Armutsquote in Deutschland steigt wieder auf 16,1 Prozent
In Deutschland sind nach dem neuen Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands wieder mehr als 13 Millionen Menschen von Armut betroffen oder armutsgefährdet. Die Quote stieg 2025 auf 16,1 Prozent und erreichte damit wieder das Niveau von 2020. Der Verband spricht von einem „traurigen Rekord“ und warnt vor einer wachsenden sozialen Spaltung.
Von 2024 auf 2025 legte die Armutsquote um 0,6 Prozentpunkte zu. Zuvor war sie nach 2020 zunächst gesunken und hatte 2023 bei 14,4 Prozent gelegen. Nach Angaben des Verbands leben damit rund 13,3 Millionen Menschen in relativer Einkommensarmut. Hauptgeschäftsführer Joachim Rock mahnte die Regierungskoalition, neue Kürzungsdebatten würden Angst und Unsicherheit verstärken. Zugleich, so Rock, drifte die Gesellschaft sozial weiter auseinander.
Weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens
Die zugrunde liegenden Daten hatte das Statistische Bundesamt bereits im Februar veröffentlicht. Nach der EU-Definition gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Der Verband spricht bei diesem Personenkreis von Armen oder armutsbetroffenen Menschen, während die amtliche Statistik eher von Armutsgefährdung spricht.
Für Alleinlebende lag die Armutsgrenze zuletzt bei 1.446 Euro netto im Monat. Für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren betrug sie 3.036 Euro netto.
Deutliche regionale Unterschiede
Der Bericht verweist auf eine neue negative Entwicklung nach dem Rückgang der Vorjahre. Gleichzeitig bleiben die Unterschiede zwischen den Regionen groß.
Die niedrigsten Armutsquoten verzeichneten Bayern mit 12,6 Prozent und Baden-Württemberg mit 13,2 Prozent. Der Verband führt das auch auf die vergleichsweise starke Wirtschaftsstruktur in beiden Ländern zurück.
Am stärksten betroffen sind laut Bericht Bremen mit 27,5 Prozent, Sachsen-Anhalt mit 21,3 Prozent sowie die Stadtstaaten Hamburg mit 18,9 Prozent und Berlin mit 18,7 Prozent. In Westdeutschland weisen unter anderem Trier (21,4 Prozent), Weser-Ems (20,8 Prozent) und Arnsberg (19,6 Prozent) hohe Werte auf. In Ostdeutschland zählen etwa Chemnitz (18,2 Prozent) und Leipzig (17,4 Prozent) zu den stärker betroffenen Regionen.
Ältere Menschen besonders unter Druck
Der Wohlfahrtsverband warnt, dass Armut im Alter zu einer immer größeren Gefahr wird. Der Lebensabend drohe zur Armutsfalle zu werden, die Lage vieler älterer Menschen sei angespannt.
Den Zahlen zufolge gelten inzwischen 19,5 Prozent der Menschen ab 65 Jahren als arm oder armutsgefährdet. Überdurchschnittlich betroffen sind außerdem Alleinlebende mit 30,3 Prozent, Alleinerziehende mit 28,9 Prozent sowie Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss mit 29,1 Prozent.
Armut trifft auch Erwerbstätige
Die Autoren des Berichts sehen die Ursachen vor allem dort, wo ohnehin schlechtere Voraussetzungen bestehen – etwa bei geringer Bildung oder eingeschränktem Zugang zum Arbeitsmarkt. Zugleich macht der Verband darauf aufmerksam, dass Armut keineswegs nur Menschen ohne Job betrifft: Rund ein Fünftel der armen Menschen ist erwerbstätig. Umgekehrt bedeutet das, dass die große Mehrheit nicht in Erwerbsarbeit steht.
Armut ist zudem kein Randphänomen bestimmter Staatsangehörigkeiten. 70 Prozent der Betroffenen besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit, 30 Prozent haben keinen deutschen Pass.
Millionen Menschen mit akuter Finanznot
Viele Haushalte stehen nicht nur statistisch, sondern ganz konkret unter Druck. Bei 6,9 Prozent der Bevölkerung reichte das Einkommen 2025 nicht aus, um laufende Kosten zu decken. Besonders häufig fehlte Geld für gestiegene Ausgaben bei Strom und Heizung, aber auch für notwendige Anschaffungen wie einen neuen Kühlschrank oder Herd.
Zusätzlich verweist der Bericht auf erhebliche materielle Entbehrungen. Davon waren zuletzt 4,6 Millionen Menschen in Deutschland betroffen, darunter etwa eine Million Kinder und Jugendliche sowie 650.000 Altersrentnerinnen und Altersrentner.
Zahl der Superreichen wächst zugleich
Parallel zur steigenden Armut nimmt auch der Reichtum an der Spitze weiter zu. Laut einem aktuellen Report der Unternehmensberatung Boston Consulting Group stieg die Zahl der sogenannten Superreichen in Deutschland 2025 um rund 1.100 auf etwa 5.000. Gemeint sind Personen mit einem Vermögen von mehr als 100 Millionen Dollar. Zusammen verfügen sie über mehr als ein Viertel des Finanzvermögens im Land.
Reformpläne rücken in den Fokus
Der Bericht erscheint wenige Wochen vor einem angekündigten großen Reformpaket der schwarz-roten Koalition. Ziel der Bundesregierung ist vor allem mehr Wirtschaftswachstum, wovon langfristig auch Einkommen profitieren könnten. Gleichzeitig steht der Bund unter Spardruck.
Der Paritätische warnt deshalb vor Einschnitten bei sozialen Leistungen. Geplante Kürzungen beim Wohngeld würden Armut gerade in Regionen mit hohen Wohnkosten verschärfen. Aus Sicht des Verbands müssten stattdessen Rente und BAföG gestärkt werden.
Auch innerhalb der Koalition gibt es Streit über zusätzliche Belastungen. Die SPD stellt sich gegen weitere Zumutungen für Menschen mit wenig Geld. Generalsekretär Tim Klüssendorf verwies auf steigende Kosten für Miete, Lebensmittel und Mobilität und machte deutlich, dass zusätzliche Belastungen für viele Menschen mit seiner Partei schwer zu machen seien.
Im Fokus steht dabei auch das Sparpaket für die Krankenversicherung von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU). Es sieht unter anderem höhere Zuzahlungen für Medikamente und Einschränkungen bei der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern vor. Die SPD kündigte an, mögliche Änderungen im Bundestag genau zu prüfen, damit Versicherte und Patientinnen und Patienten nicht die Hauptlast tragen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion