Zuletzt sind in Deutschland wiederholt mutmaßliche Spione aufgeflogen, die nach Einschätzung der Ermittler für russische Nachrichtendienste gearbeitet haben sollen. Generalbundesanwalt Jens Rommel sagte beim Jahrespresseempfang der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, vieles deute darauf hin, dass Moskau gezielt auf günstige, kaum ausgebildete Hilfskräfte setze. Diese sogenannten einfachen Helfer könnten im Fall ihrer Enttarnung nur wenig über die eigentlichen Geheimdienststrukturen verraten.
Rommel betonte, dass es dabei nicht allein um das Sammeln von Informationen in Deutschland gehe. Vielmehr dienten solche Aktivitäten häufig der Vorbereitung weiterer Operationen – etwa Sabotageakten oder sogar möglichen Angriffen auf zuvor ausgespähte Personen. Ein zentrales Motiv sei offenbar, die deutsche Unterstützung für die Ukraine zu schwächen.
Netzwerkerin mit Verbindungen bis zur Bundeswehr
Nach Einschätzung deutscher Behörden führte die Spur in mehreren Fällen zuletzt nach Russland. So ließ die Bundesanwaltschaft im Januar in Berlin eine prorussische Aktivistin festnehmen. Die deutsch-ukrainische Beschuldigte soll für einen Mitarbeiter eines russischen Geheimdienstes an der russischen Botschaft Informationen beschafft und beim Knüpfen von Kontakten geholfen haben.
Laut Ermittlern sammelte sie Hintergrundwissen über Teilnehmer hochrangiger politischer Veranstaltungen. Außerdem soll sie sich für Standorte der Rüstungsindustrie, Drohnentests und geplante Drohnenlieferungen an die Ukraine interessiert haben. Besonders sensibel: Dabei soll sie auch frühere Bundeswehrangehörige angesprochen haben, die sie persönlich kannte.

Unterstützer und Kämpfer der Ukraine im Visier
Im Jahr 2026 kamen bislang vier weitere Festnahmen hinzu, die auf Veranlassung der Bundesanwaltschaft erfolgten. Den Verdächtigen wird vorgeworfen, vor allem Informationen mit Bezug zum Krieg in der Ukraine gesammelt zu haben.
So sollen eine Rumänin und ein Ukrainer im Auftrag eines russischen Dienstes eine Person ausgespäht haben, die von Deutschland aus Drohnen und Bauteile in die Ukraine lieferte. Kurz darauf wurde ein weiterer Ukrainer festgenommen, der einen in Deutschland lebenden ehemaligen Kämpfer der ukrainischen Streitkräfte für Russland beobachtet haben soll. Ende April nahm die Polizei zudem einen Kasachen fest. Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft soll er Informationen über Deutschlands Militärhilfe für die Ukraine sowie über die deutsche Rüstungs- und Verteidigungsindustrie weitergegeben haben.
Wie die Bundesregierung im März auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion mitteilte, leitete die Bundesanwaltschaft 2025 insgesamt vier Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit Spionage und Sabotage ein. 2024 waren es 16 Verfahren gegen 24 Beschuldigte. Zum Stichtag 1. März 2026 liefen 20 Verfahren gegen 23 Verdächtige. Die Regierung wies jedoch darauf hin, dass verdeckte Ermittlungen in dieser Statistik nicht enthalten sind.
Verfassungsschutz warnt vor Sabotagevorbereitung
Das Bundesamt für Verfassungsschutz sieht den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine als Verstärker der Aktivitäten russischer Dienste. Im Mittelpunkt stünden nicht nur Politik und Behörden, sondern auch militärische Einrichtungen und kritische Infrastruktur.
Nach Angaben des Verfassungsschutzes untersucht die Spionageabwehr seit 2024 mehrere ungeklärte Vorfälle, die möglicherweise mit Sabotage im russischen Auftrag zusammenhängen. Solche Taten müssten in der Regel langfristig vorbereitet werden. Dazu würden klassische Spionagemethoden genutzt: Beobachtungen, Informanten im Zielobjekt oder Cyberangriffe, um möglichst viele Informationen zu sammeln.
Neu sei vor allem der verstärkte Einsatz sogenannter Proxys. Gemeint sind Personen, die im Auftrag eines Nachrichtendienstes handeln, ohne selbst Teil des Dienstes zu sein. Sie werden häufig über soziale Netzwerke oder Messenger angeworben und gesteuert.
Härtere Strafen für sogenannte Wegwerf-Agenten
Ein solcher Fall landete rund um den Jahreswechsel vor Gericht. Drei Ukrainer wurden angeklagt, weil sie im Auftrag Russlands Pakete mit GPS-Trackern von Deutschland in Richtung Ukraine geschickt haben sollen. Nach Darstellung der Bundesanwaltschaft sollten so Transportwege und logistische Abläufe ausgespäht werden. Später hätten dann Pakete mit Brandsätzen folgen sollen, die sich während des Transports entzünden und erheblichen Schaden anrichten sollten.
Für diese Art von Helfern, die oft als „Wegwerf-Agenten“ bezeichnet werden, gelten seit Januar strengere Regeln. Gemeint sind angeworbene Handlanger ohne nachrichtendienstliche Ausbildung, die häufig für wenig Geld tätig werden. Mit einem neuen Straftatbestand im Strafgesetzbuch ist die „Ausübung fremder Einflussnahme und darauf gerichtete Agententätigkeit“ nun ausdrücklich verboten. Es drohen Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren.
Auch China und Iran im Blick der Ermittler
Nach Angaben der Behörden geht die Bedrohung jedoch nicht nur von Russland aus. Im Mai wurde ein Ehepaar festgenommen, das für einen chinesischen Geheimdienst Wissenschaftsspionage an deutschen Hochschulen betrieben haben soll.
Wenig später erhob die Bundesanwaltschaft zudem Anklage gegen einen mutmaßlichen iranischen Spion. Er soll jüdische Personen und Unterstützer Israels ausgespäht haben, um mögliche Mord- und Brandanschläge vorzubereiten. Zu den ausgespähten Zielen sollen unter anderem der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sowie Volker Beck von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft gehört haben.
Die Bundesanwaltschaft ist Deutschlands oberste Strafverfolgungsbehörde für Delikte wie Terrorismus, Spionage und Völkerstrafrecht. An ihrer Spitze steht seit März 2024 Generalbundesanwalt Jens Rommel.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion