Russland hat am Vorabend des Nato-Gipfels in Ankara eine neue massive Angriffswelle gegen die Ukraine gestartet. In der Nacht wurde in weiten Teilen des Landes Luftalarm ausgelöst, aus Kiew wurden schwere Explosionen gemeldet.
Nach Angaben ukrainischer Behörden und von Präsident Wolodymyr Selenskyj wurden bei dem Angriff in Kiew 11 Menschen getötet und rund 60 weitere verletzt. Im Umland der Hauptstadt kamen demnach 3 weitere Menschen ums Leben, 16 wurden verletzt.
Wohnhäuser in Kiew getroffen
Berichten zufolge schlugen Geschosse in mehreren Stadtteilen der Hauptstadt und in Vororten ein. Mehrere Gebäude wurden beschädigt. Ein Wohnblock stürzte teilweise ein, in der Mitte des Hauses klaffte ein großes Loch. Rettungskräfte suchten weiter nach möglichen Verschütteten unter den Trümmern.
Selenskyj hatte bereits zuvor vor einer neuen Welle schwerer russischer Luftangriffe gewarnt. Aus seiner Sicht passt ein solcher Angriff in Moskaus Vorgehen: kurz vor wichtigen internationalen Beratungen noch mehr Zerstörung anzurichten und den Druck auf die Ukraine zu erhöhen.
351 Drohnen und 68 Raketen und Marschflugkörper
Nach Darstellung Selenskyjs setzte Russland in der Nacht 351 Drohnen sowie 68 Raketen und Marschflugkörper ein. Die ukrainische Luftabwehr habe bei der Abwehr von Drohnen und Marschflugkörpern ein gutes Ergebnis erzielt, sagte er. Gegen russische ballistische Raketen sei sie jedoch weiterhin nur unzureichend gewappnet.
Marschflugkörper sind wegen ihrer niedrigen Flughöhe schwer zu orten, ballistische Raketen wiederum wegen ihrer hohen Geschwindigkeit besonders schwer abzufangen.
Selenskyj fordert starke Nato-Beschlüsse
Nach dem Angriff rief Selenskyj die Nato-Staaten erneut zu mehr Unterstützung bei der Flugabwehr auf. Vom Gipfel müssten starke Entscheidungen kommen, vor allem von den USA und den europäischen Partnern, um die ukrainische Luftabwehr zu stärken und Zivilisten besser zu schützen.
Er beklagte, dass es der Ukraine an Flugabwehrraketen fehle. Wenn passende Patriot-Abfangraketen in den Lagern der Verbündeten ungenutzt blieben, ermutige das Russland nur, den Krieg gegen Wohnhäuser fortzusetzen.
Gegen ballistische Raketen weitgehend machtlos
Die Ukraine kann russische Drohnen und Marschflugkörper vergleichsweise häufig abfangen, ist gegen ballistische Raketen aber weitgehend auf westliche Systeme angewiesen. Nach Kiews Darstellung sind dafür vor allem Patriot-Systeme aus den USA entscheidend.
Bereits seit Monaten drängt Selenskyj auf zusätzliche Lieferungen und mehr Munition für diese Luftabwehr. Er hatte zuletzt auch eine eigene Produktion von Patriot-Systemen sowie eine mögliche europäische Fertigung direkt in der Ukraine ins Gespräch gebracht.
Nato-Gipfel in Ankara und Treffen mit Trump
Die Staats- und Regierungschefs der Nato-Länder kommen am 7. und 8. Juli in Ankara zusammen. Dort soll es um die internationale Lage, die Zukunft des Bündnisses und auch um weitere Milliardenhilfen für Kiew gehen.
Am Rande des Gipfels ist zudem ein Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und Wolodymyr Selenskyj geplant. Dabei dürfte es neben neuen Luftabwehrhilfen auch um Wege zur Beendigung des russischen Angriffskriegs gehen.
Die Ukraine verteidigt sich seit mehr als vier Jahren mit westlicher Unterstützung gegen die russische Invasion.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber