Vor den Messehallen des Kongresszentrums in Birmingham zieht sich die Warteschlange über mehrere Hundert Meter. Obwohl der zweite Tag der Jahreskonferenz von Reform UK längst läuft, warten viele Anhängerinnen und Anhänger geduldig weiter – vor allem in der Hoffnung, Parteichef Nigel Farage möglichst nahe zu kommen. Die Enthüllung eines weiteren mutmaßlichen Spendenskandals tritt auf dem Parteitag dagegen deutlich in den Hintergrund.
„Farage wird sich schon darum kümmern“, sagt Parteimitglied Robert in Halle 3. Sein Alter möchte er nicht nennen. Er trägt eine Weste mit aufgenähten britischen Fahnen. Etwa eine Stunde zuvor hatte Farage im Radiosender LBC betont, Reform UK habe „keine Gesetze gebrochen“ und weder dubiose Gelder noch Vergleichbares angenommen.
Auslöser der neuen Debatte ist eine Recherche von Channel 4 News. Dem Bericht zufolge sollen Parteifunktionäre darüber gesprochen haben, wie sich Geld aus dem Ausland trotz der strengen britischen Regeln für Parteispenden für Reform UK nutzbar machen ließe. Im Raum stand dabei auch eine größere Spende eines vermeintlichen US-Unternehmers und dessen Sohns. Später stellte sich jedoch heraus, dass es sich um verdeckt arbeitende Reporter der Investigativgruppe „Verbatim Investigations“ handelte.
Nach Angaben der Nachrichtenagentur PA leitete Reform UK nach der Ausstrahlung des Berichts eine interne Untersuchung ein. Zwei hochrangige Funktionäre legten am Morgen ihre Parteiämter nieder, darunter ein enger Berater Farages. Mehrere britische Medien berichteten ausführlich darüber, wie groß dessen Einfluss auf den Parteichef gewesen sein soll.
Britisch zu sein, „ist nichts Schlechtes“
Der 19-jährige Student Archie sagt, sein Vertrauen in die Parteispitze sei ungebrochen. Ihm sei wichtig, dass Reform bei Verfehlungen eine Null-Toleranz-Linie verfolge – auch bei rassistischen Äußerungen. Er unterstütze die Partei, weil es wieder selbstverständlich sein müsse, britisch zu sein. Daran sei „nichts Schlechtes“, sagt er, auch wenn das aus seiner Sicht oft anders dargestellt werde.
Migration gehört seit jeher zum politischen Kern von Farage. Vor gut einem Jahr hatte der frühere Brexit-Vorkämpfer seine Pläne gegen irreguläre Einwanderung vorgestellt. Demnach würde er in großem Stil abschieben und individuelle Lebenslagen oder die Situation in den Herkunftsländern nur begrenzt berücksichtigen. Robert betont, er habe nichts gegen Einwanderung. Wer arbeite, sei willkommen. Entscheidend sei für ihn die Kontrolle.
Am späten Nachmittag lässt sich Farage auf der Bühne der Reform-Konferenz dann wie ein Popstar feiern. Begleitet von Pyrotechnik tritt er ans Rednerpult. Störversuche aus dem Publikum quittiert er mit Gelächter. In Richtung London ruft er: „Genug von den gebrochenen Versprechen. Großbritannien braucht Reform.“
In Teilen erinnert die Debatte an Auseinandersetzungen in Deutschland über irreguläre Migration. Ähnlich wie die AfD nutzt Reform UK das Gefühl angeblicher Unsicherheit, das vor allem in größeren Städten mit Ausländerinnen und Ausländern verbunden werde, um Stimmung zu machen. Roberts Begleiter sagt, jedes Land müsse das Recht haben, die eigene Bevölkerung zu schützen. Am Stand nebenan werden Fußballtrikots mit Farages Namen verkauft.
Im Jahr 2025 war die Einwanderung ins Vereinigte Königreich deutlich gesunken. Nach Zahlen der Statistikbehörde ONS lag der Einwanderungsüberschuss – also die Differenz zwischen Ein- und Auswanderung – bis Ende Dezember 2025 bei 171.000 Menschen. Das sind knapp 50 Prozent weniger als im Vorjahr. Als diese Zahlen im Mai veröffentlicht wurden, lag Reform in mehreren Umfragen teils noch klar vorn.
Reform hat den Vorsprung eingebüßt
In den vergangenen Wochen verlor die rechtspopulistische Partei jedoch an Schwung und liegt mit der Regierungspartei Labour, wenn überhaupt, nur noch etwa gleichauf. Als wesentlicher Grund gilt der Wechsel an der Labour-Spitze von Keir Starmer zu Andy Burnham. Beobachter sprechen vom sogenannten „Burnham Bounce“, also einem Aufschwung für die Regierungspartei unter dem neuen Premierminister.
Die neuen Spendenvorwürfe wurden sowohl von Labour als auch von den Liberaldemokraten bei der Metropolitan Police gemeldet. Außerdem prüft die britische Wahlkommission den Fall und steht dazu mit der Polizei in Kontakt.
Die 61-jährige Barbara sagt, man müsse nun in Ruhe abwarten, was die Untersuchung ergebe. Wie ihre 47 Jahre alte Begleiterin findet sie, dass sich in der britischen Politik endlich grundlegend etwas ändern müsse. Es gehe nicht um rechte oder linke Politik, sondern um die richtige Politik.
Im britischen Unterhaus ist Reform UK derzeit nur mit acht Abgeordneten vertreten. Größeren Einfluss bezieht die Partei bislang vor allem aus der kommunalen Ebene, wo sie Hunderte Sitze gewonnen hat.
Farage hatte in den vergangenen Monaten immer wieder damit kokettiert, Premierminister werden zu wollen. Die nächste reguläre Parlamentswahl ist im Vereinigten Königreich jedoch erst 2029 geplant. Widerstände in der eigenen Partei moderierte er bislang meist weg oder umging sie politisch.
Schon früher stand Farage wegen eines Geldgeschenks von fünf Millionen Pfund in der Kritik, das er vor seiner Wahl ins Parlament 2024 nicht angegeben haben soll. Er legte daraufhin sein Mandat nieder und trat bei der fälligen Nachwahl erneut an. Seine Begründung: Die Wähler sollten selbst über sein Verhalten urteilen. Farage beharrte darauf, dass es sich nicht um eine Parteispende, sondern um ein persönliches Geschenk ohne Bedingungen gehandelt habe.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber