Skat zwischen Tradition und Nachwuchssorgen
Mit Schwung legt Marten Fiedler beim Skat seine Karte auf den Tisch: Die Herz-Zehn landet auf der Kreuz-Dame seines Gegenübers. Er hat damit bewusst viele Punkte in den Stich gegeben. Sein Bruder Lukas bleibt äußerlich ruhig. Weil er weder Kreuz noch Trumpf auf der Hand hat, muss er abwerfen und den Stich ziehen lassen. Am Ende verliert er die Partie.
Große Gefühlsausbrüche, wie man sie früher vielleicht aus Wirtshäusern kannte, bleiben an diesem Abend aus. Die sieben jungen Menschen, die sich in Leipzig getroffen haben, wollen vor allem lernen. Einmal pro Woche geben die Online-Weltmeister Florian Pieper und Theodor Liebing an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Skatunterricht. Dass es dafür überhaupt ein Publikum gibt, wirkt auf den ersten Blick überraschend.
Weniger Mitglieder trotz Kulturerbe-Status
Der Deutsche Skatverband hat in den vergangenen zehn Jahren rund 5.000 Mitglieder eingebüßt und zählt nach Angaben seines Vorsitzenden Hans-Jürgen Homilius derzeit noch etwa 14.000. Als wichtigen Grund nennt er, dass Skat in Familien immer seltener weitergegeben werde. Homilius macht dafür auch die intensive Handynutzung verantwortlich, die aus seiner Sicht das familiäre Miteinander schwäche.
Dabei gilt Skat seit Langem als ein typisch deutsches Kartenspiel. 2016 wurde es in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Auch in der Popkultur hat das Spiel Spuren hinterlassen, etwa durch Loriots berühmte satirische Darstellung des verbissenen Skatspielers. Selbst einige Redewendungen werden häufig mit dem Spiel verbunden, darunter „aus dem Schneider sein“ oder „keinen Stich machen“.

Eindeutige Beweise, dass diese Ausdrücke tatsächlich aus dem Skat stammen, gibt es allerdings nicht, sagt Merle Benter vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim. Beim Spruch „aus dem Schneider sein“ gebe es aber zumindest Hinweise auf einen Ursprung im Kartenspiel. Die älteste bekannte urkundliche Erwähnung des Skats datiert laut Verband auf das Jahr 1813. Mehr als zwei Jahrhunderte später ist dennoch offen, wie es mit dem Spiel weitergeht.
Skat verliert den Anschluss an Schach und Poker
Ob Hochschulinitiativen dem traditionsreichen Denksport neuen Auftrieb geben können, ist unklar. Timo Strömel, im Skatverband für junge Zielgruppen zuständig, schätzt, dass es bundesweit an etwa 15 bis 20 Hochschulstandorten Angebote rund um Skat gibt. Dennoch nehme die Beliebtheit weiter ab. Ein Problem sei die hohe Einstiegshürde: Wenn Anfänger direkt gegen erfahrene Spieler antreten, gehe der Spaß schnell verloren.
Auch Joachim Schreiner sieht Versäumnisse. Er leitet seit zwei Jahrzehnten den Deutschen Online-Skatverband in Zweibrücken, den er einst mit aufgebaut hat. Aus seiner Sicht verliert Skat schon seit Langem an Attraktivität. Selbst im Internet lasse sich das kaum auffangen, weil das Spiel im Vergleich zu Poker oder Schach die digitale Entwicklung verschlafen habe. Auf dem Server seines Verbands seien zwar rund 25.000 Spieler aktiv, doch nur etwa 500 bis 600 davon seien jünger als 30 Jahre.
Schreiner sieht zudem die ältere Generation in der Pflicht. Sie habe sich zu wenig um den Nachwuchs gekümmert. Statt junge Leute einzubinden, seien diese in manchen Vereinen eher abgeschreckt worden. Am Skattisch habe oft ein rauer Ton geherrscht, bei dem Schwächere leicht herabgesetzt wurden.
Von einer solchen Atmosphäre ist in Leipzig allerdings nichts zu merken. Dort steht beim Unterricht das gemeinsame Lernen im Vordergrund. Lukas Fiedler nimmt deshalb auch seine Niederlage gegen den Bruder gelassen. Für ihn ist Skat vor allem eines: ein Hobby.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber