Früher saßen Familien mit schweren 3D-Brillen vor dem Fernseher und glaubten, das sei die Zukunft des Heimkinos. Tatsächlich galt 3D-TV auf der IFA 2009 und 2010 als großer Hoffnungsträger. Doch der Hype verflog rasch. In die Reihe der bekanntesten Fehlschläge der Messe gehören auch gebogene Fernseher, Digitalkassetten oder interaktive CDs für analoge Urlaubsbilder.
Auf der IFA in Berlin, die in diesem Jahr vom 4. bis 8. September stattfindet, wurden solche Ideen oft mit großem Aufwand als Beginn einer neuen Technikära präsentiert. Manche Entwicklungen waren technisch beeindruckend, andere schlicht unnötig. Wieder andere kamen auf den Markt, als die nächste Innovation bereits vor der Tür stand. Die traditionsreiche Messe, die den alten Namen Internationale Funkausstellung längst hinter sich gelassen hat, war immer beides: Schauplatz echter Meilensteine wie des elektronischen Fernsehens (1931), des UKW-Rundfunks (1950), der Compact Cassette (1963), des PAL-Farbfernsehens (1967) oder der CD (1981) – und Bühne für Produkte, die kaum jemand wirklich wollte.
Video 2000: Technisch stark, wirtschaftlich chancenlos
Einer der größten Rückschläge der IFA-Geschichte war Video 2000. Philips und Grundig stellten das System 1979 in Berlin vor und schienen im Rennen gegen Sonys Betamax und JVCs VHS beste Karten zu haben. Die Kassetten ließen sich wenden wie Audiokassetten, boten bis zu acht Stunden Laufzeit und überzeugten mit guten Standbildern.
Doch nicht die Technik entschied, sondern der Markt. VHS war durch eine aggressive Lizenzstrategie bereits weit verbreitet, vor allem in Videotheken. Als Video 2000 endlich ausgereift war, hatten sich VHS-Regale und Gewohnheiten längst etabliert. Mitte der 1980er war das europäische System trotz technischer Vorteile vom Markt verschwunden.

Die Digital Compact Cassette hatte keine Chance
Ähnlich unglücklich verlief die Geschichte der Digital Compact Cassette, kurz DCC. Philips führte das Format 1991 mit dem Versprechen ein, digitalen Klang auf Band zu bieten und zugleich alte analoge Kassetten weiter abspielen zu können.
Während Philips noch an der Technik arbeitete, stand bereits Sonys MiniDisc bereit. Wenig später stellte das MP3-Format das gesamte Konzept physischer Tonträger infrage. Spätestens mit dem iPod ab 2001 war klar, dass tragbare digitale Dateien die Zukunft waren – und weder DCC noch MiniDisc dauerhaft bestehen konnten.
D2-MAC wurde von der Digitalisierung überholt
Auch der Fernsehstandard D2-MAC erwies sich als Sackgasse. 1985 auf der IFA vorgestellt, sollte er das analoge Breitbildformat 16:9 in Europa etablieren. Dahinter stand ein ehrgeiziges und teures Industrieprojekt.
Zwar dienten die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona und die Fußball-EM in Schweden noch als große Bühne für die Technik. Doch während in Europa noch über Übergangslösungen diskutiert wurde, setzte sich das digitale Fernsehen bereits durch – per Satellit, Kabel und Antenne. Gegen diese Entwicklung konnten auch Branchengrößen wie Philips, Thomson und Grundig nichts ausrichten.
Quadrophonie: Gute Idee, aber zu früh
Manche Konzepte scheiterten nicht, weil sie schlecht waren, sondern weil der Markt noch nicht bereit war. Dazu zählt die Quadrophonie. Auf der IFA 1973 versuchte die HiFi-Branche, den nächsten Schritt nach Stereo zu verkaufen: vier getrennte Kanäle für echten Raumklang.
Im Kern war die Idee richtig, denn Surround-Sound ist heute selbstverständlich. Anfang der 1970er bedeutete das jedoch: vier große Lautsprecher im Wohnzimmer, verschiedene konkurrierende Formate und hohe Kosten. Viele Kunden machten da nicht mit und blieben beim klassischen Stereo. Heute kommt räumlicher Klang als "Spatial Audio" oft ganz ohne Lautsprecherwand über Kopfhörer.
Der Kinoerfolg von 3D verführte die TV-Branche
Jahrzehnte später wiederholte sich das Muster beim 3D-Fernsehen. Nach dem Erfolg des Films Avatar erklärte die IFA 2010 das stereoskopische Fernsehen zum nächsten großen Trend. Kaum ein Messestand kam ohne 3D-Brillen aus, kaum ein Prospekt ohne Tiefeneffekt.
Im Alltag überzeugte das Konzept jedoch nicht. Die Brillen waren unbequem, das Bild flimmerte, manche Nutzer klagten über Kopfschmerzen – und passende Inhalte gab es nur in geringer Zahl. Schon nach wenigen Jahren verschwand 3D-TV still und leise aus den Programmen der Hersteller.
Curved TVs lösten ein Problem, das niemand hatte
Noch schneller verging der Hype um gebogene Fernseher. 2013 und 2014 präsentierten Hersteller großformatige Curved TVs als besonders immersives Heimkino-Erlebnis.
Der Effekt funktionierte allerdings nur dann richtig, wenn man exakt mittig vor dem Gerät saß. Schon leicht versetzte Sitzplätze lieferten ein schlechteres Bild. Zudem wirkten die gebogenen Geräte an der Wohnzimmerwand für viele eher unpraktisch als elegant. Am Ende war es eine spektakuläre Idee ohne echten Nutzen im Alltag.
Vergessene Silberlinge: CD-i und Photo-CD
Auch bei optischen Datenträgern gab es einige Fehlgriffe. Das Philips-System CD-i, 1991 vorgestellt, sollte Spiele, Filme und Nachschlagewerke auf dem Fernseher interaktiv nutzbar machen. Damit nahm es vieles vorweg, was später Multimedia ausmachte.
Doch die Technik war zu schwach und die Bedienung zu umständlich. PCs und moderne Spielkonsolen übernahmen diese Rolle deutlich erfolgreicher.
Noch schneller war das Konzept der Kodak Photo-CD überholt. Ebenfalls 1991 wirkte es sinnvoll, analoge Fotos im Labor auf CD speichern zu lassen. Doch mit dem Siegeszug der Digitalkamera fiel die Grundlage des Modells weg: Bilder wurden direkt digital aufgenommen und auf Computern gespeichert.
Auch Haushaltsgeräte sind vor Fehltritten nicht sicher
Seit 2008 zeigt die IFA offiziell auch sogenannte weiße Ware, also Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen, Öfen oder Kaffeemaschinen. Auch in diesem Bereich gab es zahlreiche Ideen, die zwar modern wirkten, sich im Alltag aber nicht durchsetzen konnten.
Ein Grund dafür ist der Gegensatz zwischen langer Lebensdauer und schneller Digitalisierung. Kaum jemand möchte eine teure Waschmaschine austauschen, nur weil einige Jahre später die App nicht mehr unterstützt wird oder ein Server abgeschaltet wird. Dazu kam bei vielen Kunden Skepsis gegenüber Geräten, die selbstständig Nachschub bestellen sollten – etwa Kühlschränke, die Milch ordern, oder Waschmaschinen, die Waschmittel automatisch nachkaufen.
Viel Aufwand, kaum Nutzen
Einige Produkte wirkten zudem wie komplizierte Technikspielereien ohne echten Mehrwert. Dazu gehörten per Smartphone steuerbare Wasserkocher oder Toaster. Denn Wasser einfüllen oder Brot einlegen musste man trotzdem noch direkt am Gerät. Die App sparte also keine Zeit, machte die Nutzung aber komplizierter.
Andere Konzepte scheiterten vor allem am Preis. So zeigte die IFA ab 2017 immer wieder Dampf-Schränke und automatische Bügelsysteme. Die Idee: zerknitterte Hemden oder Anzüge in den Schrank hängen, Knopf drücken, und das Gerät glättet die Kleidung nahezu selbstständig.
In der Praxis waren diese Geräte jedoch groß, stromhungrig und mit Preisen von bis zu 2.500 Euro sehr teuer. Damit blieben sie ein Nischenprodukt – eindrucksvoll auf der Messe, aber selten in deutschen Haushalten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber