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Ebola: Wenn Rebellen über Leben und Tod entscheiden

Ebola außer Kontrolle: Im Ostkongo breitet sich das Virus mitten im Krieg aus. Was passiert, wenn der Staat im Krisengebiet fehlt?

23.05.2026, 05:00 Uhr

Ein Ausbruch von Ebola stellt jedes Gesundheitssystem vor enorme Belastungen. Im Osten der Demokratischen Republik Kongo verschärfen jedoch besondere Umstände die Lage zusätzlich: Das zweitgrößte Land Afrikas ist riesig, viele Regionen sind wegen eines schwachen Straßennetzes nur schwer erreichbar, und gerade das betroffene Gebiet ist von Gewalt, bewaffneten Gruppen und zahlreichen Vertriebenen geprägt. Diese Mischung macht die Eindämmung der Krankheit besonders kompliziert.

Anhaltende Kämpfe und schwache staatliche Kontrolle im Osten

Die östlichen Provinzen leiden seit Jahrzehnten unter bewaffneten Konflikten. Der Einfluss der Regierung in Kinshasa und der kongolesischen Armee FARDC reicht in vielen Gebieten nur begrenzt. Mehr als 100 Milizen sind im Land aktiv – von lokalen Warlords bis hin zur Rebellengruppe M23. Diese kontrolliert große Teile von Nord- und Süd-Kivu, darunter auch die Provinzhauptstädte Goma und Bukavu, erhebt dort Steuern und setzt eigene Bürgermeister ein.

Viele dieser Gruppen finanzieren sich über den Abbau wertvoller Rohstoffe. Die Region, in der Ebola derzeit ausgebrochen ist, gilt laut CDC Africa als dicht besiedeltes Bergbaugebiet mit hoher Mobilität der Bevölkerung – Bedingungen, die die Ausbreitung einer Infektionskrankheit begünstigen können.

Hunderttausende Menschen auf der Flucht

Besonders betroffen ist die Provinz Ituri, in der die meisten Ebola-Fälle registriert wurden. Dort leben nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 920.000 Binnenvertriebene. Allein in den ersten drei Monaten des Jahres mussten mehr als 100.000 Menschen wegen neuer Kämpfe fliehen. Im gesamten Ostkongo wird die Zahl der Binnenflüchtlinge auf bis zu vier Millionen geschätzt. Viele von ihnen leben unter äußerst engen und prekären Bedingungen in provisorischen Lagern. Ein Ebola-Ausbruch in einem solchen Umfeld wäre für Fachleute ein besonders gefährliches Szenario.

In Ituri sind vier bewaffnete Gruppen aktiv, darunter auch die islamistische ADF. Erst im vergangenen Monat wurden dort bei Angriffen der Codeco-Miliz rund 70 Menschen getötet. Während die Maßnahmen gegen Ebola anliefen, verübte die ADF zudem Überfälle auf christliche Dörfer und richtete dort Massaker an.

Der Weg zur Hilfe ist oft selbst ein Risiko

Der Berliner Epidemiologe Maximilian Gertler, der bereits mehrfach für Ärzte ohne Grenzen bei Ebola-Einsätzen tätig war, beschreibt die Lage als ständiges Arbeiten unter Gewaltbedingungen. Das betreffe nicht nur internationale und lokale Helfer, sondern ebenso die Bevölkerung. Schon das Verlassen eines Dorfs oder die Fahrt in die nächste Stadt mit medizinischer Versorgung könne lebensgefährlich sein, sagt er. Hinzu komme, dass sich viele Menschen eine solche Reise gar nicht leisten könnten.

Abgelegene Orte sind für Hilfsteams oft nur schwer erreichbar. Sobald die Regenzeit beginnt, werden Straßen vielerorts zu kaum passierbaren Schlammpisten. Ärzte ohne Grenzen setzt deshalb unter anderem auf Beschäftigte aus der Region, die mit Motorrädern entlegene Gebiete erreichen und mögliche neue Infektionsherde frühzeitig entdecken sollen. Denn nur Übertragungsketten, die erkannt werden, lassen sich auch wirksam unterbrechen.

Rebellengebiete mit eigener Gesundheitsverwaltung

Eine besondere Situation herrscht in den von der M23 kontrollierten Regionen. Dort haben die Rebellen teils seit Jahren eigene Verwaltungsstrukturen aufgebaut und übernehmen inzwischen auch Aufgaben im Gesundheitswesen. In Goma wurden zwei Ebola-Fälle registriert, ein weiterer in Süd-Kivu. Die M23 veröffentlichte dazu selbst Angaben über Fallzahlen – per Mitteilung und über soziale Medien.

Ursula Langkamp, Leiterin des Goma-Büros der Welthungerhilfe, berichtet, die M23 habe nach dem ersten Todesfall in Goma 189 Kontaktpersonen erfasst. In offiziellen Lageberichten der Regierung tauchte diese Zahl jedoch nicht auf. Für Langkamp stellt sich daher die Frage, ob die Abstimmung zwischen den staatlichen Stellen und den Rebellen überhaupt funktioniert.

Offiziell gibt es zwar weder direkte politische Gespräche noch eine formelle Zusammenarbeit zwischen Regierung und M23 im Kampf gegen Ebola. Dennoch erklärte der politische Arm der Miliz, der Schutz von Leben und Gesundheit müsse über politischen Gegensätzen stehen. Eine Epidemie kenne keine Verwaltungsgrenzen, Frontlinien oder politischen Lager, betonte Corneille Nangaa von der Congo River Alliance, dem politischen Flügel der M23.

Der kongolesische Gesundheitsminister Roger Kamba sagte unterdessen in Kampala, direkte Gespräche mit der M23 gebe es zwar nicht. Es liefen aber Kontakte über die USA und Katar, die bereits als Vermittler bei Gesprächen über eine Waffenruhe aufgetreten seien. Entscheidend sei eine einheitliche Ebola-Reaktion in der gesamten Region. Deshalb bemühe sich die Regierung auch um die Öffnung des Flughafens in Goma und um Zugang nach Süd-Kivu.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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