Politik

Prien: Kita-Gesetz soll frühe Bildung umkrempeln

Milliarden für Kitas, doch die Lage ist alarmierend: Was das neue Gesetz jetzt wirklich für Kinder und Eltern ändern soll

02.09.2026, 05:30 Uhr

Neues Kita-Gesetz: Prien plant verpflichtende Entwicklungschecks für Vierjährige

Familienministerin Karin Prien will mit einem neuen Kita-Gesetz grundlegende Änderungen für Kinder und Eltern auf den Weg bringen. Künftig soll jedes Kind in Deutschland spätestens mit vier Jahren auf seinen Sprachstand und seine allgemeine Entwicklung untersucht werden. Werden dabei Defizite festgestellt, sollen gezielte Fördermaßnahmen noch vor dem Schuleintritt greifen.

Mit dem sogenannten Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz befasst sich heute das Bundeskabinett in Berlin. Nach dem im Juli vorgelegten Entwurf will der Bund zwischen 2027 und 2034 rund 9,25 Milliarden Euro bereitstellen. Das Geld soll vor allem Kindertagesstätten in belasteten sozialen Lagen zugutekommen, etwa durch zusätzliches Personal in Erziehung und Sozialarbeit.

Frühförderung soll Bildungsnachteile verringern

Prien betonte, dass dort, wo Kinder mehr Unterstützung benötigten, auch mehr Mittel eingesetzt werden müssten. Ziel sei es, die starken sozialen Unterschiede im deutschen Bildungssystem abzuschwächen. In Deutschland hängt der schulische Erfolg nach wie vor besonders stark von Einkommen, Bildungsniveau und sozialem Umfeld der Familie ab.

Die Ministerin sieht in früher Förderung einen entscheidenden Hebel. Im Kindergartenalter lasse sich noch gut feststellen, welche Fähigkeiten ein Kind bereits mitbringt und wo es bis zum Schulbeginn noch Unterstützung braucht. Gerade bei vier- und fünfjährigen Kindern könne man so frühzeitig gegensteuern.

Kindergarten
Alle Vierjährigen sollen künftig nach einheitlichen Standards getestet und gefördert werden. (Symbolbild) Quelle: Bernd Weißbrod/dpa

Bundesweit einheitliche Standards geplant

Der Gesetzentwurf setzt an drei Punkten an: Mehr Kinder sollen überhaupt eine öffentliche Betreuung besuchen, Sprach- und Entwicklungsprobleme sollen möglichst früh erkannt werden, und erkannte Defizite sollen mit passgenauen Hilfen ausgeglichen werden.

Die vorgesehenen Tests sollen nicht nur für Kita-Kinder gelten, sondern auch für Vierjährige, die keine Einrichtung besuchen. Erfasst werden sollen neben den Sprachkenntnissen auch motorische Fähigkeiten und der allgemeine Entwicklungsstand. Laut Entwurf sollen diese Untersuchungen erstmals nach bundesweit einheitlichen Maßstäben erfolgen.

Alle Kitas sollen für die zusätzlichen Tests und Förderangebote etwas mehr Zeit und Geld erhalten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt jedoch auf Einrichtungen mit vielen Kindern aus schwierigen Lebensverhältnissen. Für Kitas mit 80 Kindern sind zusätzliche Fachkraftstunden im Umfang von mindestens 20 Wochenstunden vorgesehen. Bei mehr als 80 Kindern sollen es mindestens 40 Stunden sein, bei mehr als 120 Kindern mindestens 60 Stunden.

Diese gezielte Unterstützung soll in jedem Bundesland mindestens zehn Prozent der Kitas erreichen. Entscheidend ist dabei unter anderem, ob viele Kinder dort in Armut leben, zu Hause nicht Deutsch sprechen oder sprachliche Auffälligkeiten zeigen. Außerdem sollen Kitas und Schulen Ergebnisse aus Sprach- und Entwicklungstests künftig besser austauschen können.

Sozialverband fordert stärkere Förderung nach Bedarf

Auch der Paritätische Gesamtverband spricht sich für zusätzliche Hilfen für Kitas in schwierigen Lagen aus. Er verlangt einen Sozialindex bei der Finanzierung, damit Einrichtungen in Stadtteilen mit hoher Armut, viel Migration und besonderem Inklusionsbedarf gezielt mehr Ressourcen erhalten.

In seinem neuen Kita-Bericht zeichnet der Verband insgesamt ein angespanntes Bild. Grundlage ist eine Befragung von 3.267 Kitas. Demnach fehlen bundesweit rechnerisch 107.000 pädagogische Fachkräfte, obwohl derzeit mehr als 550.000 Kita-Plätze ungenutzt bleiben.

Wo weniger Kinder angemeldet werden, verkleinern sich laut Bericht oft auch die Teams. Besonders in Sachsen sei die Lage problematisch: Dort verliere etwa jede zweite Einrichtung mehr Fachkräfte, als neu eingestellt würden. Ähnlich schwierig sei die Situation in Berlin, Brandenburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

Zudem gaben 65,3 Prozent der Beschäftigten an, mit dem vorhandenen Personalschlüssel den Bedürfnissen der Kinder nicht ausreichend gerecht werden zu können. Neun von zehn Einrichtungen berichten von einer hohen psychischen Belastung des Personals. In 43,5 Prozent der Kitas habe innerhalb eines Jahres mindestens eine Fachkraft aus psychischen Gründen aufgehört.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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