Nach Fristablauf: Hacker stellen Berliner Verwaltungsdaten öffentlich ins Darknet
Im Erpressungsfall nach dem massiven Diebstahl von Daten aus dem Berliner Landesnetz hat die Hackergruppe Rhysida ihre Ankündigung wahrgemacht. Nach dem Ablauf ihres Ultimatums am Freitagnachmittag wurde die angebliche „Auktion“ auf der Leak-Seite im Darknet beendet. Die Täter teilten dort mit, sämtliche Dateien seien nun in einen öffentlich zugänglichen Bereich hochgeladen worden.
Zuvor war auf der Seite ein Countdown zu sehen, der am Freitag gegen 15.35 Uhr endete. Die Gruppe forderte 30 Bitcoin, also umgerechnet rund zwei Millionen Euro. Der Berliner Senat hatte bereits im Vorfeld klargemacht, sich grundsätzlich nicht auf solche Erpressungsversuche einzulassen und kein Lösegeld zu zahlen.
Nach Einschätzung des Chaos Computer Clubs ist der vollständige Datensatz inzwischen frei zugänglich. Dessen Sprecher Joachim Selzer sagte, nach dem derzeit sichtbaren Stand hätten die Täter den kompletten Bestand zur Einsicht online gestellt. Für die Berliner Verwaltung sei das äußerst heikel, weil es sich um eine große Menge interner Unterlagen handle, die nie für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen seien.
Hinweise auf sensible Personal- und Verwaltungsdaten
Selzer zufolge finden sich in dem Material unter anderem Personalangelegenheiten, Arbeitszeugnisse, Bauunterlagen, Notfallpläne, Dokumente zu Bewerbungsverfahren, Stundenzettel, Wiedereingliederungsmaßnahmen von Beschäftigten sowie Betriebsratsunterlagen. Hinzu komme viel alltäglicher behördlicher Schriftverkehr, der auf den ersten Blick unscheinbar wirken könne, für Identitätsdiebstahl oder gezielte Betrugsversuche aber durchaus interessant sei.
Nach seinen Angaben sind unter den einsehbaren Unterlagen auch Anträge enthalten, etwa für ein neues Diensthandy – samt Unterschrift eines Verwaltungsmitarbeiters. Solche Signaturproben könnten bei kriminellem Missbrauch ebenfalls nützlich sein. Selzer geht zugleich davon aus, dass ein Missbrauch eher mittelfristig stattfinden dürfte, weil der umfangreiche Datenbestand zunächst gesichtet und ausgewertet werden müsse.
Zustimmung für die Haltung des Senats
Dass das Land Berlin kein Lösegeld zahlt, wird in der Fachwelt grundsätzlich unterstützt. Der IT-Sicherheitsexperte Christof Fischer verwies darauf, dass staatliche Stellen bei Erpressungen rechtlich keine Zahlungen leisten dürften.
Gleichzeitig betonte Fischer, wie schwierig die Lage in solchen Fällen ist: Befänden sich sensible Daten in den Händen von Kriminellen, könne eine Veröffentlichung erhebliche Schäden verursachen. Ihm sei bislang kein Fall bekannt, in dem nach einer Zahlung trotzdem veröffentlicht worden sei.
Zugleich hält Fischer es für denkbar, dass Tätergruppen, die häufig in osteuropäischen Staaten sitzen, erbeutete Daten dortigen Behörden zugänglich machen, um sich im Gegenzug Schutz vor Strafverfolgung zu sichern.
Senat prüft Datenbestand und will Betroffene informieren
Der Vorsitzende der Linke-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Tobias Schulze, sprach von einer besonders ungünstigen Lage: Die Erpresser hätten den geforderten Preis nicht erhalten und die Daten nun im Darknet veröffentlicht. Damit könnten grundsätzlich alle Personen mit etwas technischem Wissen auf das Material zugreifen.
Zugleich sieht Schulze nun die Möglichkeit für den Senat, die bisherigen Annahmen über den tatsächlichen Datenabfluss mit dem veröffentlichten Bestand abzugleichen. Dies müsse schnell geschehen. Betroffene Personen und Unternehmen sollten nach seiner Forderung rasch informiert und bestmöglich unterstützt werden.
Die Senatskanzlei teilte am Abend mit, dass der veröffentlichte Datenbestand derzeit von IT-Experten untersucht werde. Betroffene sollen kontaktiert werden. Wenn im Zuge der Analyse einzelne Personen eindeutig identifiziert werden könnten, würden die zuständigen Senatsverwaltungen diese risikobasiert und entsprechend den gesetzlichen Vorgaben informieren.
Grüne fordern Hilfe – GdP übt scharfe Kritik
Auch Werner Graf, Spitzenkandidat der Grünen, bezeichnete es als richtig, dass Berlin sich nicht habe erpressen lassen. Zugleich warnte er davor, dass Passwörter, Kontodaten und persönliche Informationen von Zehntausenden Berlinerinnen und Berlinern sowie Landesbeschäftigten für Identitätsdiebstahl und gezielte Phishing-Angriffe missbraucht werden könnten.
Graf forderte deshalb konkrete Hilfen für Betroffene – unter anderem ein einfaches Verfahren, mit dem sich prüfen lässt, ob eigene Daten betroffen sind. Zudem verlangte er eine gemeinsame Informationskampagne von Senat, Datenschutzbehörde, Verbraucherzentrale und Sicherheitsbehörden.
Scharfe Kritik kam auch von der Gewerkschaft der Polizei. GdP-Landesvize Thorsten Schleheider warf der Berliner Politik vor, das Thema über Jahre vernachlässigt zu haben. Es könne nicht sein, dass über Tage hinweg hochsensible Daten entwendet würden und als erkennbare Reaktion vor allem Passwortänderungen angeordnet würden. Das wirke hilflos; erforderlich sei ein umfassendes inhaltliches Sicherheitskonzept.
Brisante Details zu den erbeuteten Dateien
Bereits zuvor veröffentlichte Übersichten und Bildschirmfotos der Angreifer deuteten auf einen weitreichenden Abfluss hochsensibler Informationen hin. Nach Angaben der Gruppe sollen rund 1,44 Millionen Dateien entwendet worden sein.
Dazu gehörten demnach mehr als 5.000 Personalakten, Bußgeldunterlagen, Gehaltsabrechnungen sowie vertrauliche Dokumente aus Ausschüssen des Bundesrats. Auch Analysen zu möglichen Schwachstellen in der Berliner Trinkwasserversorgung sollen darunter sein.
Darüber hinaus behaupten die Täter, sie hätten Zugangsdaten und Passwörter sogar im Klartext erbeutet, unter anderem für Verwaltungsdatenbanken und Zahlungsdienstleister.
Die Berliner Verwaltung hatte den Cyberangriff, der am 14. August bekannt geworden war, bestätigt. Mit der Untersuchung und Bewältigung des Vorfalls sind das Landeskriminalamt und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik befasst. Durch die nun erfolgte Veröffentlichung des Datenpakets im Darknet drohen den betroffenen Behörden ebenso wie Tausenden Bürgerinnen, Bürgern und Beschäftigten erhebliche Risiken für Datenschutz und Sicherheit.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber