Politik

Darum wollen fast alle Neubürger den Doppelpass

Überraschende Zahlen zum Doppelpass: Fast alle neuen Deutschen behalten ihren alten Pass – und die Gründe sind brisanter als gedacht.

02.06.2026, 04:30 Uhr

Große Mehrheit neuer Deutscher behält ihren alten Pass

Der überwiegende Teil der Menschen, die im vergangenen Jahr eingebürgert wurden, hat von der seit 2024 geltenden Möglichkeit Gebrauch gemacht, zusätzlich zur deutschen auch die bisherige Staatsangehörigkeit zu behalten. Das geht aus einer Umfrage des Mediendienstes Integration hervor.

In den Städten, die dazu Daten erhoben haben, lag der Anteil der Eingebürgerten mit mehreren Staatsangehörigkeiten demnach zwischen 85 und 98 Prozent. Wer keinen Doppelpass erhielt, entschied sich dafür meist nicht freiwillig: Häufig waren die Betroffenen zuvor staatenlos oder stammten aus Ländern, die Mehrstaatigkeit grundsätzlich ablehnen oder nur in Ausnahmefällen zulassen. Dazu zählen etwa Indien, Äthiopien und Eritrea.

Reform ermöglichte den Doppelpass für alle neu Eingebürgerten

Möglich wurde das durch die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts, die von SPD, Grünen und FDP beschlossen wurde und Ende Juni 2024 in Kraft trat. Seitdem dürfen neu Eingebürgerte ihre bisherige Staatsangehörigkeit grundsätzlich behalten.

Zuvor war das in der Regel nur für EU-Bürger möglich sowie in bestimmten Ausnahmefällen, etwa wenn das Herkunftsland eine Entlassung aus der bisherigen Staatsangehörigkeit verweigerte.

Mit der Reform wurde auch die reguläre Mindestaufenthaltsdauer für eine Einbürgerung verkürzt: Statt acht Jahren genügen nun fünf Jahre rechtmäßiger gewöhnlicher Aufenthalt in Deutschland. Besonders gut integrierte Ausländer konnten sich zwischenzeitlich schon nach drei Jahren einbürgern lassen. Diese sogenannte Turbo-Einbürgerung wurde von der schwarz-roten Bundesregierung im vergangenen Jahr jedoch wieder gestrichen.

Warum viele am bisherigen Pass festhalten

Die frühere Pflicht, den alten Pass in vielen Fällen aufzugeben, galt lange als Hindernis für eine Einbürgerung. Für viele Menschen spielen emotionale und kulturelle Bindungen an das Herkunftsland oder an die Heimat ihrer Eltern eine wichtige Rolle.

Hinzu kommen praktische Gründe: Reisen werden oft einfacher, ebenso Fragen rund um Erbschaften, Eigentum oder die Möglichkeit, in beiden Staaten zu arbeiten.

Kritik an Mehrstaatigkeit hält an

Politisch bleibt die doppelte Staatsbürgerschaft umstritten. Die AfD will sie nur in begründeten Einzelfällen zulassen. Auch die Union steht ihr deutlich skeptischer gegenüber als ihr Koalitionspartner SPD. Vor allem Unionsfraktionschef Jens Spahn und der innenpolitische Sprecher Alexander Throm (beide CDU) äußern Vorbehalte.

Kritiker verweisen auf mögliche Loyalitätskonflikte und warnen vor einer Stärkung von Parallelgesellschaften.

Etwas weniger neue Anträge als 2024

Nach Angaben des Mediendienstes ging die Zahl der neu gestellten Einbürgerungsanträge 2025 um rund zehn Prozent auf etwa 189.000 zurück. Die meisten Anträge wurden in Berlin registriert, mit rund 36.100. Unter den Großstädten folgte München mit etwa 17.800 Anträgen.

Gerade in München ist der Andrang weiter groß, zugleich wächst dort der Bearbeitungsstau. Anfang Mai waren laut Mediendienst mehr als 40.200 Anträge noch nicht entschieden.

Für das vergangene Jahr wird bundesweit mit deutlich mehr als 300.000 Einbürgerungen gerechnet. Darauf deuten bereits veröffentlichte Zahlen aus mehreren Bundesländern sowie Recherchen der Welt am Sonntag hin. Am häufigsten erhielten 2025 Menschen aus Syrien die deutsche Staatsangehörigkeit, gefolgt von Personen aus der Türkei, Afghanistan, Iran und Russland.

Diese Voraussetzungen gelten für den deutschen Pass

Wer eingebürgert werden will, muss mehrere Bedingungen erfüllen. Verlangt werden unter anderem ausreichende Deutschkenntnisse, ein gesicherter Lebensunterhalt aus eigenem Einkommen, ein mindestens fünfjähriger rechtmäßiger Aufenthalt in Deutschland sowie Straffreiheit.

Außerdem müssen die Identität und Kenntnisse der deutschen Gesellschafts- und Rechtsordnung nachgewiesen werden. Hinzu kommt ein Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung und zur historischen Verantwortung Deutschlands für die nationalsozialistische Unrechtsherrschaft und ihre Folgen, insbesondere für den Schutz jüdischen Lebens.

Sicherheitsprüfung vor der Einbürgerung

Vor jeder Entscheidung wird auch der Verfassungsschutz angefragt. Dabei wird geprüft, ob Hinweise etwa auf Extremismus oder Islamismus vorliegen. Nach Angaben des Mediendienstes meldeten die Verfassungsschutzbehörden im vergangenen Jahr in weniger als einem Prozent der Fälle relevante Erkenntnisse zu Antragstellern.

Auch die Zahl der tatsächlichen Ablehnungen aus diesem Grund blieb in den Städten mit entsprechenden Daten im niedrigen einstelligen Bereich. In Thüringen etwa lagen dem Landesamt für Verfassungsschutz nur zu zwei von 4.542 überprüften Antragstellern entsprechende Erkenntnisse vor.

Fehlendes Bekenntnis zu Israels Existenzrecht kann zur Ablehnung führen

In Sachsen-Anhalt wurden den Angaben zufolge zwölf Einbürgerungsanträge abgelehnt, weil Antragsteller kein Bekenntnis zum Existenzrecht Israels abgeben wollten. Diese Vorgabe gilt dort seit Anfang 2023.

Auch Brandenburg führte Mitte 2025 eine entsprechende Regelung ein. Zahlen aus dem Bundesland zu diesem Themenkomplex lagen dem Mediendienst nach eigenen Angaben jedoch nicht vor.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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