Niedersachsen

Jahrelange Folter? Jetzt will die Angeklagte auspacken

Was dieser Familie in Salzgitter vorgeworfen wird, ist kaum zu fassen: Eine junge Frau soll jahrelang brutal gequält worden sein.

27.10.2026, 12:13 Uhr

Geständnisse im Folterprozess von Braunschweig angekündigt – Anklage schildert jahrelange Misshandlungen in Salzgitter

Im Verfahren um die mutmaßlich jahrelange Misshandlung einer heute 32 Jahre alten Frau in Salzgitter hat eine 63-jährige Angeklagte zum Prozessauftakt ein Geständnis angekündigt. Ihr Verteidiger erklärte vor dem Landgericht Braunschweig, seine Mandantin wolle die Vorwürfe im Kern einräumen und Verantwortung übernehmen.

Vor Gericht stehen neben der 63-Jährigen auch ihr 50 Jahre alter Ehemann, ihre 29-jährige Tochter sowie der 54-jährige damalige Lebensgefährte der Tochter. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft kannten die Beschuldigten das mutmaßliche Opfer seit Jahren und waren zunächst freundlich mit ihr verbunden. Nach einer Trennung sollen sie der Frau erst geholfen und sie aufgenommen haben.

Laut Anklage kippte das Verhältnis später vollständig. Aus ersten Übergriffen sollen sich über Jahre massive Gewaltexzesse entwickelt haben. Die Ermittler werfen den vier Angeklagten vor, die Frau von September 2021 bis März 2026 in rund 50 Fällen geschlagen, gedemütigt, gequält und teils schwer verletzt zu haben. Als Auslöser hätten demnach mitunter schon Verspätungen oder aus Sicht der Beschuldigten falsche Antworten gereicht.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Angeklagten die Abhängigkeit und Wehrlosigkeit der Frau ausnutzten. Aus Dankbarkeit habe das Opfer in den Haushalten mitgeholfen. Wegen fehlender anderer Sozialkontakte und eigener Unselbstständigkeit sei sie den beiden Frauen der Familie schnell hörig geworden. Nach ersten Ohrfeigen sollen die Beschuldigten später auch Gegenstände wie Baseballschläger, Bunsenbrenner, Zangen, Hammer und Nägel eingesetzt haben, um der Frau starke Schmerzen zuzufügen.

Zu den besonders schweren Vorwürfen zählt, dass die Angeklagten das Opfer gezwungen haben sollen, sich mit einer Rohrzange selbst Zähne zu ziehen. Zudem ist von Verbrennungen, Schlägen und sexualisierter Gewalt die Rede. Nach Angaben der Anklage musste die Frau auch Tassen mit Essig trinken, außerdem soll ihr Feuerzeuggas ins Gesicht gesprüht worden sein. Die Beschuldigten sollen viele Taten gefilmt und untereinander weitergeleitet haben.

Besonders erschütternd ist ein weiterer Vorwurf der Anklage: Die Angeklagten sollen zugelassen haben, dass die kleinen Kinder der 29-Jährigen auf das bereits verletzte Opfer mit einem Hammer einschlugen. Die 29-Jährige antwortete auf Fragen des Gerichts dazu, das hätte nicht passieren dürfen.

Dem Quartett werden unter anderem schwere Körperverletzungen vorgeworfen, teils gemeinschaftlich begangen. Es drohen Freiheitsstrafen von bis zu zehn Jahren. Für das Ehepaar kommt nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft auch eine anschließende Sicherungsverwahrung in Betracht.

Neben der 63-Jährigen haben auch ihre Tochter und deren damaliger Lebensgefährte Angaben angekündigt. Die 29-Jährige räumte nach Gerichtsangaben einzelne Taten ein, bestritt andere Vorwürfe jedoch und erklärte, an manches keine Erinnerung mehr zu haben. Für den 54-Jährigen stellte sein Verteidiger ein umfassendes Geständnis in Aussicht. Der Ehemann der 63-Jährigen will sich laut Verteidigung nicht äußern. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft ist der 50-Jährige einschlägig vorbestraft und in der Vergangenheit unter anderem wegen Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden.

Bis auf den 54-jährigen Lebensgefährten sitzen alle Angeklagten in Untersuchungshaft. Drei von ihnen befinden sich seit März 2026 in U-Haft. Wie die mutmaßlichen Taten bekanntwurden, teilte das Gericht nicht mit. Medienberichten zufolge soll sich das Opfer schließlich mit Unterstützung an die Polizei gewandt haben.

Die heute 32 Jahre alte Frau war zum Prozessauftakt nicht im Saal. Anwesend war nur eine Vertreterin der Nebenklage. Für das Verfahren vor dem Landgericht Braunschweig sind 19 Verhandlungstage mit zahlreichen Zeugen und mehreren Gutachtern bis Anfang März 2027 angesetzt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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