Suche nach drei Vermissten dauert an
Nach dem Einsturz eines Gründerzeithauses im sächsischen Görlitz läuft die Suche nach drei Vermissten weiter. Für die Einsatzkräfte bleibt es ein Wettlauf gegen die Zeit: Nach Polizeiangaben besteht für mögliche Verschüttete bei den aktuellen Temperaturen eine Überlebenschance von bis zu 72 Stunden. Am Dienstagabend waren seit dem Einsturz bereits mehr als 24 Stunden vergangen.
Ein Polizeisprecher betonte, dass weiterhin von einer Vermisstensuche und nicht von einer Bergung gesprochen werde. Von zwei Frauen und einem Mann fehlt bislang jedes Lebenszeichen.
Oberbürgermeister Octavian Ursu (CDU) unterstrich erneut, dass die Rettung von Menschen absolute Priorität habe. Bereits am Montagabend waren rund 140 Einsatzkräfte vor Ort. Unterstützung kommt aus Deutschland und dem benachbarten Polen, darunter auch Ehrenamtliche. Neben Feuerwehr, THW und Katastrophenschutz sind auch Höhenretter im Einsatz.
Spürhunde schlagen mehrfach an
Bei der Suche nach den Vermissten werden weiterhin spezielle Spürhunde eingesetzt. Feuerwehr-Einsatzleiter Remo Kölzsch erklärte, die Tiere reagierten auf Lebenszeichen – und hätten sowohl in der Nacht nach dem Einsturz als auch am darauffolgenden Tag mehrfach angeschlagen.
Feuerwehrchefin Anja Weigel sagte am Dienstagabend allerdings auch: "Wir haben bisher noch niemanden gefunden." Die Anzeigen der Hunde ließen keine Rückschlüsse auf den Zustand der Vermissten zu. Auch aus der Zahl der Fundstellen lasse sich nicht ableiten, wie viele Menschen unter den Trümmern liegen. Weil eine Explosion als Ursache vermutet wird, müsse zudem damit gerechnet werden, dass nur einzelne Körperteile gefunden werden.
Rettungskräfte arbeiten auch in der zweiten Nacht weiter
Die Helfer müssen sich äußerst vorsichtig durch das Trümmerfeld arbeiten. Viele Teile werden mit Schaufeln und teils mit bloßen Händen bewegt. Immer wieder müssen Einsatzkräfte abgelöst werden, weil die Arbeit körperlich wie psychisch sehr belastend ist.
Seit Dienstag kommen zusätzlich auch ein Bagger und ein Kran zum Einsatz, um größere Trümmerteile behutsam zu bewegen. Gleichzeitig versuchen die Retter, mögliche Hohlräume im Schutt zu erhalten – dort könnten sich noch Menschen befinden. Der Einsatz soll auch in der zweiten Nacht nach dem Einsturz fortgesetzt werden. Die Beteiligten stellen sich auf viele weitere Stunden Arbeit ein.
Zwei Frauen und ein Mann werden vermisst
Weiterhin vermisst werden zwei rumänische Touristinnen im Alter von 25 und 26 Jahren sowie ein 48-jähriger Mann mit bulgarischer und deutscher Staatsangehörigkeit. Er hielt sich aus beruflichen Gründen in Görlitz auf.
Von zunächst fünf vermissten Personen waren zwei kurz nach Mitternacht wieder aufgetaucht. Die beiden Feriengäste waren noch auf der Anreise und befanden sich beim Einsturz nicht im Gebäude. In dem Haus gab es nach Polizeiangaben sowohl Mietwohnungen als auch Ferienunterkünfte.
An der Unglücksstelle hielt sich zudem ein Angehöriger der beiden vermissten Frauen auf. Er wurde von Seelsorgern betreut. Auch Oberbürgermeister Ursu sprach mit ihm sowie mit weiteren Personen aus dem Umfeld der Frauen. Nach Angaben des Mannes waren sie nach Görlitz gekommen, nachdem er sie über den Einsturz informiert hatte.
Gas in Hohlräumen bleibt ein großes Risiko
Eine besondere Gefahr ist weiterhin mögliches austretendes Gas. Die Einsatzkräfte befürchten vor allem, dass sich Gas in Hohlräumen im Trümmerberg gesammelt haben könnte. Die Stadtwerke hatten am Dienstagnachmittag nach eigenen Angaben die Gaszufuhr in dem betroffenen Bereich abgestellt.
Gelöst war das Problem damit an der Unfallstelle jedoch noch nicht. Deshalb frästen Mitarbeitende der Stadtwerke Teile der Straße auf, um an die Gasleitungen zu gelangen. Das erschwert die Rettungsarbeiten zusätzlich.
Auch die Kreuzung James-von-Moltke-Straße/Dr.-Kahlbaum-Allee/Blockhausstraße nahe der Einsatzstelle musste gesperrt werden, damit Maschinen bereitgehalten werden können. Die Polizei warnt vor Verkehrsbehinderungen, die voraussichtlich auch am Mittwoch noch anhalten könnten.
Ursache weiter unklar – vieles spricht für Gasexplosion
Die genaue Ursache des Einsturzes ist weiterhin nicht geklärt. Nach Einschätzung von Oberbürgermeister Ursu deutet aber noch immer vieles auf eine Gasexplosion hin.
Die gesamte James-von-Moltke-Straße unweit des Görlitzer Bahnhofs bleibt großräumig abgesperrt. Fahrzeuge von Feuerwehr und THW stehen bereit, auch eine Hundestaffel ist vor Ort, um bei Bedarf eingesetzt zu werden. Auf den zuvor dort abgestellten Autos liegt weiterhin eine feine Staubschicht.
Häuser neben Einsturzstelle wohl wieder bewohnbar
Baustatiker sind an der Unglücksstelle im Einsatz. Nach derzeitiger Einschätzung können die Häuser links und rechts der Einsturzstelle später wieder bezogen werden – allerdings erst, wenn die Personensuche abgeschlossen ist.
Von der Evakuierung sind insgesamt 54 Menschen betroffen. Vier von ihnen wurden in einer städtischen Villa untergebracht. Bewohner weiter entfernter Häuser durften am Dienstag in ihre Wohnungen zurückkehren, hatten dort laut Polizei jedoch kein warmes Wasser.
Anwohner schildern dramatische Momente
Anwohner beschrieben die Minuten rund um das Unglück als erschütternd. Eine Frau berichtete von einer Detonation "wie eine Bombe" und starkem Rauch, der durch ein gekipptes Balkonfenster in ihre Wohnung gezogen sei.
Ein anderer Anwohner schilderte einen heftigen Knall und eine massive Erschütterung. Seinen Angaben nach kroch er zunächst instinktiv unter einen Tisch und wählte dann den Notruf. Vom Balkon aus habe er schreiende Menschen gehört. Als gelernter Klempner habe er sofort an eine Gasexplosion gedacht.
Ein weiterer Zeuge sagte, die Wucht sei so stark gewesen, dass er zeitweise befürchtet habe, auch sein eigenes Haus könne einstürzen.
Görlitz als Filmkulisse gefragt
Görlitz liegt in der sächsischen Oberlausitz direkt an der Neiße und ist mit rund 57.000 Einwohnern die östlichste Stadt Deutschlands. Gemeinsam mit der polnischen Nachbarstadt Zgorzelec bildet sie seit 1998 eine grenzüberschreitende Europastadt. Wegen ihrer weitgehend erhaltenen historischen Altstadt ist Görlitz zudem ein gefragter Drehort für internationale Filmproduktionen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion