Zwei bis heute nicht aufgeklärte Sexualmorde an jungen Mädchen, verübt jeweils nachts nach Dorffesten, liegen acht Jahre und rund 250 Kilometer auseinander. Ob der Täter von Marion Baier und Sonja Hurler noch weitere Opfer gefordert haben könnte, ist eine Frage, die Ermittler in Mittelfranken und im Allgäu ebenso beschäftigt wie die Operative Fallanalyse (OFA) des Polizeipräsidiums München.
Kriminalhauptkommissar Dirk Schinke hält es für durchaus möglich, dass es weitere Fälle gibt. Gemeinsam mit seinem Team untersucht er bundesweit mehr als 40 Tötungs- und Sexualdelikte auf mögliche Verbindungen zu den beiden bayerischen Verbrechen. Geprüft werden dabei Fälle aus verschiedenen Regionen Deutschlands, von Karlsruhe über Düsseldorf bis nach Schleswig-Holstein.
Allerdings kommen nur Delikte infrage, bei denen noch Beweismittel vorhanden sind, etwa Kleidung oder Tatwerkzeuge, an denen sich womöglich DNA-Spuren sichern lassen. Auch andere konkrete Ermittlungsansätze spielen eine Rolle. So arbeiten sich die Fallanalytiker schrittweise durch die einzelnen Akten.
DNA-Spuren führten zu neuer Spur
Im Fall der zwölfjährigen Marion Baier, die im Juli 1973 im mittelfränkischen Oberasbach getötet wurde, brachte moderne DNA-Analytik nach Jahrzehnten neue Erkenntnisse. Die Kripo Fürth nahm den Fall erneut auf, sichtete alte Unterlagen und ließ die Bluse des Mädchens auf Spuren untersuchen.
Dabei zeigte sich: Die DNA stimmt mit Spuren überein, die bereits im Mordfall Sonja Hurler gefunden worden waren. Die 13-Jährige war 1981 in der Nähe von Kempten ebenfalls in der Nacht nach einem Fest getötet worden. In beiden Fällen gehen die Ermittler von Sexualmorden aus, weil die Opfer teilweise entkleidet waren.
Trotz des langen Zeitraums seit den Taten hält Schinke es für realistisch, dass der Täter noch lebt. Nach Einschätzung der Ermittler dürfte er damals selbst noch vergleichsweise jung gewesen sein. Im Fall Marion Baier vermuten sie, dass Täter und Opfer sich möglicherweise kannten. Bei Sonja Hurler gilt das eher als unwahrscheinlich.
Nach Einschätzung der OFA wurden beide Mädchen eher zufällig zu Opfern, weil sie nachts allein unterwegs waren. Schinke sieht in beiden Taten eine spontane Komponente. Das Erkennen möglicher Serientäter gehört neben der Fallanalyse zu den zentralen Aufgaben seines Teams.
Ermittler vermuten regionalen Bezug
Aus Sicht der Profiler handeln Serientäter meist in einem begrenzten geografischen Umfeld. Umso auffälliger erscheint die Distanz von etwa 250 Kilometern zwischen den beiden Tatorten. Die Ermittler vermuten jedoch, dass sich dies durch den Lebensweg des Täters erklären lässt. Denkbar sei, dass er zunächst im Raum Oberasbach lebte und später aus beruflichen oder Ausbildungsgründen ins Allgäu zog.
Schinke verweist darauf, dass es früher zwar auch Mordserien mit großen Entfernungen zwischen den Taten gab, etwa bei Verbrechen an Anhalterinnen oder Prostituierten, die auf mobile Täter wie Lkw-Fahrer hindeuteten. Die Fälle Marion Baier und Sonja Hurler passten nach seiner Einschätzung jedoch nicht zu diesem Muster. In beiden Fällen spreche vieles für einen Täter mit lokalem Bezug.
Nach Beobachtung der Fallanalytiker gab es früher insgesamt mehr Sexualmorde als heute. Schinke vermutet, dass auch das Internet eine Rolle spielt, weil es Fantasien von Tätern teilweise auffange. Zudem sei es in Europa deutlich schwieriger geworden, als Serientäter lange unentdeckt zu bleiben. Viele würden bereits früh gefasst, oft schon nach der zweiten Tat.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber