Politik

Warum Frankreichs Schülerproteste nicht enden

Frankreichs Schulen im Chaos: Hunderte Proteste, Brände, Ausfälle – jetzt verspricht der Premier plötzlich Hilfe

05.10.2026, 11:57 Uhr

Frankreichs landesweite Schülerproteste für besser ausgestattete Schulen und bessere Lernbedingungen gehen in die zweite Woche. Zu Wochenbeginn kam es erneut an mehr als 400 Schulen zu Demonstrationen und Blockaden. Nach den Gewaltexzessen der vergangenen Tage blieben Hunderte Schulen aus Sicherheitsgründen ganz oder teilweise geschlossen.

Neu überschattet ein schwerer Zwischenfall im nordfranzösischen Lens die Proteste: Ein 15 Jahre alter Gymnasiast verlor nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft durch eine Polizeigranate eine Hand. Der Jugendliche wurde mit schweren Verletzungen in eine Klinik nach Lille gebracht, schwebt den Behörden zufolge aber nicht in Lebensgefahr. Die Generalinspektion der Nationalpolizei leitete eine Untersuchung zu dem Einsatz ein. Unklar ist bislang, um welchen Granatentyp es sich genau handelte.

Ermittlungen nach Vorfall in Lens

Nach Angaben der Präfektur hatten Schülerinnen und Schüler vor ihrer Schule in Lens protestiert. Aus einer Gruppe von 200 bis 250 Jugendlichen heraus seien Einsatzkräfte mit Steinen und Feuerwerkskörpern beworfen worden. Daraufhin rückte die Bereitschaftspolizei an, in deren Zusammenhang es zu dem Vorfall kam.

Die Behörden prüfen nun, ob der schwer verletzte Schüler eine von der Polizei abgefeuerte Granate aufgehoben hatte oder ob sie direkt in seiner Hand detonierte. Mehrere Jugendliche schilderten dem Sender Ici Nord, sie hätten den Schuleingang blockieren wollen, als Beamte Tränengas und Granaten eingesetzt hätten. Eine Schülerin sagte, sie habe gesehen, wie dem Mitschüler in dem Moment die Hand explodierte. Nach Informationen des Senders soll es sich bei dem eingesetzten Sprengkörper um eine Blendgranate gehandelt haben. Deren Einsatz bei Demonstrationen ist umstritten.

Ausschreitungen auch an anderen Orten

Wie bereits an den Tagen zuvor blieb es auch andernorts nicht überall friedlich. An einem Gymnasium in Paris soll es am Morgen mehrere Versuche gegeben haben, Feuer zu legen. Rund 100 Schülerinnen und Schüler wurden vorsorglich in Sicherheit gebracht. Auch die Polizeipräfektur im ostfranzösischen Nancy berichtete von Brandstiftungen sowie Angriffen mit Feuerwerkskörpern und Molotowcocktails. In Reims wurde der Straßenbahnverkehr wegen der Proteste unterbrochen.

Premierminister fordert konkrete Maßnahmen

Premierminister Sébastien Lecornu forderte die zuständigen Ministerien am Sonntagabend auf, rasch spürbare Verbesserungen an den Schulen des Landes auf den Weg zu bringen. In einem Schreiben erklärte er, der Staat verlange von Oberstufenschülern, sich auf ihre Zukunft vorzubereiten. Deshalb müssten sie darauf vertrauen können, dass ihnen unabhängig von sozialer Herkunft, Wohnort oder Bildungsweg die nötigen Mittel zur Verfügung stehen.

Nach Worten des Premiers geht es bei den Protesten um ausgefallenen Unterricht, marode Schulgebäude, überlange Schultage, Unsicherheit bei der Berufsorientierung und darüber hinaus um das generelle Gefühl vieler junger Menschen, mit ihren Sorgen nicht wahrgenommen zu werden. Diese Bedenken teilten auch zahlreiche Beschäftigte an den Schulen. Lecornu betonte, dass die Anliegen der Jugendlichen berechtigt seien und Gehör finden müssten. Gewalt und eine politische Instrumentalisierung der Proteste seien jedoch nicht hinnehmbar.

Landesweite Aktionen am Dienstag angekündigt

Für Dienstag haben Schülervertretungen zu Protesten im ganzen Land aufgerufen. Rückhalt kommt von mehreren großen Bildungsgewerkschaften, die im Internet zur Teilnahme an den Aktionen und teils auch zu Arbeitsniederlegungen aufrufen. Damit könnten sich die Proteste über die Schülerbewegung hinaus weiter ausweiten.

Die vergangenen Tage waren bereits von teils schweren Gewaltszenen überschattet. Lehrkräfte wurden attackiert, Polizisten verletzt sowie Müllcontainer und Fahrzeuge in Brand gesetzt. Zahlreiche Menschen erlitten Verletzungen. Zudem entstanden erhebliche Sachschäden, deren Höhe auf mehrere Millionen Euro geschätzt wird.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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