Wegen des eskalierenden Streits mit Polen um die gemeinsame Geschichte wird der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nicht zur Wiederaufbaukonferenz nach Danzig (Gdansk) reisen. Stattdessen führt Ministerpräsidentin Julia Syrydenko die ukrainische Delegation bei dem gemeinsam mit Polen ausgerichteten Treffen am Donnerstag und Freitag an, wie sie auf Telegram mitteilte.
Zu der Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine werden neben Vertretern aus Politik und Wirtschaft auch mehrere Staats- und Regierungschefs erwartet. Am Donnerstag soll nach bisherigen Angaben auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) teilnehmen.
Empörung in Polen über ukrainische Geschichtspolitik
Trotz ihrer engen Zusammenarbeit im Abwehrkampf gegen den russischen Angriffskrieg sind Warschau und Kiew erneut in einen heftigen historischen Konflikt geraten. Auslöser war, dass Selenskyj eine Armee-Einheit nach Kämpfern der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) aus dem Zweiten Weltkrieg benannte.
Die UPA war unter deutscher Besatzung für die Ermordung von Zehntausenden Polen im Gebiet der heutigen Westukraine verantwortlich. Die Ehrung dieser Kämpfer löste in Polen massive Empörung aus.
Der polnische Präsident Karol Nawrocki entzog Selenskyj daraufhin einen polnischen Orden. Als Reaktion gaben Selenskyj und weitere ukrainische Politiker polnische Auszeichnungen zurück. In der Folge verschärfte sich der Ton zwischen beiden Ländern deutlich. Der Streit droht inzwischen auch andere Bereiche der strategisch wichtigen Zusammenarbeit zu belasten.
Konflikt hat auch innenpolitische Dimension in Polen
In Polen spielt der Konflikt zudem in die Innenpolitik hinein. Die Wiederaufbaukonferenz wird von der linksliberalen Regierung von Ministerpräsident Donald Tusk organisiert. Der rechtspopulistische Präsident Nawrocki setzt Tusk dabei unter Druck und nutzt eine wachsende Ukraine-Müdigkeit in Teilen der polnischen Gesellschaft für seine politische Linie.
Medien beider Länder mahnen zur Zurückhaltung
Große Medien in Polen und der Ukraine riefen beide Seiten zu Besonnenheit auf. Politiker müssten Weisheit und Vernunft zeigen, eine Verständigung suchen und einen Weg aus der Krise finden, hieß es in einem gemeinsamen Appell. Veröffentlicht wurde er unter anderem von der polnischen "Gazeta Wyborcza" und "Onet.pl" sowie in der Ukraine von "Ukrajinska Prawda". Der Streit nütze letztlich nur Russland, warnten die Unterzeichner.
Die internationalen Wiederaufbaukonferenzen für die Ukraine finden seit dem ersten Kriegsjahr jährlich an wechselnden Orten statt. Selenskyj war 2022 in Lugano und 2023 in London nur zugeschaltet. Zu den Treffen 2024 in Berlin und 2025 in Rom reiste er persönlich an.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber