Prozess nach tödlicher Autofahrt in Leipziger Innenstadt hat begonnen
Fast auf den Tag genau ein halbes Jahr nach der tödlichen Fahrt durch die Leipziger Innenstadt hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Fahrer begonnen. Der 34 Jahre alte Deutsche ist unter anderem wegen zweifachen Mordes sowie versuchten Mordes in 85 Fällen angeklagt. Nach Angaben seines Verteidigers wird sich der Angeklagte vor dem Landgericht Leipzig zunächst nicht zur Sache äußern.
Die Tat
Nach den Ermittlungen war der Mann am 4. Mai mit seinem Auto mehrere hundert Meter durch die stark besuchte Leipziger Fußgängerzone gefahren. Laut Anklage beschleunigte er den Wagen dabei auf bis zu 90 Kilometer pro Stunde. Während der weniger als eine Minute dauernden Fahrt erfasste er mehrere Menschen.
Eine 63 Jahre alte Frau und ein 77-jähriger Mann kamen ums Leben. Sechs weitere Menschen im Alter zwischen 21 und 87 Jahren wurden verletzt, darunter ein 75-Jähriger und eine 84-Jährige schwer. Zahlreiche Passanten konnten sich nur mit Sprüngen zur Seite in Sicherheit bringen.
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Beschuldigte spätestens am Vorabend den Entschluss gefasst hatte, Menschen gezielt mit dem Auto zu erfassen und zu töten. Nach der Fahrt brachte er den Wagen selbst zum Stillstand und ließ sich ohne Widerstand festnehmen.
Erkenntnisse zum möglichen Motiv
Die Staatsanwaltschaft geht inzwischen von einem Rachemotiv aus. Demnach hatte sich die Ehefrau des Angeklagten bereits im Februar von ihm getrennt und später das alleinige Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn beantragt. Vor der Tat soll der Mann ein Schreiben in seinen WhatsApp-Status gestellt haben, mit dem er seine Frau bloßstellen wollte. Unmittelbar vor seiner Festnahme habe er diesen Text zudem von innen gegen die Autoscheibe gehalten. Nach Darstellung der Anklage wollte er sich so an seiner Ehefrau rächen.
Den Ermittlern zufolge hatte sich der Mann wenige Tage vor der Tat freiwillig in stationäre psychiatrische Behandlung begeben. Ende April war er aus der Einrichtung entlassen worden. Zuvor war er bereits mehrfach polizeilich in Erscheinung getreten, unter anderem wegen Bedrohungen und ehrverletzender Delikte im persönlichen Umfeld.
Die Verteidigung stellt das von der Staatsanwaltschaft angenommene Rachemotiv jedoch infrage. Aus ihrer Sicht greift diese Erklärung zu kurz. Der Angeklagte habe seine Situation als ausweglos erlebt und sei überfordert, hilflos und verzweifelt gewesen. Nach Einschätzung seines Verteidigers wollte er diese Verzweiflung sichtbar machen. Das entschuldige die Tat nicht, könne aus Sicht der Verteidigung aber für die rechtliche Bewertung relevant sein.
Darum geht es im Prozess
Im Verfahren wird es nicht nur um den genauen Ablauf und die Hintergründe der Tat gehen, sondern vor allem auch um die Frage, ob der Angeklagte schuldfähig war. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft gibt es keine Hinweise auf ein politisches oder religiöses Tatmotiv.
Ein vorläufiges forensisch-psychiatrisches Gutachten ergab laut Anklagebehörde keine Anzeichen für eine eingeschränkte Schuldfähigkeit. Deshalb wurde der Mann nach der Tat zwar zunächst in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht, später aber entlassen. Inzwischen sitzt er in Untersuchungshaft in einer Justizvollzugsanstalt.
Die Strafkammer will im Verlauf des Prozesses neben einem psychiatrischen Sachverständigen auch Fachleute aus der Verkehrsanalytik und der Rechtsmedizin anhören. Zudem sind zahlreiche Zeugen geladen. Neun Nebenkläger haben sich dem Verfahren angeschlossen. Nach Angaben des Gerichts sind vorerst 28 Verhandlungstage bis zum 7. Juli des kommenden Jahres angesetzt.
Folgen der Tat
Die Fahrt durch die Leipziger Innenstadt löste bundesweit eine Debatte über den Schutz von Innenstädten aus. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund verwies dabei auf das Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Offenheit im öffentlichen Raum. Vollständig verhindern ließen sich solche Taten trotz bestehender Sicherheitskonzepte nicht.
Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung reagierte erschüttert auf das Geschehen. Zugleich betonte er, Städte müssten Orte der Begegnung und des Miteinanders bleiben. Einige Tage nach der Tat führte die Stadt Leipzig zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ein.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber