschen Kader deutet sich damit kurzfristig ein spürbarer Wandel an, der nach der erfolgreichen Qualifikation im November so noch nicht abzusehen war. Mit Neuer, Brown, Karl und Felix Nmecha drängen mehrere formstarke Spieler in Richtung Startelf, die auf dem Weg zur WM zuletzt kaum oder gar keine große Rolle gespielt hatten. Hinzu kommen Jamal Musiala und Havertz, die verletzungsbedingt keine Minute in der Qualifikation absolvierten und nun wieder Ansprüche auf zentrale Rollen anmelden.
Auch die Torwartkonstellation bleibt interessant. Jonas Urbig ist wie beim FC Bayern als Backup von Neuer dabei, gehört hinter Oliver Baumann und Alexander Nübel aber nicht zum offiziellen WM-Kader. Für den 22-Jährigen wäre eine Nachnominierung jedoch jederzeit möglich, falls ein anderer Keeper für das gesamte Turnier ausfallen sollte. In die Trainingsarbeit ist er von Nagelsmann komplett eingebunden.
Diskussion über eingespielte Mannschaft flammt erneut auf
Die Kritik von Uli Hoeneß, Nagelsmann habe kein fest eingespieltes WM-Team geformt, bekommt durch diese Entwicklung neue Nahrung. Plötzlich gibt es etliche Kandidaten für die Anfangsformation, die in der Qualifikation noch nicht zum festen Gerüst gehörten.
Das wirft auch Fragen für jene Spieler auf, die maßgeblich zum Erreichen der Endrunde beigetragen haben. Baumann könnte trotz aller Bekenntnisse zur Nummer eins wieder hinter Neuer zurückrücken. Auch Leon Goretzka oder Torjäger Nick Woltemade zählen zu den Profis, deren Startelfchancen zuletzt gesunken sind.
Entsteht daraus Unruhe in der Mannschaft? Genau das wollte Nagelsmann mit seiner Idee klar definierter Rollen eigentlich vermeiden. Auf die Diskussion um seine Personalpolitik reagierte der Bundestrainer zuletzt spürbar genervt. Er verwies darauf, dass viele Einschätzungen aus den vergangenen Wochen immer nur Momentaufnahmen gewesen seien. Die kommenden Tage in Chicago werden nun zeigen, welche Richtung Deutschland bei dieser WM einschlägt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion