Klimakonferenz in Antalya: Die Welt ringt weiter um Antworten auf die Klimakrise
Extreme Waldbrände in Europa, lebensgefährliche Hitze und Dürre selbst in Deutschland sowie verheerende Sturzfluten in Nepal und China haben in diesem Jahr erneut gezeigt, wie dramatisch sich die Klimakrise zuspitzt. Vor diesem Hintergrund beginnt am Montag, 9. November, die 31. UN-Weltklimakonferenz. Für zwei Wochen kommen dazu Zehntausende Delegierte im türkischen Antalya zusammen.
Worum es bei der COP31 geht
Im Kern soll das Treffen helfen, die Erderwärmung einzudämmen. Grundlage bleibt das Pariser Klimaabkommen, das seit zehn Jahren gilt. Fast 200 Staaten haben sich darin verpflichtet, die globale Erwärmung möglichst auf 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, um die schlimmsten Folgen zu verhindern.
Die Realität sieht jedoch deutlich schlechter aus: Nach aktueller Einschätzung der Vereinten Nationen führt die derzeitige Klimapolitik auf etwa 2,8 Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts zu. Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Johan Rockström, warnt deshalb vor einem Kurs in eine kaum noch kontrollierbare Zukunft. Zugleich gebe es aber noch eine Chance, auf einen sichereren Pfad zurückzukehren.
Kann das Blatt noch gewendet werden?
Bislang steigt der Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxid weiter, statt zu sinken. Der Klimaforscher Niklas Höhne vom NewClimate Institute sagt, eigentlich wäre ein globaler Krisenmodus nötig. Die Entwicklungen dieses Jahres hätten erneut gezeigt, dass der Klimawandel existenzbedrohlich werde, wenn nicht rasch gegengesteuert werde.

Ein solcher Notfallmodus würde nach seiner Ansicht bedeuten, Investitionen in fossile Energien wie Kohle, Öl und Gas konsequent zu beenden. Doch genau diese Entschlossenheit sei derzeit international kaum zu erkennen.
Laura Schäfer von Germanwatch verweist zudem auf schwierige politische Rahmenbedingungen. Viele Regierungen hätten wegen knapper Kassen und wachsendem Druck auf Demokratien weniger Aufmerksamkeit und Geld für den Klimaschutz. Gleichzeitig nähmen die Schäden durch die Klimakrise weiter zu, während die verfügbaren Mittel schrumpften.
Was wäre überhaupt ein Erfolg?
Schon dass sich trotz zahlreicher internationaler Konflikte fast alle Staaten weiter an einen Tisch setzen, gilt als wichtiges Signal. Eine Ausnahme bleiben die USA, die unter Präsident Donald Trump aus dem Pariser Abkommen ausgestiegen sind.
Große Durchbrüche erwarten viele Beobachter allerdings nicht. Höhne rechnet eher mit kleinen Fortschritten. Entscheidend wäre aus seiner Sicht ein klares Signal, dass ein großer Teil der Welt den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas weiter vorantreibt und stattdessen auf erneuerbare Energien, Elektrifizierung und gegenseitige Unterstützung setzt.
Auch Greenpeace Deutschland hofft auf ein Bündnis von Staaten, das den Abschied von fossilen Energieträgern ernsthaft verfolgt. Eine bloße Absichtserklärung ohne Folgen würde aus Sicht der Umweltschützer nicht reichen.
Was die Türkei als Gastgeber erreichen will
Die Türkei schlägt ein neues weltweites Ziel für die Elektrifizierung vor. Demnach soll der Anteil elektrischer Energie am Endverbrauch bis 2035 von derzeit 20 auf 35 Prozent steigen. Ziel ist es, fossile Energieträger zunehmend durch Strom zu ersetzen.
Deutschland unterstützt den Vorstoß. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass Elektrifizierung dem Klima nur dann hilft, wenn der dafür eingesetzte Strom tatsächlich aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Sonne oder Wasserkraft stammt.
Türkei und Australien teilen sich die Führung
Schon im Vorfeld war um die Gastgeberrolle gerungen worden. Auf der vergangenen Klimakonferenz in Brasilien verständigten sich schließlich die konkurrierenden Bewerber Türkei und Australien auf einen Kompromiss.
Die Türkei richtet die COP31 aus und stellt mit Umweltminister Murat Kurum den COP-Präsidenten. Australien übernimmt mit Klimaminister Chris Bowen die Leitung der Verhandlungen. Er soll in den Gesprächen Kompromisse ausloten und tragfähige Abschlusstexte vorbereiten.
Diese Aufteilung ist neu und ungewöhnlich. Kritiker befürchten dadurch Reibungsverluste. Bereits in der Vorbereitung habe sich gezeigt, dass einzelne Initiativen offenbar nicht vollständig abgestimmt gewesen seien.
Kritik am politischen Umfeld in der Türkei
Menschenrechtsorganisationen und Aktivisten blicken auch wegen der innenpolitischen Lage mit Sorge auf die Konferenz. Amnesty International zufolge hat sich die Menschenrechtslage in der Türkei in den vergangenen Monaten weiter verschärft. Demnach geht die Regierung stärker gegen kritische Stimmen vor, darunter Journalisten, Umweltaktivisten und Mitglieder der LGBTIQ-Community.
Deutschlands schwierige Ausgangslage
Deutschland reist selbst mit Problemen nach Antalya. Nach Einschätzung des unabhängigen Expertenrats für Klimafragen ist die Bundesregierung nicht auf Kurs, ihre Klimaziele einzuhalten. Vorgesehen ist, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 65 Prozent und bis 2040 um 88 Prozent gegenüber 1990 zu senken.
Für ein Land, das sich lange als Vorreiter im Klimaschutz verstanden hat, ist das auch ein Glaubwürdigkeitsproblem. Hinzu kommt Kritik an gekürzten Mitteln für ärmere Staaten, die Klimaschutz ausbauen und sich besser gegen Schäden durch die Erderwärmung wappnen sollen. Deutschland hatte zugesagt, dem Globalen Süden jährlich sechs Milliarden Euro bereitzustellen. Nach Berechnungen von Brot für die Welt waren es im vergangenen Jahr aber nur 4,7 Milliarden Euro.
Zusätzlichen Unmut löst aus, dass Kanzler Friedrich Merz nicht zur Konferenz reisen wird. Die Bundesregierung verweist lediglich auf andere Verpflichtungen. Klimaaktivisten sprechen von einem schweren politischen Signal. Fridays for Future kündigte deshalb zur Halbzeit der Konferenz am 13. November einen bundesweiten Klimastreik an 70 Orten an.
Welche Länder besonders wichtig sind
Vor allem China steht im Fokus. Das Land ist der größte Emittent von Treibhausgasen und damit ein zentraler Akteur. Zwar baut die Volksrepublik erneuerbare Energien so stark aus wie kaum ein anderes Land. Gleichzeitig setzt Peking weiterhin auf Kohle als günstige und verlässliche Energiequelle.
Kurz vor Beginn des Gipfels warf Chinas Vize-Umweltminister Li Gao den Industrieländern erneut vor, zu wenig Geld bereitzustellen und ihre Emissionen nicht ausreichend zu senken. Obwohl China inzwischen die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist, gilt es nach den alten UN-Regeln weiterhin als Entwicklungsland.
Auch Saudi-Arabien dürfte wieder besonders beobachtet werden. Das Königreich hat in der Vergangenheit mehrfach versucht, weitreichende Beschlüsse auszubremsen.
Gibt es trotz allem Hoffnung?
Trotz politischer Blockaden sehen Beobachter auch positive Entwicklungen. Nach Ansicht von Greenpeace treiben die Märkte den Wandel inzwischen teilweise schneller voran als die Politik. Weltweit entscheiden sich immer mehr Menschen für Elektroautos und Wärmepumpen, und erneuerbare Energien wachsen schneller als jede andere Energieform.
Hinzu kommt, dass Wind- und Solarenergie in vielen Regionen inzwischen die günstigsten Optionen sind. Selbst in den USA führt das dazu, dass der Ausbau weitergeht.
Ein weiterer Hoffnungsschimmer könnte von den Zwischenwahlen in den Vereinigten Staaten ausgehen. Dort erwarten manche Beobachter durch den Erfolg der Demokraten neue positive Impulse für die internationale Klimapolitik.
Der langjährige Klimabeobachter Niklas Höhne beschreibt die Lage dennoch nüchtern: Die Fortschritte von Jahr zu Jahr seien oft sehr klein und das sei frustrierend. Wer jedoch den längeren Zeitraum betrachte, erkenne durchaus Bewegung in die richtige Richtung. Sie komme viel zu langsam, aber sie sei vorhanden — und daran müsse man sich festhalten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber