Ukraine

Diese 3D-Teile aus Deutschland helfen der Ukraine

Was in deutschen Kellern surrt, hilft der Ukraine an der Front – ohne diese Freiwilligen sähe der Abwehrkampf düster aus.

23.05.2026, 04:55 Uhr

Ukrainische „Druckarmee“ produziert auch in Deutschland dringend benötigte Teile

Die Ukraine wird nicht nur mit Geld, Material und humanitärer Hilfe unterstützt, sondern auch durch ein internationales Netzwerk von Freiwilligen mit 3D-Druckern. Die Initiative Drukarmija versteht sich als „Druckarmee“ und stellt in großer Zahl Kunststoffteile her, die an der Front und im Rettungsdienst gebraucht werden. Dazu gehören unter anderem Zubehör für Drohnen, Schutzkappen, Halterungen für Tablets, Gehäuse für Akkus und Lampen sowie medizinische Hilfsmittel.

Auch in Deutschland beteiligen sich Freiwillige an diesem Netzwerk. Menschen wie Chris, Yevhen oder Meister Will übernehmen Druckaufträge, treten in internen Chats aber aus Sicherheitsgründen nur unter Pseudonymen auf. Für Chris ist sein Einsatz vor allem eine Frage der Gerechtigkeit. Nach Beginn des russischen Angriffs im Februar 2022 half er zunächst Geflüchteten. Später suchte er nach einer anderen Form der Unterstützung – und fand sie im 3D-Druck.

Hohe Kosten für den privaten Einsatz

In seiner Garage laufen vier Drucker nahezu ohne Pause. Chris produziert nach eigenen Angaben besonders viel: pro Woche etwa 10 bis 15 Kilogramm an Kunststoffteilen. Das verursacht beträchtliche Kosten. Monatlich kommen bei ihm rund 400 bis 500 Euro zusammen. Trotzdem sieht er das als seinen persönlichen Beitrag zur ukrainischen Verteidigung.

Ähnlich war es bei Meister Will. Auch er engagierte sich zuerst für Geflüchtete. Als er von Drukarmija erfuhr, erinnerte er sich an den 3D-Drucker in seinem Keller. Seitdem nutzt er ihn gezielt für Hilfsprojekte. Für ihn steht fest: Die Ukraine verteidige nicht nur sich selbst, sondern letztlich auch die Freiheit in Europa.

Teile aus dem 3D-Drucker für die Ukraine
Plastikrohstoff aus der Ukraine, Druck in Deutschland: Gehäuse für Powerbanks. Quelle: Friedemann Kohler/dpa

Bestellungen funktionieren wie in einem Online-Shop

Nach Angaben der Organisation ist Drukarmija die größte 3D-Druck-Initiative des Landes. Mitgründer Jake (Jewhen) Wolnow spricht von fast 3.000 Aktiven mit rund 7.000 Geräten. Etwa 600 Unterstützerinnen und Unterstützer seien außerhalb der Ukraine aktiv, wobei Deutschland zu den wichtigsten Standorten gehöre.

Gesteuert wird das Netzwerk aus einem Bunker in Kyjiw. Das Prinzip ähnelt einem Online-Shop – nur ohne Bezahlung. Soldaten an der Front, Sanitäter oder Feuerwehrleute melden ihren Bedarf. Kuratoren bereiten daraus konkrete Druckaufträge auf. Freiwillige laden die Dateien herunter, drucken die Teile und schicken sie an zentrale Stellen, wo sie geprüft und anschließend weiter in die Einsatzgebiete transportiert werden.

Aus Deutschland gelangen die fertigen Kunststoffteile meist als Mitnahmefracht in Kleintransportern oder Sammelfahrten in die Ukraine. Laut Wolnow umfasst das Sortiment etwa 1.500 verschiedene Artikel.

Zwischen Zivilgesellschaft und neuer Rüstungslogik

Drukarmija ist Teil jener breiten ukrainischen Zivilgesellschaft, deren ehrenamtliches Engagement im Krieg eine zentrale Rolle spielt. Gleichzeitig steht die Initiative für eine neue, improvisationsstarke Form der Rüstungsproduktion: schnell, günstig und flexibel.

Zuletzt hatte Rheinmetall-Chef Armin Papperger solche Aktivitäten abfällig als Arbeit „ukrainischer Hausfrauen“ beschrieben, die in ihren Küchen Drohnenteile druckten. Wolnow und sein Team reagierten darauf mit Spott. Aus ihrer Sicht zeigt der Krieg gerade, dass teure Großsysteme verwundbar sind, wenn ihnen günstige und in hoher Stückzahl produzierte Drohnen gegenüberstehen. Weil der Ukraine der Zugang zu kostspieligen Waffensystemen oft fehle, setze sie verstärkt auf preiswerte und anpassbare Lösungen.

Keine heiklen Waffenteile aus Deutschland

Allerdings gibt es klare Grenzen dafür, was Freiwillige im Ausland drucken dürfen. Nach Angaben von Wolnow werden keine Aufträge ins Ausland vergeben, wenn die Teile theoretisch als Waffenbestandteile eingestuft werden könnten. Niemand wolle Konflikte mit deutschen Vorschriften zur Kontrolle von Kriegswaffen riskieren. Bauteile für Waffen oder Munition würden deshalb offiziell nur in der Ukraine selbst hergestellt.

Anders sieht es bei Schulungsmodellen aus. So entstehen in Deutschland beispielsweise Attrappen von Minen oder Streumunition, die für Aufklärungszwecke genutzt werden. Yevhen erklärt, dass solche Modelle Zivilisten – auch in Schulen – zeigen sollen, welche gefährlichen Gegenstände auf keinen Fall berührt werden dürfen.

„Ich kann nicht einfach zuschauen“

Yevhen stammt ursprünglich aus der Ukraine und arbeitet heute als Informatiker in Süddeutschland. Seit drei Jahren beteiligt er sich am Drucknetzwerk. Er habe sich nie vorstellen können, dass es zu diesem Krieg kommen würde, sagt er – und noch weniger, dass er selbst daran in dieser Form mitwirken würde. Für ihn widerspreche Krieg eigentlich seinen wissenschaftlichen und persönlichen Überzeugungen. Trotzdem sei Wegsehen keine Option.

Zu den jüngeren Aufträgen zählten auch Modelle menschlicher Knochen. Sie helfen Suchteams auf Schlachtfeldern bei der Identifikation von Funden. Chris wiederum zeigt in seiner Garage orthopädische Hilfen aus dem Drucker: etwa Schutzteile für Prothesen von Soldaten, die Gliedmaßen verloren haben. Für das Münchner Projekt Energy for Ukraine stellt er zudem Kunststoffgriffe für Venensucher her. Diese Geräte ermöglichen es Rettungskräften, bei Rotlicht auch im Dunkeln Venen verletzter Menschen zu erkennen.

Hilfe mit Strom, Licht und recycelten Akkus

„Wir entwickeln und bauen elektrische Hilfsgeräte für die Ukraine“, sagt Max Uzunov von Energy for Ukraine. Gemeinsam mit anderen Freiwilligen montiert er nicht nur Venensucher, sondern auch Taschenlampen und Powerbanks. Die Gehäuse dafür werden aus robustem, grünem Kunststoff gefertigt, der aus der Ukraine stammt.

In den Powerbanks stecken häufig wiederverwendete Akkus aus E-Bikes. Genau diese zu beschaffen, sei derzeit eines der größten Probleme, sagt Uzunov. Die fertigen Geräte werden dort eingesetzt, wo Rettungskräfte nach Luftangriffen Verletzte versorgen müssen. Teilweise gelangen die Stromquellen auch per Drohne zu ukrainischen Stellungen, damit Soldaten vor Ort Energie für ihre Ausrüstung haben.

Uzunov arbeitet fast täglich an den Geräten. Besonders motivierend sei für ihn die Rückmeldung aus der Ukraine. Wenn von dort eine Nachricht komme, sei das für ihn der eigentliche Lohn seiner Arbeit.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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