Ein gravierender Fehler der britischen Polizei hat eine heftige Debatte über angeblich „umgekehrten Rassismus“ und rechte politische Instrumentalisierung ausgelöst.
Auslöser ist der Fall eines 23-Jährigen, der in Southampton wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Der Mann aus der Sikh-Gemeinschaft hatte im Dezember 2025 einen 18 Jahre alten weißen Studenten mit einem Messer tödlich verletzt und sich anschließend gegenüber den Einsatzkräften selbst als Opfer eines rassistisch motivierten Angriffs dargestellt.
Auf Aufnahmen einer Bodycam ist zu sehen, wie Polizisten dem schwer verletzten jungen Mann Handschellen anlegen, obwohl dieser wiederholt sagt, dass er niedergestochen wurde und keine Luft bekommt. Die Beamten glauben ihm offenbar nicht. Er stirbt noch am Tatort.
Berechtigte Kritik oder politische Zuspitzung?
Rechte und konservative Politiker machten rasch Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus für das eklatante Fehlverhalten verantwortlich. Liberale und linke Stimmen warnten dagegen vor bewusster rechter Stimmungsmache.
Nigel Farage, Vorsitzender der rechtspopulistischen Partei Reform UK, die in Großbritannien derzeit in Umfragen vorne liegt, sprach von einem „umgekehrten George-Floyd-Moment“. Der Tod Floyds durch Polizeigewalt in Minneapolis gilt als prägendes Ereignis für die Black-Lives-Matter-Bewegung. In einem Videobeitrag auf X beklagte Farage eine angebliche Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der die Rechte und Privilegien weißer Menschen weniger zählten als jene ethnischer Minderheiten.
Der liberaldemokratische Abgeordnete Max Wilkinson reagierte scharf und warf Farage vor, eine Tragödie zu missbrauchen, um Menschen in Großbritannien gegeneinander aufzubringen. Das sei spalterisch, gefährlich und „zutiefst unbritisch“.
Sorge vor einem neuen Sommer der Unruhen
Premierminister Keir Starmer nannte den Vorfall „entsetzlich und schockierend“ und begrüßte die angekündigte Untersuchung durch die Polizeiaufsicht IOPC. Später erklärte er in einer Videobotschaft, er habe die Bodycam-Aufnahme gesehen und sie als „erschütternd“ empfunden. Als Vater eines 17-Jährigen sei ihm beim Ansehen regelrecht schlecht geworden. Nun gebe es gewichtige Fragen zu klären – auch dazu, welchen Einfluss die Rassismusvorwürfe auf die Entscheidungen der Beamten hatten.
Innenministerin Shabana Mahmood erklärte in einer Debatte im Unterhaus, die Ermittlungen sollten innerhalb von drei Monaten abgeschlossen sein. Zugleich mahnte sie, der Mord dürfe nicht dazu führen, dass verschiedene Gemeinschaften gegeneinander aufgebracht würden.
Ähnlich äußerte sich laut der britischen Nachrichtenagentur PA auch der Vater des Opfers vor Gericht. Er sagte, der Tod seines Sohnes dürfe nicht für noch mehr Spaltung, Hass oder Spannungen missbraucht werden.
Der Rechtsextremist Tommy Robinson rief hingegen in einem wütenden Video zu Protesten vor dem Polizeihauptquartier in Southampton auf. Damit schürte er Sorgen vor neuen Ausschreitungen im Sommer. Robinson hatte bereits bei den rassistischen Krawallen im Sommer 2024 eine zweifelhafte Rolle gespielt. Damals kam es in England und Nordirland über Wochen hinweg zu schweren Unruhen.
Nach Angaben von Mahmood musste inzwischen sogar ein Polizeibeamter mit seiner Familie umziehen, nachdem er Morddrohungen erhalten hatte, weil er zu Unrecht mit dem Vorfall in Verbindung gebracht worden war.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion