Suche läuft weiter – bislang ohne Spur
Zwischen Hoffen und Bangen geht nach dem Einsturz eines Gründerzeithauses in Görlitz die Suche nach drei Vermissten unter hohem Zeitdruck weiter. Seit den frühen Morgenstunden sind Feuerwehr und Technisches Hilfswerk erneut unter schwierigen Bedingungen im Dauereinsatz – bislang ohne Erfolg. Noch am Mittwochabend betonte ein Polizeisprecher, die Arbeiten liefen auf Hochtouren, die Einsatzkräfte täten alles Menschenmögliche.
Im Laufe des Tages kamen die Arbeiten nach Einschätzung der Feuerwehr gut voran. Immer wieder wurden große Teile des eingestürzten Hauses aus den Trümmern gezogen. Dabei wurde teils mit der Hand, teils mit schwerem Gerät gearbeitet. Im Einsatz waren unter anderem mehrere Radlader, Bagger sowie kleine und große Kräne. Gesucht wird sowohl von der Straßenseite als auch von der Rückseite des Gebäudes. Am Abend setzte in Görlitz zusätzlich Regen ein.
Zeitweise absolute Stille an der Einsatzstelle
Zwischendurch wurde es an der Unglücksstelle immer wieder auffallend still. Grund dafür waren freigelegte Hohlräume, die von THW-Kräften mit Sonden und Ortungstechnik untersucht wurden. Dabei achten die Helfer unter anderem auf mögliche Klopfgeräusche, Rufe oder sogar Atemgeräusche. Für diese Suche muss an der Einsatzstelle völlige Ruhe herrschen.
Nach Angaben des THW wurde außerdem mit einem Megafon in den Trümmerkegel hineingerufen, damit mögliche Verschüttete durch Geräusche oder andere Reaktionen auf sich aufmerksam machen können. Zwei Teams versuchten demnach unabhängig voneinander, auf diesem Weg Hinweise zu erhalten. Die bisherigen Messungen mit Ortungsgeräten blieben jedoch ohne Ergebnis, weshalb die Suche weitergeht.
Feuerwehr hält Überleben weiter für möglich
Ob die drei Vermissten noch lebend gefunden werden können, ist weiter offen. Gesicherte Lebenszeichen gibt es bislang nicht. Feuerwehrchefin Anja Weigel betonte jedoch, dass grundsätzlich so lange von möglichen Überlebenden ausgegangen werde, bis das Gegenteil feststehe.
Zugleich sinken die Chancen mit jeder Stunde. Die Hoffnung richtet sich darauf, dass möglicherweise jemand in einem Hohlraum eingeschlossen wurde. Weigel sprach davon, dass es dafür Glück und vielleicht sogar ein Wunder brauche. Nach Einschätzung der Einsatzkräfte könnten Verschüttete unter solchen Trümmern im besten Fall bis zu 72 Stunden überleben.
Wie wahrscheinlich es ist, die Vermissten bald zu finden, lässt sich nach Angaben der Polizei derzeit nicht seriös vorhersagen.
Suche konzentriert sich auf mögliche Hohlräume
Für die Helfer bleibt es ein Wettlauf gegen die Zeit. In den Trümmern gibt es Hohlräume, in denen Menschen überlebt haben könnten. Wenn solche Stellen entdeckt werden, wird die Suche gezielt dort fortgesetzt. Mitarbeiter des THW untersuchen diese Bereiche mit speziellen Kameras und Sonden – bislang jedoch ohne Ergebnis.
Die Suche konzentriert sich damit weiter auf Punkte, an denen möglichst schnell Klarheit gewonnen werden kann. Dabei müsse im schlimmsten Fall auch damit gerechnet werden, nur Körperteile zu finden. Zudem kann nicht ausgeschlossen werden, dass im vorderen Bereich vor dem Haus auch Fußgänger verschüttet worden sein könnten. Weitere Vermisstenmeldungen gibt es bisher aber nicht.
Drei Menschen werden weiter vermisst
Das Gebäude war am Montag gegen 17.30 Uhr aus bislang ungeklärter Ursache eingestürzt. In dem Haus befinden sich Miet- und Ferienwohnungen. Zunächst galten fünf Menschen als vermisst, zwei von ihnen konnten später jedoch ausgeschlossen werden, weil sich die Feriengäste noch auf der Anreise befanden.
Aktuell werden noch drei Menschen vermisst: zwei rumänische Touristinnen im Alter von 25 und 26 Jahren sowie ein 48-jähriger Mann mit deutscher und bulgarischer Staatsangehörigkeit, der sich aus beruflichen Gründen in Görlitz aufhielt. Von allen drei fehlt weiterhin jedes Lebenszeichen. Nach bisherigem Stand wurden an der Unglücksstelle weder Verletzte noch Tote gefunden.
Nach Angaben aus dem Umfeld der Betroffenen wollte ein Teil der Gruppe Urlaub in Görlitz machen. Ein Angehöriger berichtete, dass seine Verlobte und seine Cousine in dem Haus gewesen seien, als es einstürzte. Er selbst sei zu diesem Zeitpunkt beim Einkaufen gewesen und sei geblieben in der Hoffnung, dass beide gerettet werden.
Angehörige werden betreut
Görlitz‘ Oberbürgermeister Octavian Ursu steht nach eigenen Angaben in engem Kontakt mit den Angehörigen der Vermissten. Diese seien emotional stark belastet. Ursu erklärte, er bitte sie um Geduld und habe außerdem Kontakt mit der zuständigen Botschaft in Berlin aufgenommen.
In Sichtweite der Unglücksstelle wurde ein Zelt eingerichtet, in das sich Angehörige zurückziehen können. Dort ist auch ein Team aus drei Notfallseelsorgern ansprechbar. Nach Angaben des Leiters der Notfallseelsorge gibt es für die Familien zwar auch andere Übernachtungsmöglichkeiten, viele wollen aber bewusst in der Nähe bleiben, um das Geschehen mitzuverfolgen. Das Warten und die Ungewissheit seien für sie kaum auszuhalten.
Arbeit zwischen Staub, Trümmern und Dauerbelastung
Für die Einsatzkräfte ist die Suche körperlich und psychisch äußerst belastend. Nach Angaben des THW erschweren viel Staub und die Arbeit mit Schutzmasken den Einsatz zusätzlich. Die Bergung sei hart und anstrengend.
Das THW arbeitet in einem Acht-Stunden-Schichtsystem. Dadurch sind ständig mindestens zwei Bergungsgruppen im Einsatz, die nach acht Stunden abgelöst werden und sich anschließend 16 Stunden erholen. Auch mental sei das für die Helfer eine große Herausforderung.
Von dem Haus ist laut THW kaum noch etwas zu erkennen. Die Trümmer reichen demnach etwa bis zur zweiten Etage. Der Einsatzort gleiche inzwischen einem großen Abrisshaufen. Ein THW-Vertreter aus Bautzen sprach von keinem Alltagseinsatz – auch wegen der Möglichkeit, dass die Vermissten nicht lebend gefunden werden könnten.
Anwohner holen wichtige Dinge aus ihren Wohnungen
Mehrfach waren Anwohner an den Nachbarhäusern zu sehen, um mit Taschen und Koffern wichtige Dinge aus ihren Wohnungen zu holen. Einige wollten unter anderem Schulsachen, Fahrräder oder persönliche Gegenstände mitnehmen. Viele stehen noch unter dem Eindruck des lauten Knalls, den der Einsturz ausgelöst haben soll. Ein Anwohner berichtete, das Haus habe gewackelt; trotz der Belastung fühle er sich gut versorgt und emotional aufgefangen.
Den Bewohnern wurde inzwischen freigestellt, ob sie in ihre Wohnungen zurückkehren wollen. Wer zurückkehrt, muss allerdings in Kauf nehmen, dass derzeit weder Strom noch Wasser noch Gas zur Verfügung stehen.
Gasleitungen geleert – Gefahr reduziert
In der Nacht wurden die Gasleitungen rund um die Unglücksstelle vollständig geleert. Dadurch sei die Explosionsgefahr gesunken und der Einsatz für die Rettungskräfte deutlich weniger gefährlich geworden, sagte eine Polizeisprecherin. Die Suche war während dieser Arbeiten aus Sicherheitsgründen vorübergehend unterbrochen worden.
Die verbliebenen Gasmengen wurden in der Nacht kontrolliert abgefackelt. Nach Angaben der Feuerwehr wurde die Gefahr dadurch deutlich reduziert. Ganz ausgeschlossen seien Gaseinschlüsse in Hohlräumen aber weiterhin nicht. Gerade solche möglichen Gasreste erschweren die Arbeiten zusätzlich.
Zusätzlich wurde eine Seitenwand zum rechten Nachbarhaus abgestützt, um die Helfer bei der Suche besser zu schützen. Dabei kam es nach Angaben der Feuerwehr zu Bewegungen im Mauerwerk. Deshalb mussten die Einsatzkräfte den vorderen Bereich der Unglücksstelle zeitweise verlassen.
Bereits zuvor war die Gasversorgung rund um den Einsatzort vorsorglich gestoppt worden. Nach Angaben der Stadtwerke diente das dem Schutz von Anwohnern und Einsatzkräften.
Ursache des Einsturzes weiter unklar
Warum das Haus einstürzte, ist weiterhin nicht geklärt. Im Raum steht unter anderem eine Gasexplosion.
Wegen der unterbrochenen Versorgung hat die Stadt gemeinsam mit dem Neisse-Bad Görlitz Dusch- und Wärmemöglichkeiten für Betroffene organisiert. Eine Ersatzversorgung mit Gas ist nach Angaben der Verantwortlichen nicht möglich.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion