Politik

Scharfes Schießen: Luftabwehr gelingt großer Wurf

Ukraine-Krieg als Warnsignal: Auf Kreta zeigt sich, wie gut Deutschland wirklich gegen Raketen und Drohnen gewappnet ist.

14.10.2026, 14:58 Uhr

Pistorius: Gemeinsamer Ausbau der Nato-Laketenabwehr ist entscheidend

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hält den koordinierten Ausbau der Luftverteidigung innerhalb der Nato für einen wesentlichen Baustein, um die Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit des Bündnisses zu stärken. Beim Besuch der Militärübung Spartan Arrow 2026 auf Kreta verwies der SPD-Politiker auf die Lehren aus dem russischen Krieg gegen die Ukraine. Dort trainierten deutsche und schwedische Soldaten die Flugabwehr unter realen Einsatzbedingungen mit scharfem Schuss.

Pistorius sagte, ein leistungsfähiger Schutz des Luftraums sei unverzichtbar – sowohl für die eigenen Streitkräfte als auch für kritische Infrastruktur und die Zivilbevölkerung. Der Krieg in der Ukraine habe deutlich gemacht, wie zentral Luftverteidigung für Durchhaltefähigkeit, Operationsfreiheit und militärische Schlagkraft sei.

Übungen gegen Drohnen und ballistische Raketen

Auf dem griechischen Nato-Raketenschießplatz NAMFI (Nato Missile Firing Installation) übten deutsche und schwedische Einheiten den Einsatz bodengebundener Luftverteidigungssysteme. Nach Angaben des Militärs fand das Training unter möglichst realitätsnahen Bedingungen statt. Bekämpft wurden dabei Ziele wie Drohnen und ballistische Raketen. Der Übung war bereits 60 Tage zuvor eine Alarmierung in Deutschland sowie die Verlegung der Kräfte vorausgegangen.

Scharfe Schüsse mit Lenkflugkörpern gelten als selten, da die Systeme teuer und militärisch knapp sind. Zudem erfordern solche Tests umfangreiche Sperrungen von Luft- und Seegebieten. Der Standort auf Kreta ist die einzige Anlage dieser Art im europäischen Nato-Raum.

Scharfes Schießen der deutschen Luftverteidigung auf Kreta
Der Nato-Raketenschießplatz auf Kreta Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Dort setzte die Bundeswehr nun erstmals auch ihr neues System Iris-T SLM im scharfen Schuss ein. Das von Diehl Defence entwickelte Luftverteidigungssystem hat sich bereits im Einsatz in der Ukraine bewährt.

Hohe technische Anforderungen bei der Abwehr

Luftwaffeninspekteur Holger Neumann hob auf Kreta die Komplexität moderner Raketenabwehr hervor. Das Abfangen einer taktischen ballistischen Rakete sei in etwa so schwierig, als wolle man „einen Pfeil mit einem Pfeil treffen“, sagte der Generalleutnant.

Die neuen Systeme verfügten über eine sogenannte Hit-to-Kill-Fähigkeit, erläuterte Neumann weiter. Anders als bei Systemen mit Annäherungszünder werde das Ziel nicht nur in unmittelbarer Nähe zur Explosion gebracht, sondern der Gefechtskopf der feindlichen Rakete direkt getroffen. Das sei Hochtechnologie auf höchstem Niveau.

Neumann kündigte zudem an, dass die Luftverteidigung der Bundeswehr wieder ausgebaut werden solle. Derzeit verfüge die Truppe nur über ein Flugabwehrraketengeschwader, während es im Kalten Krieg noch sechs gegeben habe. Damals seien diese Einheiten jedoch weitgehend statisch an der innerdeutschen Grenze stationiert gewesen.

Heute habe sich die Bedrohungslage verändert, sagte Neumann. Moderne Luftkriegsführung verlange mehr Beweglichkeit und Flexibilität. Deshalb solle nicht nur die Zahl der Systeme steigen, sondern auch deren Einsatzkonzept angepasst werden.

Mit Blick auf die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands verwies Neumann auf die Bündnisstruktur der Nato. Deutschland stehe nicht allein, sondern sei Teil eines Verteidigungsverbunds mit 32 Staaten. Im Zusammenspiel bleibe die Nato ein sehr starkes Bündnis.

Ozelot kehrt zum Heer zurück

Bei der Übung auf Kreta kam auch das Flugabwehrsystem Ozelot zum Einsatz. Dieses System wird nun von der Luftwaffe wieder an das Heer abgegeben.

Ozelot basiert auf dem Kettenfahrzeug Wiesel, einem leichten gepanzerten Fahrzeug, das mit vier Startvorrichtungen für infrarotgelenkte Stinger-Flugabwehrraketen ausgerüstet ist. Das Nahbereichssystem dient dem Schutz von Marschkolonnen und Gefechtsständen gegen tief fliegende Luftziele, Drohnen und Marschflugkörper.

Die Rückgabe an das Heer markiert den Beginn des Wiederaufbaus der Heeresflugabwehr, die 2012 aufgelöst worden war. Heeresinspekteur Christian Freuding bezeichnete dies auf Kreta als wichtigen Schritt hin zu einem Heer, das wieder kampffähig sei und sich im Gefecht behaupten könne.

Nach jahrelangem Abbau folgt der Neuaufbau

Nach dem Ende des Kalten Krieges war die deutsche Luftverteidigung stark reduziert worden. In einem von Partnern und Verbündeten umgebenen Land galten Luftangriffe lange als wenig wahrscheinlich, finanzielle Mittel wurden an anderer Stelle eingesetzt.

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 änderte das Verteidigungsministerium seinen Kurs. Seitdem wurden mehrere Beschaffungsprogramme gestartet. Gleichzeitig gab Deutschland Startgeräte und Lenkflugkörper als Militärhilfe an die Ukraine ab, was die eigenen Bestände zunächst belastete.

Die Luftverteidigung ist in mehrere Schutzebenen gegliedert. Unterschiedliche Systeme decken verschiedene Höhenbereiche ab. Im unteren Bereich schützen Nah- und Nächstbereichssysteme vor Drohnen und Tieffliegern.

Im mittleren Bereich kommen vereinfacht gesprochen Patriot und Iris-T zum Einsatz. Darüber hinaus hat das Verteidigungsministerium das israelische Raketenabwehrsystem Arrow beschafft. Dieses soll gegnerische Raketen in Höhen von mehr als 100 Kilometern zerstören können – eine Fähigkeit, über die die Bundeswehr bislang nicht verfügte.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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