Schwere russische Luftangriffe auf ukrainische Städte in der Nacht
Die bereits im Vorfeld befürchtete Welle massiver russischer Luftangriffe auf ukrainische Städte hat sich in der Nacht bestätigt. Kurz nach Mitternacht wurde in fast allen Regionen des Landes Luftalarm ausgelöst. Aus der Hauptstadt Kiew meldeten Behörden und Medien heftige Explosionen sowie zahlreiche Einschläge in der Stadt und ihren Vororten.
Nach ukrainischen Angaben wurden bei den Angriffen landesweit mindestens 21 Menschen getötet. Allein in Kiew kamen nach Angaben der Militärverwaltung mindestens 15 Menschen ums Leben. Die Zahl der Verletzten in der Hauptstadt wurde mit 60 angegeben, sie könnte nach Einschätzung der Behörden aber noch steigen. Viele Wohnhäuser wurden beschädigt, mehrere Gebäude stürzten teilweise ein.
Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko sagte, die Such- und Rettungsarbeiten liefen weiter. Unter den Trümmern könnten sich noch Menschen befinden. Besonders schwer getroffen wurde demnach ein teilweise eingestürzter sechsstöckiger Wohnblock. Auf Bildern waren vor allem schwere Zerstörungen in den oberen Etagen zu sehen. Insgesamt wurden nach Angaben der Stadt rund 30 Wohnhäuser beschädigt.
Viele Opfer auch im Umland von Kiew
Auch im Umland der Hauptstadt gab es Tote und Verletzte. Nach Behördenangaben starben dort sechs Menschen, 21 weitere wurden verletzt. In Wyschnewe am westlichen Rand Kiews brach zudem ein Großbrand aus. Wegen weiterer Explosionen brachten Sicherheitskräfte Hunderte Menschen in Sicherheit. Das deutet auf einen Treffer in einem Munitionslager hin.
Das russische Verteidigungsministerium erklärte, Ziel sei das Werk „Vizar“ in Wyschnewe gewesen. Dort werden demnach Flugabwehrsysteme gewartet und zugehörige Raketen hergestellt.
Wegen Schäden an der Bahninfrastruktur im Gebiet Kiew musste die ukrainische Eisenbahn Züge umleiten und teilweise Ersatzverkehr organisieren. Rund 60 Züge hatten nach diesen Angaben teils mehrstündige Verspätungen.
Zwei Großangriffe innerhalb einer Woche
Erst vor vier Tagen hatte das russische Militär einen ähnlichen Großangriff ausgeführt, bei dem es ebenfalls viele Tote und Verletzte gab. Während damals laut ukrainischen Angaben rund 500 Drohnen sowie mehr als 70 Marschflugkörper und andere Raketen eingesetzt wurden, waren es diesmal nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj 351 Drohnen sowie 68 Raketen und Marschflugkörper.
Den Berichten zufolge setzten die Angreifer neben zahlreichen Drohnen auch Dutzende Marschflugkörper und weitere Raketen ein. Selenskyj erklärte, die ukrainische Luftverteidigung habe beim Abschuss von Drohnen und Marschflugkörpern gute Ergebnisse erzielt, gegen russische ballistische Raketen aber erneut große Probleme gehabt. Als Grund nannte er den Mangel an Flugabwehrraketen.
Selenskyjs Warnung konnte die Angriffe nicht verhindern
Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bereits am Abend vor dem Angriff unter Berufung auf Geheimdienstinformationen vor einer neuen schweren Angriffswelle gewarnt. Er sagte, Kremlchef Wladimir Putin wolle unmittelbar nach dem amerikanischen Unabhängigkeitstag am 4. Juli und kurz vor dem Nato-Gipfel in Ankara weiteren Schaden anrichten und Menschen töten.
Nach der Attacke forderte Selenskyj vom Nato-Gipfel konkrete Entscheidungen zur Stärkung der ukrainischen Flugabwehr. Solange Patriot-Raketen ungenutzt in den Lagern der Verbündeten lägen, fühle sich Moskau ermutigt, den Krieg gegen Zivilisten fortzusetzen, schrieb er.
Die Patriot-Systeme gelten für die Ukraine als wichtigstes und nach Darstellung Kiews einzig wirksames Mittel gegen russische Raketen, insbesondere gegen ballistische Geschosse. Selenskyj hatte bereits im Frühjahr über knappe Bestände an entsprechender Munition geklagt. Zusätzlich wurden die weltweiten Reserven an Abwehrraketen nach ukrainischer Darstellung durch den US-Krieg gegen den Iran weiter verknappt. Zuletzt brachte Selenskyj auch die Möglichkeit einer eigenen Patriot-Produktion sowie einer europäischen Fertigung in der Ukraine ins Gespräch.
Weitere Hilfen und Blick auf Treffen mit Trump
Beim Nato-Gipfel in Ankara geht es auch um zusätzliche milliardenschwere Militärhilfen für die Ukraine. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte Kiew weitere Unterstützung zu. Nach ihren Angaben hat die EU zuletzt 4 Milliarden Euro aus einem insgesamt zugesagten Paket von 90 Milliarden Euro für den Kauf von Drohnen freigegeben; eine weitere Tranche solle bald folgen. Zudem kündigte sie an, das nächste Sanktionspaket gegen Russland voranzutreiben.
Für Selenskyj bietet das Treffen in Ankara zudem die Möglichkeit zu einem weiteren Gespräch mit US-Präsident Donald Trump. Beide wollen am Mittwoch auch über Wege zur Beendigung des Kriegs beraten. Aus Washington hieß es, man hoffe auf Fortschritte. Trump will sich Berichten zufolge außerdem mit Putin austauschen. Demnach hatten sowohl Selenskyj als auch Putin bereits am Wochenende mit Trump telefoniert und ihm ihre Sicht auf die Lage im Krieg geschildert.
Trump hatte sich nach seinem Amtsantritt als neutraler Vermittler präsentiert und die kostenlose Militärhilfe für die Ukraine eingestellt. Waffen aus den USA werden seither nur noch auf kommerzieller Grundlage geliefert. Die stärker auf Druck gegenüber Kiew ausgerichtete Linie Washingtons hat bislang jedoch keine politische Lösung gebracht. Während die Ukraine inzwischen nach eigenen Angaben auch über territoriale Zugeständnisse und ein Einfrieren des Kriegs entlang der Frontlinie sprechen würde, ist Putin von seinen Maximalforderungen nicht abgerückt.
Die Ukraine verteidigt sich seit Jahren mit westlicher Hilfe gegen den russischen Angriffskrieg.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber