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Schon wieder Umspannwerke: Warum nur?

Rätselhafte Angriffe auf Umspannwerke häufen sich: Verdächtige Funde und Bekennerschreiben – droht Gefahr fürs Stromnetz?

04.09.2026, 15:22 Uhr

Seit Beginn der Woche häufen sich in Deutschland Warnungen vor tatsächlichen oder mutmaßlichen Sabotageversuchen an Umspannwerken. Nach Vorfällen bei Jänschwalde und Bergheim stehen inzwischen auch Dormagen, Weisweiler, Eschweiler, Hamm sowie Standorte in Sachsen und Niedersachsen im Fokus der Sicherheitsbehörden. Ein Überblick über den aktuellen Stand.

Jüngste Vorfälle an Umspannwerken

Vor allem in Nordrhein-Westfalen laufen derzeit mehrere Ermittlungen. In Dormagen zwischen Köln und Düsseldorf entdeckte ein Spaziergänger am Donnerstagabend an einem Umspannwerk einen verdächtigen Gegenstand. Die Polizei geht von einem Sabotagedelikt aus. Nach Angaben eines Sprechers könnte es sich um eine verdächtige Abschussvorrichtung handeln.

Am Kraftwerk Weisweiler bei Aachen und an einem Umspannwerk in Eschweiler suchte die Polizei am Freitag mit zahlreichen Kräften die Umgebung ab. Auslöser sind Bekennerschreiben, in denen Weisweiler als weiterer möglicher Tatort genannt wird. Nach dpa-Informationen sollen beide Schreiben von einem Mann aus Gevelsberg bei Hagen stammen, der die jüngsten Angriffe auf Teile des Energienetzes in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen für sich reklamiert haben soll.

Neu hinzugekommen ist ein weiterer größerer Einsatz in Nordrhein-Westfalen: Am Freitagabend rückten zahlreiche Polizeiwagen zu einer Stromanlage in Hamm an, die an einer Landstraße nahe eines Waldstücks liegt. Auch ein Hubschrauber war dort im Einsatz.

Auch in Sachsen gab es konkrete Funde. Nach Angaben von Innenminister Armin Schuster sicherte die Polizei an zwei Fundorten vier unbekannte Sprengvorrichtungen. Hinweise darauf sollen sich aus einem Bekennerschreiben ergeben haben. Unmittelbar nach dessen Eingang seien bereits am Donnerstag intensive Suchmaßnahmen eingeleitet worden. Die Polizeidirektion Görlitz hatte zuvor einen Einsatz nördlich von Bautzen bestätigt.

In Niedersachsen sorgte in der Nacht zu Freitag ein offenstehender Schaltschrank bei einem Umspannwerk in Ganderkesee im Landkreis Oldenburg für Aufregung. Polizei, Hubschrauber und Spürhunde waren im Einsatz. Weshalb der Wartungskasten geöffnet war, blieb zunächst unklar. Die Polizei prüft, ob ein strafrechtlich relevanter Zusammenhang besteht.

Bereits am Dienstagmorgen hatten Unbekannte in Brandenburg nahe dem Umspannwerk Turnow-Preilack unweit des Kraftwerks Jänschwalde die Stromversorgung angegriffen. Am Abend kam es dann zu einer Störung an einem Umspannwerk in Bergheim bei Köln.

Nahe beider Orte fanden die Behörden nach eigenen Angaben Abschussvorrichtungen und Pyrotechnik. In Brandenburg sollen es laut dpa mehr als 20 Raketen gewesen sein. Die Ermittlungen laufen wegen verfassungsfeindlicher Sabotage.

Was über Täter und Motive bekannt ist

Gesicherte Erkenntnisse zu Tätern und Beweggründen gibt es weiterhin nicht. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagte mit Blick auf die anstehenden Wahlen in mehreren Bundesländern, es gebe die Erwartung, dass solche Vorfälle zunehmen könnten.

In Nordrhein-Westfalen konzentrieren sich die Ermittlungen auf einen 48-Jährigen aus Gevelsberg. Nach Angaben von NRW-Innenminister Herbert Reul stürmte die Polizei am Freitag in Niederzier bei Düren das Fahrzeug des Verdächtigen. Der Mann befand sich jedoch nicht darin und soll vermutlich zu Fuß geflohen sein.

Das Auto stand nach Angaben des Leiters der Staatsschutz-Abteilung im nordrhein-westfälischen Innenministerium, Markus Gemünd, in einem Waldgebiet und wird nun kriminaltechnisch auf Spuren untersucht.

Zuvor hatten Einsatzkräfte bereits ein Wohnhaus der Familie des Gesuchten in Gevelsberg durchsucht, ihn dort aber nicht angetroffen. Laut Reul fanden die Ermittler in seiner Wohnung Stoffe, die zunächst als Sprengstoff bezeichnet wurden. Später wurde präzisiert, dass es sich um Kaliumnitrat und Kaliumperchlorat gehandelt habe.

Reul sagte zugleich, bislang gebe es keine weiteren Hinweise darauf, dass der Mann besonders gefährlich sei. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt geht nach derzeitigem Stand sehr wahrscheinlich von einem Einzeltäter aus und sprach von „Klimaterrorismus“.

Offen ist allerdings weiterhin, ob der mutmaßliche Verfasser der Bekennerschreiben auch tatsächlich der Täter ist. Nach Reuls Einschätzung gelten die Schreiben derzeit zwar als authentisch. Gleichzeitig warnte er davor, eine Unterschrift automatisch mit der Täterschaft gleichzusetzen. Geprüft wird zudem, ob der Mann allein handelte und ob es direkte Verbindungen zu den Vorfällen in Brandenburg gibt.

Die Behörden schließen außerdem nicht aus, dass unterschiedliche Taten auf verschiedene Personen mit unterschiedlichen Motiven zurückgehen. Auch Nachahmer oder Trittbrettfahrer bleiben eine mögliche Erklärung.

Inhalt der Bekennerschreiben

In der Vergangenheit bekannten sich wiederholt linksextreme Gruppen zu Angriffen auf die Stromversorgung. Die nun bekannt gewordenen Schreiben passen nach Einschätzung von Beobachtern jedoch nicht in dieses Muster. Darüber hatten zunächst die taz und die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet.

In einem der Briefe heißt es sinngemäß, bei funktionierender Rechtsordnung müsse der Verfasser nicht das Gesetz brechen und Leid durch Stromausfälle in Kauf nehmen, für die er Verantwortung trage. Zugleich grenzt sich der Autor ausdrücklich von der linken Szene ab. Kritisiert werden stattdessen die fossile Brennstoffindustrie, die Rüstungsindustrie sowie der „Völkermord in Palästina“.

Auch zu Aktionen, die westliche Behörden Russland zuschreiben, passt die namentliche Unterzeichnung kaum. Als Beispiel gilt der jüngste Anschlagsversuch mit einer Sprengstoff-Drohne auf den Flughafen Leipzig/Halle. Solche mutmaßlich staatlich gelenkten oder zugeschriebenen Sabotageakte werden in der Regel nicht öffentlich unterschrieben.

Wie gut das Stromnetz geschützt ist

Betreiber und Behörden betonen seit langem, dass ein flächendeckender Schutz des weit verzweigten Stromnetzes praktisch unmöglich ist. Ähnlich wie beim Bahnnetz können allenfalls besonders kritische Anlagen zusätzlich gesichert werden.

Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), macht deutlich, dass es keinen vollständigen Schutz geben werde. Entscheidend sei deshalb vor allem die Krisenreaktionsfähigkeit. Neben der Gefahrenabwehr komme es darauf an, Schäden nach einem Angriff zu begrenzen und die Versorgung schnell wiederherzustellen. Sie fordert unter anderem weniger Transparenz- und Veröffentlichungspflichten für kritische Infrastruktur.

Der Energieexperte Florian Steinke von der Technischen Universität Darmstadt hält es zudem für wichtig, Material und Ersatzteile auf Lager zu halten. Unter Umständen könne es sogar sinnvoll sein, zusätzliche Fabriken aufzubauen, um Transformatoren schneller produzieren zu können. Offen sei allerdings, wer die Kosten dafür und für zusätzliches Personal tragen solle.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche betonte, die Energieversorgung in Deutschland sei sicher geblieben. Für einzelne Haushalte habe es keine Ausfälle gegeben. Das zeige, dass mit hohen Sicherheitsstandards ein widerstandsfähiges System aufgebaut worden sei. Zugleich machten die Vorfälle deutlich, wie wichtig es sei, die Resilienz der Energieversorgung weiter konsequent zu stärken.

Die Größe des deutschen Stromnetzes

Nach Angaben des BDEW gibt es in Deutschland knapp 250 Umspannwerke, an denen Höchstspannung auf niedrigere Spannungsebenen reduziert wird, damit Strom über kürzere Distanzen verteilt werden kann.

Für Hoch- und Mittelspannung stehen demnach rund 8.600 Transformatoren zur Verfügung. Für die Umspannung auf Niederspannung kommen etwa 460.000 weitere Transformatoren hinzu. Grundsätzlich gilt: Je weiter Strom transportiert werden muss, desto höher ist die Spannung. Entsprechend können Störungen an Höchstspannungsleitungen oder wichtigen Umspannwerken im Höchstspannungsnetz großflächige Ausfälle verursachen.

Insgesamt umfasst das deutsche Stromleitungsnetz laut BDEW rund 1,94 Millionen Kilometer. Davon entfallen etwa 39.000 Kilometer auf das Höchstspannungsnetz und rund 95.700 Kilometer auf das Hochspannungsnetz. Rund 11.500 Kilometer sind unterirdisch verlegt, etwa 123.200 Kilometer als Freileitungen ausgeführt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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