Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reist vom Nato-Gipfel in Ankara mit einer Reihe politischer und militärischer Zusagen zurück. Das Bündnis hat seine Unterstützung für die von Russland angegriffene Ukraine erneut bekräftigt – und zwar nicht nur durch die europäischen Mitglieder, sondern auch durch die USA. Welche Auswirkungen die Beschlüsse tatsächlich haben können und ob sie den Kriegsverlauf kurzfristig verändern, ist jedoch offen.
Patriot-Lizenz: Hilfe mit Verzögerung
Als wichtigstes Ergebnis aus Sicht Kiews gilt die Zusage von US-Präsident Donald Trump, der Ukraine eine Lizenz zur Herstellung von Munition für das Flugabwehrsystem Patriot zu ermöglichen. Das System gilt weiterhin als eines der wirksamsten Mittel gegen russische ballistische Raketen. Vor allem die PAC-3-Abfangraketen sind aber knapp, und die Produktion in den USA läuft nur schleppend.
Gerade jetzt fehlen diese Flugkörper in der Ukraine besonders dringend. Die Luftverteidigung wirkt stark belastet. Das dürfte auch Moskau einkalkuliert haben: Noch vor dem Gipfel wurde Kiew massiv mit Raketen angegriffen, ohne dass eine davon abgefangen werden konnte. Seit Anfang Juli kamen dabei mehr als 50 Menschen ums Leben.
Der deutsche Militärexperte Carlo Masala bezeichnete die Lizenzankündigung auf X zwar als positive Nachricht, stellte aber zugleich die entscheidende Frage: Woher sollen die Raketen kommen, bis die Ukraine sie selbst herstellen kann?
Denn ein schneller Nachbau ist keineswegs garantiert. Trump räumte selbst ein, dass es bislang noch keine Einigung mit den Herstellern Raytheon und Lockheed Martin gibt. Normalerweise dauert der Aufbau entsprechender Produktionskapazitäten mehrere Jahre. Zwar könnte die Ukraine unter Kriegsbedingungen versuchen, den Prozess zu beschleunigen, doch bis dahin bleibt Selenskyj auf weitere Lieferungen durch Partnerländer angewiesen.

70 Milliarden für dieses Jahr und 70 Milliarden für 2027
Über einen Nato-Beitritt der Ukraine wurde in Ankara nicht gesprochen. Dennoch würdigte das Bündnis Kiews Rolle ausdrücklich. In der Abschlusserklärung heißt es, die Ukraine leiste einen Beitrag zur transatlantischen Sicherheit.
Die europäischen Nato-Staaten und Kanada sagten der Ukraine für dieses Jahr Militärhilfen in Höhe von 70 Milliarden Euro zu. Dieselbe Summe wurde auch für 2027 in Aussicht gestellt. Darin enthalten sind 60 Milliarden Euro aus einem EU-Unterstützungsdarlehen im Umfang von 90 Milliarden Euro, die gezielt für Militärhilfe vorgesehen sind.
Konkret dürfte sich das in zahlreiche bilaterale und multilaterale Rüstungsprojekte, Lieferungen und Kooperationen aufteilen. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Nato-Programm PURL, über das europäische Staaten Waffen in den USA erwerben und anschließend an die Ukraine weitergeben.
Für Kiew bedeutet das vor allem mehr Planungssicherheit: Die Führung kann damit rechnen, dass militärische Unterstützung aus dem Ausland zumindest in den kommenden zwei Jahren weiterfließt. Zugleich steht die Ukraine militärisch derzeit etwas stabiler da als in den Vorjahren, nicht zuletzt wegen eigener Drohnenangriffe auf russische Ölindustrie und Rüstungsanlagen weit hinter der Front.
Kooperation bei Drohnen: Immer mehr Partner
Besonders stark ist die Ukraine aktuell im Bereich der Drohnentechnik. Dieses Know-how bietet sie anderen Ländern an und erhält im Gegenzug Produktionsmöglichkeiten im sicheren Ausland, Rüstungsgüter oder Investitionen in die eigene Verteidigungsindustrie.
Am Rande des Gipfels unterzeichneten Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius und sein ukrainischer Kollege Mychajlo Fedorow eine Vereinbarung über die gemeinsame Herstellung von Drohnen des Typs Bars. Diese Systeme können Ziele in Russland in einer Entfernung von bis zu 800 Kilometern erreichen.
Nach Angaben Selenskyjs wurden in Ankara zudem Drohnenabkommen mit Dänemark und den Niederlanden sowie ein Rüstungsvertrag mit Estland geschlossen. Weitere Gespräche mit anderen Staaten laufen demnach bereits.
Der Ausbau der ukrainischen Drohnenfähigkeiten gilt als besonders wichtig, weil Experten damit rechnen, dass Russland seinen derzeitigen technologischen Rückstand in einer nächsten Entwicklungsphase verringern könnte.
Europas Aufrüstung stärkt auch die Ukraine
In nahezu allen Gesprächen Selenskyjs spielte auch die Idee eines europäischen Raketenabwehrsystems eine Rolle, das langfristig als Alternative zum Patriot-System dienen könnte. Eine solche Lösung ist bislang allerdings noch nicht in greifbarer Nähe.
Dennoch sendet Ankara ein deutliches Signal: Europa will deutlich mehr in Sicherheit und Rüstung investieren. Davon dürfte auch die Ukraine direkt oder indirekt profitieren.
So planen die USA gemeinsam mit europäischen Partnern einen Wartungsstützpunkt für Patriot-Lenkflugkörper in Europa. Interesse daran haben Deutschland, Polen, die Niederlande und Schweden. Zudem soll der Lizenzbau amerikanischer Flugabwehrraketen vom Typ AMRAAM ausgeweitet werden.
Auch in anderen Bereichen wird die europäische Rüstungsproduktion ausgebaut. Der deutsche Konzern Rheinmetall will im niedersächsischen Unterlüß als erster Standort in Europa Munition für das US-Raketenartilleriesystem ATACMS herstellen. Solche Raketen hat die Ukraine bereits in begrenzter Zahl erhalten und gegen militärische Ziele in Russland eingesetzt.
Unterm Strich bringen die Beschlüsse von Ankara der Ukraine vor allem verlässliche Zusagen, neue industrielle Kooperationen und Perspektiven für die eigene Rüstungsproduktion. Eine unmittelbare Wende auf dem Schlachtfeld ist dadurch aber nicht garantiert.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber