Nordrhein-Westfalen

Mordprozess – Zehn Schüsse, sieben Treffer, nur Schweigen

Mitten in Düsseldorf prasseln Schüsse auf ein Taxi: Der Neffe eines berüchtigten Drogenbosses entkommt knapp. Jetzt startet der Prozess.

07.09.2026, 15:09 Uhr

Prozess in Düsseldorf unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen gestartet

Mit einem ungewöhnlich starken Polizeiaufgebot hat in Düsseldorf der Prozess um den Anschlag auf den Neffen eines berüchtigten Drogenbosses begonnen. Bewaffnete und maskierte Einsatzkräfte sicherten den Hochsicherheitstrakt, auch an den Zufahrten zum Gerichtsgebäude waren zahlreiche Polizisten postiert. Als Spezialeinheiten drei Angeklagte aus der Untersuchungshaft zum Prozess brachten, kam es zeitweise zu Verkehrsbehinderungen.

Die strengen Maßnahmen dienen nach Gerichtsangaben auch dem Schutz der Beschuldigten. Hintergrund ist offenbar die Befürchtung, dass Angehörige der Gegenseite Rache nehmen könnten.

Verteidigung greift Staatsanwaltschaft an

Schon zum Auftakt sorgten Verfahrensfragen für Streit. Die Verteidigung verlangte, den Staatsanwalt von dem Verfahren abzuziehen. Er soll einen Angeklagten über Stunden im Gefängnis vernommen haben, ohne dessen Anwalt zu informieren. Der Staatsanwalt wies den Vorwurf zurück und erklärte, der Beschuldigte habe das Gespräch selbst gewünscht. Das Gericht will darüber zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden.

Zusätzlich beanstandeten die Verteidiger, dass die im Gericht verlesene Anklage von der Fassung abwich, die ihnen vorlag. Der Vorsitzende Richter bestätigte die Abweichung, woraufhin die Anklage erneut verlesen werden musste.

Ein Angeklagter weist Vorwürfe zurück

Im weiteren Verlauf beteuerte ein 39 Jahre alter Syrer seine Unschuld. Er habe sich am Tattag in Hameln aufgehalten und sei nicht die Person, die auf einem Blitzerfoto auf der Rückbank des mutmaßlichen Tatwagens zu sehen sei. Die beiden anderen Männer im Auto kenne er nicht.

Schüsse auf Taxi-Fahrgast
Zehn Einschusslöcher: Das Taxi am Tatort. (Archivbild) Quelle: Henning Kaiser/dpa

Für einen 22-jährigen Türken kündigte dessen Verteidiger eine spätere Einlassung an. Der junge Mann sei zwar am Tatort gewesen, habe aber nicht geschossen, sagte der Anwalt nach der Sitzung. Entgegen den Aussagen von Zeugen seien sämtliche Schüsse nur aus einer Waffe abgegeben worden – und diese gehöre nicht seinem Mandanten.

Das Gericht zeigte Aufnahmen und Fotos des Fahrzeugs, das kurz vor der Tat mit hoher Geschwindigkeit durch einen Tunnel in der Nähe des Tatorts gefahren sein soll. Auf einem Bild sind drei Männer in einem dunklen Wagen mit Kennzeichen aus Hameln zu erkennen.

Zehn Schüsse auf einen Taxifahrgast

Die Staatsanwaltschaft wirft zwei Angeklagten versuchten Mord vor, dem dritten Beihilfe dazu. Nach einem vierten Verdächtigen wird seit Montag öffentlich gefahndet.

Nach den Ermittlungen wurden am 30. Dezember 2025 auf einer stark befahrenen Straße in Düsseldorf zehn Schüsse auf einen Fahrgast in einem Taxi abgegeben. Das 40-jährige Opfer erlitt sieben Treffer und überlebte nur dank einer Notoperation.

Im Gericht wurden Fotos der durchschossenen Kleidung des Mannes gezeigt, auf denen die Einschusslöcher markiert waren. Der Verletzte hatte vor dem Angriff an einer Kundgebung vor dem niederländischen Konsulat teilgenommen. Dort war die Freilassung seines Onkels gefordert worden: des in den Niederlanden inhaftierten Drogenbosses Hüseyin B., der seit rund 28 Jahren im Gefängnis sitzt und auch als "Pablo Escobar Europas" oder "der Pate" bekannt ist.

Ermittler zeichnen Ablauf der Tat nach

Hüseyin B. soll nach Erkenntnissen der Ermittler bereits Ende der 1990er Jahre bei abgehörten Telefonaten mehrfach Mordaufträge erteilt haben. Britische Medien berichteten zudem, der heute fast 70-Jährige habe mit Heroinhandel Milliarden verdient. In einem früheren Wohnhaus in London sei später eine schallisolierte Folterkammer entdeckt worden.

Nach Darstellung der Ermittler wurde der Neffe bereits bei der Kundgebung am Konsulat beobachtet. Als er anschließend mit einem Taxi wegfuhr, sollen ihm drei Männer in einem Auto gefolgt sein. Kurz darauf habe das Fahrzeug das Taxi auf der vierspurigen Kaiserstraße überholt. Zwei Männer seien ausgestiegen und hätten in der Nähe des NRW-Finanzministeriums das Feuer eröffnet.

Möglicher Hintergrund: Bandenkrieg

Die Ermittler vermuten hinter dem Attentat einen seit Jahren gewaltsam geführten Konflikt zwischen kriminellen Gruppen, der seinen Ursprung in der Türkei haben soll und sich über Europa ausgebreitet habe.

Nach Angaben eines Ermittlers sollen sich die sogenannten "Daltons" mit weiteren Banden verbündet haben, um gegen den Clan von Hüseyin B. vorzugehen. Auch der Düsseldorfer Anschlag könnte in diesem Zusammenhang stehen. Beim Prozessauftakt spielte dieser Aspekt jedoch zunächst keine Rolle.

Drei Männer angeklagt, ein Verdächtiger auf der Flucht

Auf der Anklagebank sitzen ein 39-jähriger Syrer und ein 22-jähriger Türke als mutmaßliche Schützen. Der ältere Mann war von Spezialkräften in Hameln festgenommen worden, der jüngere in Gelsenkirchen. In dessen Wohnung fanden Ermittler eine AK-47 Kalaschnikow sowie eine weitere Schusswaffe.

Der dritte Angeklagte, ein 37-Jähriger, soll sein Auto als Tat- und Fluchtfahrzeug zur Verfügung gestellt haben. Ihm wird Beihilfe zum versuchten Mord vorgeworfen. Der mutmaßliche Fahrer des Wagens ist weiterhin flüchtig.

Für das Verfahren sind insgesamt 19 Verhandlungstage angesetzt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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